London 2012

Vogel und Welte - die größten Glückskinder der Spiele

Miriam Welte und Kristina Vogel haben im Teamsprint durch zwei Disqualifikationen ihrer Bezwingerinnen Gold gewonnen.

„Wir wissen auch nicht, was hier gerade passiert ist“: Kristina Vogel und Miriam Welte rannten durch den Innenraum des Londoner Velodrom, sie hatten gerade erfahren, dass irgendwie alles noch besser gekommen war. Um sie herum herrschte der hektische Olympiatrubel aus Funktionären, Offiziellen, Fahrerinnen und den lila eingedeckten Blumenmädchen für die Siegerehrung. Vogel und Welte wurden aufgeklärt. Passiert war: eine der kuriosesten Goldmedaillen der olympischen Geschichte.

Sicher, Disqualifikationen sind im Bahnradsport keine Seltenheit. Aber dass man wie die deutschen Teamsprinterinnen durch eine Disqualifikation in den Endlauf kommt und diesen dann durch eine weitere Disqualifikation gewinnt – das ist schon fast eine Groteske. Als Vogel und Welte die Hintergründe schließlich erfuhren, konnten sie es kaum glauben: Ja, die Chinesinnen, ihre Finalgegnerinnen, hatten tatsächlich die schwarze Linie im steilen Radoval falsch überfahren – wie nicht mit bloßem Auge, aber in der Zeitlupe relativ schnell zu erkennen war.

Chinesinnen fahren Weltrekord

Rund zwei Stunden vorher an einem dramatischen Abend in der 28 Grad heißen Halle war die Sache schon etwas komplexer gewesen. Da hatte es lange Diskussionen und zahlreiche Superzeitlupen gebraucht, um zu beweisen, dass die Britinnen einen ähnlichen Regelverstoß begangen hatten – und daher ihren vermeintlichen Finalplatz an Vogel und Welte abtreten mussten. Großbritannien und Deutschland haben sich im Sport ja schon so manch prickelndes Duell geliefert, man respektiert sich, aber das war gewiss nicht als Geste der Freundschaft gedacht: Es war ein Wechselfehler. Bei der Übergabe von Anfahrerin Jess Varnish auf Schlusssprinterin Victoria Pendleton hatte diese als erste die Linie überquert. Und das ist nicht erlaubt.

Statt einem schwierigen Rennen um Bronze gegen Australien hatten Sprinterin Vogel und Anfahrerin Welte dadurch plötzlich schon Silber sicher. Dabei schien es auch zu bleiben, denn die Chinesinnen brachten erwartungsgemäß das schnellere Finale über die Linie – 32,619 Sekunden gegenüber 32,798. Mit noch besseren Zeiten in den Läufen zuvor hatten sie zweimal den Weltrekord der beiden Deutschen pulverisiert. „Wir hätten gerne anders gewonnen“, sagte Welte. Aber die Freude ließen sich die beiden dennoch nicht nehmen, warum auch? Sie lachten und giggelten, als seien sie im Wunderland. Und irgendwo waren sie das ja auch.

Vor allem die in Kirgisistan geborene Vogel bringt zudem eine ganz besondere Geschichte mit, eine von großer Standhaftigkeit. Als Juniorin war sie die beste Sprinterin der Welt und gewann reihensweise WM-Titel. Doch im Mai 2009 erwischte sie auf einer Trainingsfahrt ein Kleinbus. Vogel lag zwei Tage lang im Koma, zog sich schlimme Brüche zu. Ihr Gold ist vor diesem Hintergrund auch die Geschichte eines großen Comebacks. Beim Leben hatte sie offenbar etwas gut.

Während die beiden Frauen – beste Freundinnen zudem – von ihrem unglaublichen Sieg erzählten, brandete in der Halle der Jubel auf. Schon ein Weltrekord ihres Quartetts in der vor den Goldmedaillen-Sprints ausgetragenen Vierer-Qualifikation hatte die Briten wieder in Jubelstimmung zurückversetzt. Nun erfüllte das Männer-Trio um Sir Chris Hoy die hohen einheimischen Erwartungen mit einer souveränen Weltrekord-Fahrt zur Goldmedaille im Finale gegen Frankreich. Dabei war auch dem britisch-deutschen Anfahrer Philip Hindes in der Vorrunde ein potenziell folgenreicher Fehler unterlaufen, er stürzte. Weil es sich um einen technischen Defekt, offenbar an der Steuerung, gehandelt hatte, durften die Briten allerdings noch mal starten.

Für Deutschland gewannen Rene Enders, Maximilian Levy und Robert Förstemann die Bronzemedaille. Und das war trotz einer ursprünglichen Mitfavoritenrolle keineswegs selbstverständlich. So wie die deutschen Frauen an diesem Abend das Glück gepachtet hatten, waren die Männer im Pech. Eine halbe Stunde vor dem Start musste der viermalige Weltmeister und Schlusssprinter Stefan Nimke kurzfristig passen – beim Warmfahren hatte der bei einem Sturz vor zwei Wochen lädierte Rücken gezwickt.

Förstemann muss Nimke ersetzen

Als Ersatz rückte kurzfristig Förstemann ins Team. Er hatte sich auf einen normalen Trainingstag eingerichtet, ursprünglich sollte er erst nächste Woche im Einzelsprint an den Start gehen. „Als der Trainer mir dann Bescheid sagte, dass ich fahre, hat sich erst mal eine unglaubliche Euphorie eingestellt“, berichtete der Berliner. „Das hat sich dann schnell geändert, als ich auf dem Rad saß.“ Mit nur einer halben Stunde Zeit mussten die Deutschen alles umwerfen, Förstemann rückte in die Mitte, Levy auf die Schlussposition. „Wir dachten bloß: Scheiße, wie kriegen wir denn das jetzt hin?“

Da war der Sieg im Rennen um Bronze gegen Australien allemal der Ehre wert. Förstemann, in London durch ein in der britischen Presse publiziertes Foto von seinen imposanten Oberschenkeln zu einer gewissen Berühmtheit gelangt, war jedenfalls hoch zufrieden: „Beim Aufstehen hätte ich nicht unbedingt gedacht, heute Abend mit einer Bronzemedaille dazustehen.“ Wie seine Teamkollegen lobte er zudem den selbstlosen Verzicht von Altmeister Nimke, dem dadurch sein letzter Olympia-Auftritt entging: „Großen Respekt dafür, dass er so ehrlich war.“

Einmal Deutschland, einmal Großbritannien also mit Gold – aber da an diesem denkwürdigen Eröffnungstag der Bahnradwettbewerbe nun auch gar nichts normal laufen durfte, sind damit noch nicht alle Kuriositäten erzählt. Hindes, der unfreiwillige Bruchpilot aus der ersten Runde, fuhr nämlich noch vor nicht allzu langer Zeit für Deutschland. Der 21-Jährige wurde in Krefeld geboren, gewann 2010 bei den Junioren WM-Bronze – entschied sich voriges Jahr aber für einen Wechsel in das Rad-Mekka Großbritannien, das Geburtsland seines Vaters. Die in Deutschland kursierende Version, man habe für ihn zu Hause nicht genug Perspektiven gesehen, will er jedoch so nicht stehen lassen. „Ich wollte immer für Großbritannien fahren“, sagte er. „Chris Hoy war immer mein Vorbild.“ Am Donnerstag fuhr er den Sir zu dessen fünftem Olympia-Gold.