London 2012

Gold-Kanute Brendel kritisiert deutschen Leistungssport

Kanute Sebastian Brendel hat Olympia-Gold geholt. Dennoch hatte er harsche Worte für die Sportförderung.

Mehr Geld, eine bessere und gezieltere Förderung und Professionalisierung: Sebastian Brendel hat nach seinem Kanu-Olympiasieg ein Umdenken im deutschen Hochleistungssport gefordert. „Es gibt auf jeden Fall bessere Förderungssysteme. Wenn wir wollen, dass der deutsche Sport in den nächsten Jahren erfolgreich ist, müssen wir mehr investieren“, sagte der Goldmedaillengewinner im Einer-Canadier am Dorney Lake.

„In den meisten Sportarten geht das nicht mehr, dass du nicht Profi bist“, ergänzte der 24-Jährige. Brendel selbst absolviert derzeit eine Ausbildung bei der Bundespolizei.

Im vergangenen Jahr war er freigestellt, um sich auf die Spiele vorzubereiten. „Aber im September geht es weiter mit der Ausbildung. Ich hätte mir schon ein bisschen mehr Urlaub gewünscht“, sagte er lächelnd.

Im Kanu-Rennsport sieht Brendel vergleichsweise wenig Probleme. „Es ist ja alle vier Jahre so, dass die Kanuten den Medaillenspiegel nach oben drücken“, sagte er über die starke Zwischenbilanz. „Wir haben in Potsdam eine superstarke Trainingsgruppe und pushen uns gegenseitig. Das ist der Schlüssel zum Erfolg, dass alles zentriert ist. Das System greift“, sagte er.

Auch Olympiasieger Robert Harting schloss sich der Kritik an. „Wir vergleichen uns in der Wirtschaft mit sämtlichen Ländern, wir sind für den Euro immens wichtig, und wir setzen politisch Maßstäbe. Warum sollen wir uns nur in der Sportförderung nicht mit anderen vergleichen dürfen?“, sagte der 27-Jährige: „Jeder redet über Geld, aber wenn Sportler es tun, bekommen sie einen übergezogen.“

Eine kurze Nacht nach seinem Goldwurf im Londoner Olympiastadion schoss Harting auch gegen die Fernsehsender, die außer Fußball kaum noch Sport zeigen würden. „Sie setzen unsere sportliche Zukunft aufs Spiel“, sagte der Berliner. „Auch Lehrer gucken Fernsehen und lassen ihre Schüler nur noch Fußballspielen“, meinte er, „dadurch geht viel Potenzial für Deutschland verloren.“

Tochter Hanna verleiht Flügel

Brendel war am Vormittag mit schmerzverzerrtem Gesicht in Eaton dem größten Triumph seiner Karriere entgegen gepflügt, Töchterchen Hanna verlieh ihm dabei Flügel. „Auf den letzten Metern muss man den inneren Schweinehund überwinden und an etwas Schönes denken, um die Schmerzen zu vergessen. Da ist mir Hanna eingefallen, das hat mir Kraft gegeben“, sagte der Kanute nach seiner grandiosen Goldfahrt im Einer-Canadier auf dem Dorney Lake.

Nach seinem Coup brüllte der Potsdamer seine Freude heraus, winkte strahlend ins Publikum und schüttelte immer wieder ungläubig den Kopf.

Bei seinem Olympia-Debüt fuhr der 24-Jährige der Konkurrenz auf der 1000-m-Strecke in bemerkenswerter Weise davon und trat damit in die großen Fußstapfen des dreimaligen Canadier-Olympiasieger Andreas Dittmer, der Brendel von der Tribüne zujubelte.

„Wahnsinn. Als die Startschnur runtergegangen ist, war ich sofort online. Ich bin gut reingekommen und habe bei 250 Metern gemerkt, dass ich etwas mache. Ich konnte richtig locker über die Strecke gehen“, sagte Brendel, für den sich sein Sieg 0,877 Sekunden vor dem spanischen Vizeweltmeister David Cal Figueroa wie „das perfekte Rennen“ anfühlte.

Die letzte Motivationsspritze kam aus der Heimat von der knapp zweijährigen Hanna um sechs Uhr morgens. „Meine Freundin hat mir eine Videobotschaft geschickt. Da hat Hanna gesagt: 'Mein Papa, viel Glück!' Es hat mich sehr gefreut, sie noch einmal zu sehen und mich noch mal zusätzlich motiviert. Ihr möchte ich das hier widmen“, sagte Brendel, dem bei der Nationalhymne die Tränen in den Augen standen.

Für Brendel hatten sich damit alle Mühen gelohnt. Rund 4000 Kilometer verbrachte er im vergangenen Jahr auf dem Wasser, 20 bis 25 Stunden wurde in der Woche trainiert. Das habe sich ausgezahlt, sagte er. Er genieße den Triumph, weil er so viel geopfert habe, meinte Brendel, der sein Paddel zunächst nicht aus der Hand geben wollte.

Im vergangenen Jahr war es ihm im WM-Vorlauf gebrochen, der Medaillentraum damit geplatzt und die Olympia-Qualifikation fraglich. An dieses Missgeschick hat er aber nicht mehr gedacht. „Ich habe mit dem Hersteller telefoniert“, sagte Brendel, „ich lasse es jetzt vorher nicht mehr aus den Augen, um auszuschließen, dass es umfällt oder einer drauf tritt. Ich war letztes Jahr der Pechvogel, aber das ist mir jetzt alles egal.“

Gold, Silber, Bronze, Bronze

Brendel veredelte mit seiner Goldfahrt auf dem Dorney Lake einen erfolgreichen ersten Finaltag des Deutschen Kanu-Verbandes (DKV). Der Vierer-Kajak der Frauen mit der viermaligen Olympiasiegerin Katrin-Wagner Augustin fuhr nach 500 m mit einem Rückstand von 0,471 Sekunden auf Weltmeister Ungarn zu Silber. Max Hoff (Essen) im Einer-Kajak und die Peking-Olympiasieger Martin Hollstein/Andreas Ihle (Neubrandenburg/Magdeburg) im Zweier-Kajak paddelten zu Bronze.

„Vier Rennen, vier Medaillen. Wir sind voll im Plan, haben aber noch Luft nach oben“, sagte DKV-Präsident Thomas Konietzko. Besonders die verpasste Goldmedaille im Frauen-Vierer schmerzte. „Natürlich bin ich ein bisschen enttäuscht. Hätten wir den Start erwischt, hätten wir gewonnen“, sagte die 34-jährige Wagner-Augustin.

Nachdem ihr Freund David Storl schon Silber im Kugelstoßen gewonnen hatte, zog die Mannheimerin Carolin Leonhardt nach. Auch bei ihr kam die Freude nur langsam durch: „Im ersten Moment haben wir Gold verloren.“ Franziska Weber (Potsdam) und Tina Dietze (Leipzig) waren derweil froh, bei ihrem Olympia-Debüt überhaupt eine Medaille gewonnen zu haben. Sie wollen am Donnerstag im Zweier-Kajak nachlegen.

Die Medaillenspur hatte der ehemalige Weltmeister Hoff mit Platz drei hinter dem WM-Dritten Eirik Veras Larsen (Norwegen) und Weltmeister Adam van Koeverden (Kanada) im ersten Finale des Tages gelegt. „Das war eine Initialzündung“, sagte Sportdirektor Jens Kahl, während Cheftrainer Reiner Kießler nach einem „super Tag“ anmerkte: „Alle sind dem Kapitän gefolgt.“

Das galt auch für Hollstein/Ihle, die trotz eines tollen Schlussspurts Gold als Dritte hinter Ungarn und Portugal bei fairen Windbedingungen um 0,471 Sekunden verpassten. „Wir haben alles gegeben und können uns nichts vorwerfen“, meinte Ihle. Hollstein wollte erst gar keine Diskussion um die Farbe der Medaille aufkommen lassen: „Wir haben Bronze gewonnen.“