Den Kellnern auf der „MS Deutschland“ wurde bis zum Morgengrauen alles abverlangt. Zwischen Hunderten feierwütigen Hockey-Fans und den glückseligen Olympiasiegern, die auf der Bühne laute Gesangseinlagen zum Besten gaben, bugsierten sie große Tabletts mit Bier und Cuba Libre durch die Reihen.
War es schon in der Gold-Nacht von Diskusriese Robert Harting auf dem Luxusliner hoch hergegangen, so erlebte das Traumschiff in der Nacht zu Sonntag seine wohl rauschendste Party-Nacht bei den Olympischen Spielen in London.
Und mittendrin der Berliner Martin Häner, der sein Glück auch zu später Stunde kaum fassen konnte. „Das ist so ein intensives und gutes Gefühl“, jubilierte der Verteidiger vom BHC und nahm seine Freundin Simone in den Arm: „Damit ist für mich ein Kindheitstraum in Erfüllung gegangen.“
Viele kaputte Gläser
Nach ihrem 2:1-Sieg über den Erzrivalen Niederlande machten die deutschen Hockeyspieler das Kreuzfahrtschiff zu ihrem ganz persönlichen Traumschiff und feierten bis fünf Uhr morgens im Champions Club den zweiten Olympiasieg in Folge mit Freunden und Familie. Dabei kam es zu zahlreichen Beschädigungen. „Es wurde heftig gefeiert und auf den Tischen getanzt“, sagte DHB-Sportdirektor Heino Knuf. Die Party sei aus dem Ruder gelaufen. Viele Gläser gingen kaputt. Den finanziellen Schaden wird der Verband übernehmen. Die Mannschaft hat sich inzwischen entschuldigt und Kapitän Andreas Greulich ein signiertes Trikot sowie einen Hockeyschläger geschenkt. Der nahm die Entschuldigung an und sagte: „Wir sind froh und stolz, dass die Jungs am Montag mit uns zurück nach Hamburg fahren.“
Eine weitere Schrecksekunde erlebten die Olympiasieger von London beim Frühstück. So wurde vermeldet, dass der Siegtreffer durch Jan-Philipp Rabente in der 64. Minute irregulär gewesen sei. Der Mittelfeldspieler von Uhlenhorst Mühlheim, der zuvor per sehenswertem Chip schon das 1:0 erzielt hatte, war kurz vor dem 2:1 hinter dem Tor des Gegners herumgelaufen, bevor er auf der anderen Seite das Feld wieder betrat und die Kugel ungedeckt über die Linie schob. Es ist laut Regel 9,14 jedoch verboten, hinter dem Tor zu laufen.
Zum Glück für das deutsche Team haben die Schiedsrichter ebenso wie der Video-Umpire und die niederländischen Gegenspieler den Verstoß nicht moniert. „Das ist mir so was von egal“, sagte Bundestrainer Markus Weise, der als Coach jetzt drei Olympiasiege in Folge feierte. 2004 mit den Damen, 2008 und 2012 mit den Herren.
Mit harter Arbeit zum historischen Erfolg
„Das ist eine historische Leistung“, sagte der deutsche Hockey-Präsident Stephan Abel. Weise lobte die Leistung seiner Mannschaft. „Die Jungs haben hart gearbeitet und es geschafft, bei den entscheidenden Spielen zuzulegen. Es war wie in Peking wieder eine Mannschaft, die den unbedingten Willen hatte, das Spiel zu gewinnen. Viele Leute verwechseln Wunsch und Wille“, sagte der Mannheimer. Dabei greift er gern auch zu ungewöhnlichen Mitteln, um die Mannschaft optimal einzustellen. So hatte die Mutter des Teampsychologen vor dem Finale für jeden Spieler Fingerpuppen gebastelt. „Die Spieler hatten eine kreative Aufgabe, sie sollten sich in Sechser-Gruppen ein Rollenspiel oder Sketch ausdenken, damit haben sie sich gedanklich auf das Endspiel vorbereitet.“
Dass nun ausgerechnet Jan-Philipp Rabente sich zum großen Matchwinner aufschwang, damit war nicht unbedingt zu rechnen. Immer wieder musste der 25 Jahre alte Student der Wirtschaftswissenschaften in der Gold-Nacht erklären, wie es dazu gekommen war. Zu diesen beiden wunderschönen Toren, mit denen er Hockey-Deutschland am vorletzten Olympia-Abend in Verzückung versetzt hatte. „Zwei Tore habe ich für die Nationalmannschaft noch nie gemacht“, sagte er, strich sich durch die blonden Haare und konnte sein Glück auch Stunden nach dem „größten Moment seines Lebens“ noch nicht so wirklich begreifen. „Das ist unfassbar. Ich war einfach zur richtigen Zeit an der richtigen Stelle.“
In der Tat hatte Rabente an diesem Abend im Finale um die Goldmedaille das Glück am Schläger kleben. Dabei ist er gar kein Goalgetter. Bis zu den Olympischen Spielen hatte der 25-Jährige in 74 Länderspielen gerade einmal sechs Treffer erzielt. „Mein Ziel ist es ja gar nicht unbedingt, Tore zu schießen, sondern die Spiele zu gewinnen“, sagte Rabente, „aber wenn dazu eben Tore notwendig sind, dann treffe ich natürlich gern.“ Seine Teamkollegen zeigten großen Respekt vor der Leistung des Matchwinners. „Wir er die Holländer frisch gemacht hat und das Ding dann ins Tor gechippt hat – Hut ab“, sagte etwa Christopher Zeller, einst in Peking der Schütze des Siegtores zum Olympiatriumph.
Einzige deutsche Mannschaft mit Medaille
Die Hockey-Herren sind die einzige deutsche Mannschaft, die mit einer Medaille von den Spielen heimkehrt – und dann auch noch mit der goldenen. Die Hockey-Frauen um Fahnenträgerin Natascha Keller hatten Rang sieben belegt, die Volleyball-Männer waren im Viertelfinale gescheitert. Fußballer, Handballer, Basketballer und Wasserballer hatten sich gar nicht qualifiziert. Markus Weise ist daher auch zurzeit der erfolgreichste deutsche Team-Bundestrainer – und wird wohl 2016 in Rio wieder an der Seitenlinie stehen. „Meine Vorstellung ist, dass ich auf jeden Fall bis Rio weitermachen werde“, sagte Weise. Die Gespräche mit dem Verband laufen.
Was ihn anspornt, sind dabei nicht so sehr die Goldmedaillen. „Mich motiviert die Gruppe und die Frage, was kann ich aus ihr herausholen. Wenn ich das nicht mehr spannend finde, kann ich den Job nicht mehr machen. Das könnte in vier Jahren so sein. Aber ich weiß es nicht.“

