Als ihr die nächste Generation davongeschwommen war, dachte Britta Steffen an Abschied. „Vielleicht ist meine Zeit auf den 100 m Freistil einfach vorbei“, sagte die Weltrekordlerin nach ihrem Halbfinal-Aus im Olympia-Pool von London. Auch die einst schnellste Schwimmerin der Welt hatte das deutsche Debakel nicht verhindern können. Die 28-Jährige, vor vier Jahren in Peking noch Doppel-Olympiasiegerin, verabschiedete sich - und damit die wohl letzte Medaillenhoffnung des Deutschen Schwimm-Verbandes (DSV).
„Ich werde auch nicht jünger, ich bin fast 29“, sagte die Berlinerin, „ich weiß nicht, wann es zuletzt eine so alte Olympiasiegerin gab über 100 m Kraul, das muss ewig her sein.“ 370 Tage nach ihrem WM-Fiasko in Shanghai schwamm die Dreifach-Europameisterin erneut weit hinterher. 32 Hundertstel fehlten ihr zum Endlauf am Donnerstag.
In 54,18 Sekunden war sie zwar sieben Zehntel schneller als vor einem Jahr, als sie nach dem Vorlauf vorzeitig in die Heimat abgereist war. Doch an ihre Leistungen der DM und der EM im Mai, als sie so schnell geschwommen war wie seit ihren Weltrekorden 2009 nicht mehr, kam sie im Aquatics Centre bei weitem nicht heran. „Das ist kein Weltuntergang, dadurch wird der Weltfrieden nicht gefährdet“, sagte sie.
Historische Pleite wohl unvermeidlich
Über 50 m hat die Doppel-Weltmeisterin von 2009 am Freitagmorgen zwar noch einen weiteren Start, die Chancen auf eine vordere Platzierung stehen aber eher schlecht. „Eine Finalteilnahme wäre noch mal spitze“, sagte Steffen. Damit ist die historische Pleite wohl unvermeidlich: Erstmals seit 1932 drohen die deutschen Schwimmer bei Olympischen Spielen ohne eine einzige Medaille zu bleiben. Schon Steffens Freund Paul Biedermann, als Weltrekordler und dreifacher WM-Dritter die zweite große Olympia-Hoffnung, war leer ausgegangen.
„Wenn ich sehe, was die anderen schwimmen, dann bin ich schon deutlich ins Hintertreffen geraten“, sagte Steffen, die im Vorlauf in 54,42 als 14. nur mit viel Mühe weitergekommen war: „Es fällt mir ein bisschen schwer, anerkennen zu müssen, dass ich vielleicht nicht mehr zur Weltspitze gehöre. Aber die Jugend kommt nach, und das kann man nicht aufhalten.“
Im Londoner Olympia-Becken sah sie von der 21 Jahre alten Staffel-Weltmeisterin Ranomi Kromowidjojo aus den Niederlanden als Schnellster (53,05), US-Jungstar Missy Franklin (17) und der chinesischen Jugend-Olympiasiegerin Tang Yi (19) nur die Füße. Nach den ersten 50 Metern lag die Berlinerin am Ende des Feldes, dann arbeitete sie sich noch zwei Plätze vor.
Auch die EM-Dritte Daniela Schreiber scheiterte als 15. in 54,39. Die 23-Jährige aus Halle/Saale war schon am Morgen mit der 4x200-m-Freistilstaffel im Vorlauf ausgeschiedne. Das Quartett mit Silke Lippok (Pforzheim), Theresa Michalak (Halle/Saale) und Annika Bruhn (Waiblingen) war in 7:58,93 Minuten nur auf Rang 13 gekommen.
Schon der Auftakt ging schief
Vor Olympia hatte sich Steffen noch unter den Besten der Welt gesehen. Als Nummer vier der Jahresweltbestenliste hatte sie von einer Medaille geträumt. Doch schon der Auftakt in London ging schief. Auf Anweisung ihres Trainers Norbert Warnatzsch schwamm sie als Startschwimmerin der 4x100-m-Freistilstaffel nur „90 bis 95 Prozent“, das Quartett mit Medaillenambitionen ging schon im Vorlauf baden.
Vor vier Jahren in Peking hatte Steffen den DSV noch vor einem Fiasko bewahrt. Mit ihren beiden Goldmedaillen übertünchte sie die ansonsten schwarze Bilanz mit nur zwei weiteren Finalteilnahmen. Diesmal ging der DSV vollends baden: Die Zielvereinbarung mit dem Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) sah zweimal Gold, zweimal Silber und zweimal Bronze vor. Selbst die Ausbeute der WM in Shanghai, mit drei Bronzemedaillen die schlechteste der Geschichte, war unerreichbar.
sid/dpa/ap




