Unter der Last von 196 Kilogramm ist Matthias Steiners Traum von einem weiteren magischen Moment bei den Olympischen Spielen auf schmerzhafte Weise geplatzt. Im Finale der Gewichtheber-Königsklasse knickte der 29-Jährige beim zweiten Versuch im Reißen ein, die Hantel krachte ihm im Fallen ins Genick und zwang den „Goldjungen“ von Peking wenige Minuten später zur Aufgabe. Es war die dramatische Fortsetzung von Steiners Leidensweg, der in London eigentlich sein Ende finden sollte.

Monatelang hatte sich der gebürtige Österreicher nach seinem Einriss der Quadrizeps-Sehne im vergangenen September zurückgekämpft und sich gegen das drohende Karriere-Aus gestemmt. Wochenlang ging er an Krücken, hatte Schmerzen, Stunde um Stunde verbrachte er in der Reha. Alles für diesen einen Moment, in dem das Schicksal erneut zuschlug.

Der Superschwergewichtler riss das Gewicht nach oben und begann, die Beine zu strecken. Doch die Last war zu groß. Er geriet aus dem Gleichgewicht, die Hantelstange krachte ihm in den Nacken. Er zog den Kopf unter der Stange weg, die ihm dann auf den Oberschenkel fiel und das rechte Bein hinunterrollte. Er blieb am Boden liegen, stand nach kurzer Behandlungszeit jedoch wieder auf, bevor Helfer vor ihm einen Sichtschutz gegen neugierige Blicke postieren konnten.

Doch alle Versuche hinter der Bühne, die Muskulatur mit Massagen zu lockern, schlugen fehl. Steiner ließ seinen dritten Versuch im Reißen und damit jegliche Medaillenchance verstreichen. Aus Sorge um die Gesundheit trat Steiner zum Stoßen nicht mehr an.

Dabei hatte der Wettkampf am Dienstag optimal begonnen. Im Reißen, seiner schwächeren Disziplin, korrigierte Steiner noch vor dem ersten Versuch um zwei Kilo nach oben und packte die erste Hürde problemlos. Zahlreiche deutsche Fans in der prallgefüllten Arena 3 des Londoner ExCel-Komplexes, darunter auch seine zweite Frau, die TV-Moderatorin Inge Steiner, bejubelten den geglückten Start des Sympathieträgers. Mit lauten Tritten brachten sie die auf Metallstreben gestützten Tribünen zum Scheppern und übertönten gar die lauten Schreie, die Steiner beim Heben ausstieß.

Um seine Form hatten Steiner und sein Trainerteam seit Wochen ein großes Geheimnis gemacht. Bei 424 kg lag seine bisherige Jahresbestleistung, aufgestellt bei der EM in Antalya. Zurückgezogen hatte sich Steiner in zwei Trainingslagern vorbereitet und sich dabei nach und nach an seine Bestform herangearbeitet. In London wollte er seine wahre Stärke demontrieren. Es folgte einer der schmerzhaftesten Momente seiner Karriere.

Leisten-OP, Knie-OP, Infekte

Vor vier Jahren hatte Steiner Millionen Menschen in der ganzen Welt gerührt. Mit Tränen in den Augen hatte der stärkste Mann der Welt immer wieder das Bild seiner Ehefrau Susann in die Kameras gehalten, die wenige Monate vor seinem Olympiasieg bei einem Autounfall ums Leben gekommen war. Steiner wurde zum Medienstar. Die vielen Auftritte, bei denen er seine Geschichte erzählte, waren für ihn auch Therapie.

Ein Jahr später renkte sich für Steiner privat wieder alles ein. Der gebürtige Österreicher heiratete die TV-Moderatorin Inge Posmyk, im März 2010 kam Sohn Felix zur Welt. Allerdings streikte der Körper. Er verzichtete auf die WM 2009, ihm fehlte die Form nach einem Leistenbruch.

Auch die Olympiavorbereitung begann nicht vielversprechend. Im Herbst des vergangenen Jahres musste sich Steiner eine Knie-OP unterziehen und dachte bereits an das Ende seiner Karriere. Doch er kämpfte sich zurück. Im Januar begann der 29-Jährige mit dem Training für die Olympischen Spiele. Drei Monate später gewann er die Silbermedaille bei der EM in Antalya und löste mit 424 Kilogramm im Zweikampf das Ticket für die seine dritten Olympischen Spiele.

sid/dapd/nbo