#RIO2016

Isabell Werth: „Ich habe in Rio Angst um meinen Sohn“

Dressur-Star Isabell Werth über ihre fünften Olympischen Spiele, die Sorgen als Mutter und das wahre Glück im Reitsport.

Isabell Werth erlebt in Rio de Janeiro ihre fünften Olympischen Spiele. In Brasilien tritt die 47-Jährige auf Weihegold

Isabell Werth erlebt in Rio de Janeiro ihre fünften Olympischen Spiele. In Brasilien tritt die 47-Jährige auf Weihegold

Foto: dpa Picture-Alliance / nordphoto / Straubmeier / picture alliance / nordphoto

Rio de Janeiro.  Ab Mittwoch steigt die fünfmalige Olympiasiegerin Isabell Werth ins Wettkampfgeschehen ein. Vor ihren fünften Spielen spricht die 47-jährige Dressurreiterin über ihre olympischen Erfahrungen, die sportlichen Aussichten für Rio und warum sie ihren sechsjährigen Sohn nicht mit nach Brasilien nimmt.

Frau Werth, können Sie sich noch daran erinnern, wo Sie die Spiele 2012 verfolgt haben?

Isabell Werth: So weit das möglich war: zu Hause vor dem Fernseher. Auf dem Sofa, wie man so schön sagt.

Wie fühlte sich die Zuschauerrolle für Sie, die schon vier Olympische Spiele live erlebt hatte, damals an?

Das hatte sich ja ein bisschen abgezeichnet. Mein Pferd Don Johnson war noch nicht so stabil und abgeklärt. Natürlich war es im Verlauf ein bisschen enttäuschend, weil ich am Anfang des Jahres doch die Hoffnung hatte, die Kurve zu kriegen. Aber irgendwann muss man das als Sportler eben so hinnehmen. Es war auch kein Drama für mich, aber natürlich eine Enttäuschung. Weil ich mein Ziel nicht erreicht hatte.

Wenn Sie bei den Spielen dabei waren, haben Sie jedes Mal Mannschaftsgold geholt, 1996 in Atlanta zudem im Einzel gewonnen. An welche Olympia-Ausgabe erinnern Sie sich am liebsten?

Alle vier Spiele waren für mich besonders. Ich mache da keine Rangliste. 2008 hatte für uns sicherlich am wenigsten den Gesamtcharakter Olympischer Spiele – weil wir in Hongkong waren, und alle anderen in Peking.

Mit welchen Erwartungen zogen Sie los?

Es gab auch in Rio wieder die üblichen Horrorszenarien vorneweg. Aber wenn man wie ich das Glück hatte, schon bei einigen Spielen dabei gewesen zu sein, lässt man sich davon nicht so schnell erschrecken. Denn meistens löst sich vor Ort vieles in Wohlgefallen auf. Also: Bei mir herrschte uneingeschränkt große Vorfreude.

Und der sportliche Aspekt?

Wir haben eine sehr starke Mannschaft, und ich bin so frech zu behaupten: In Rio müssen die anderen erst mal besser sein als wir. In der Einzelwertung ist immer die Tagesform entscheidend. Charlotte Dujardin ist da die ganz klare Favoritin – und hinter ihr gibt es sicher eine Handvoll Reiterinnen, die um die Medaillen kämpfen.

Sie selbst sind neben Ihrer Erfahrung und Nervenstärke für Ihren Kampfgeist bekannt. War der extrem gefordert, als im Frühjahr klar war, dass Sie weder Bella Rose noch Don Johnson, Ihre beiden Top-Pferde, mit nach Rio nehmen können?

Das war weniger Kampfgeist, das war, ganz ehrlich, eine sehr emotionale Schieflage. Da kann einem auch niemand helfen, da muss man sich selber raushangeln. Und irgendwann heißt es dann: Auf zu neuen Ufern.

In Rio reiten Sie nun auf der elfjährigen Stute Weihegold, die in den letzten Monaten eine rasante Entwicklung hingelegt hat. Was zeichnet Ihr Olympia-Pferd aus?

Die Deutsche Meisterschaft hat gezeigt, dass ich anfangen kann, diese Stute wirklich zu präsentieren. Das Potenzial, das sie hat, die Eleganz, die Leichtigkeit, die sie ausstrahlt. Wir versuchen, größtmögliche Schwierigkeiten in höchstmöglicher Leichtigkeit zu präsentieren. Das gelingt mit Weihegold wirklich schon sehr gut, sie ist eine sehr hübsche, elegante Erscheinung. Und dazu ziemlich cool und abgeklärt.

Einige Jahre lang mussten Sie mit nicht ganz so begabten Pferden versuchen, den Anschluss zu halten. Gab es Momente, in denen Sie dachten: Den ganzen Wettkampfsport muss ich nicht mehr haben?

Mag sein, dass in all der Zeit mal das eine oder andere Jahr ohne Championats-Titel oder -Teilnahme dabei war. Am Ende des Tages kann ich sagen, dass ich wenige untalentierte Pferde hatte. Natürlich war bei manchen reiterliche Stärke stärker gefordert als vielleicht das Jahrhunderttalent des Pferdes. Aber das gibt auch Selbstbewusstsein – wenn man es schafft, trotzdem gute Erfolge zu haben. Das bestätigt einen als Ausbilderin. Letztlich ist der Turniererfolg oder das Reiten nur das Sahnehäubchen, das Topping. Die tägliche Arbeit zu Hause und die Befriedigung, wenn man mit dem jungen Pferd mal einen kleinen Schritt nach vorne gemacht hat – das sieht der normale Zuschauer nicht. Aber für mich ist es häufig ein größeres Glücksgefühl als eine Prüfung zu gewinnen.

Auch als bei Olympia zu gewinnen?

Auch das.

Mit all Ihren Erfahrungen und der Sehnsucht nach Einfachheit: Können Sie schon sicher sagen, dass Ihre fünften Olympischen Spiele auch Ihre letzten sind?

Wenn ich das unter diesen Gesichtspunkten betrachte, hätte ich ja schon lange aufhören müssen. Aber nein: Ich kann weder sagen, das sind meine letzten Spiele, noch, dass es nicht meine letzten sind. Ich werde die Anzahl der Turniere sicher reduzieren, um die Zeit mit meinem sechsjährigen Sohn genießen zu können. Bevor er 18 ist, möchte ich noch ein bisschen was von ihm mitbekommen haben. Früher habe ich darüber gelächelt, wenn einer sagte: An deinen Kindern siehst du, wie schnell die Zeit vergeht. Aber es ist so.

Ist der Sohn denn mit dabei in Rio?

Nein. Denn da hab‘ ich, ehrlich gesagt, Angst. Ich mach‘ mir nicht wegen des Zika-Virus‘ Sorgen, sondern mehr um das Thema Sicherheit. Wenn man sich anschaut, was in der Welt alles passiert, bin ich froh, wenn ich ihn sicher zu Hause weiß. Diese Spiele haben für mich zwei Aspekte: Erst einmal Rio als solches als Sicherheitsthema. Wobei ich denke, wenn man dort ein paar grundsätzliche Dinge berücksichtigt, ist man relativ sicher. In New York gehe ich ja auch nicht in die Bronx. Aber die Frage, ob es nicht wieder Terroranschläge gibt – das weiß niemand. Das ist einfach das Beängstigende, was im Moment in der Welt los ist.