Michael Uhrmann (31) ist ein besonnener junger Mann. Wenn er spricht, dann tut er es meist mit ruhiger Stimme und so, wie er vom Schanzentischen zu springen pflegt: reichlich unaufgeregt und mit Weitsicht. Insofern ist es durchaus bemerkenswert, was Uhrmann nach dem Gewinn der Silbermedaille mit dem deutschen Skisprungteam hinter den einmal mehr überragenden Österreichern sagte: „Auch wenn’s gewagt klingt: Ich glaube auf jeden Fall, dass man sie angreifen kann.“
Man muss Uhrmann seine Zuversicht nicht als forsch auslegen, sondern vielmehr als Ausdruck wieder erlangten Selbstbewusstseins. Es stand schließlich viel auf dem Spiel am Montag im Whistler Olympic Parc. Wenn man so will, sogar die Reputation des Skispringens hierzulande. Mit sieben guten bis sehr guten und einem wackligen Sprung hatten die Deutschen in der Besetzung Uhrmann, Martin Schmitt (32), Michael Neumayer (31) und Andreas Wank (22) am Ende die von hinten drängenden Norweger und Finnen distanziert. Es ist der größte Erfolg seit dem Olympiasieg der Mannschaft 2002 in Salt Lake City – und er wurde flugs als Mutmacher für die Zukunft gedeutet.
„Es war wichtig nachzuweisen, dass die Grundtendenz, die wir eingeschlagen haben, stimmt. Dass die Mannschaft, die noch aus älteren Springern im Grundgerüst besteht, hier noch einmal so einen Erfolg feiern kann, macht mich stolz“, sagte Bundestrainer Werner Schuster. Das schon im Mai 2009 gemeinsam avisierte und nun erreichte Ziel, der zweite Platz hinter Österreich, „wird uns einen Schub geben für die weitere Arbeit“, glaubt der Cheftrainer.
Zuversichtlich mag Schuster stimmen, dass nicht nur seine erfahrenen Männer um den nervenstarken Schlussspringer Uhrmann (drittbeste Weite des zweiten Durchgangs) überzeugten, sondern auch der junge Wank („Ich kann stolz auf mich sein“), der mit 139 Metern im zweiten Durchgang die zweitgrößte Weite des Teams erreichte. „Der Andi ist ein echter Wettkampftyp“, lobte Kollege Schmitt.
Schuster hatte Wank den Vorzug in der Nationalmannschaft vor dem 19 Jahre alten Pascal Bodmer gegeben: „Wir hatten die privilegierte Situation, dass ich erstmals eine schwere Entscheidung treffen und Pascal trotz aufstrebender Form außen vor lassen musste. Ihm gehört aber ja noch die Zukunft.“
Nicht die eher mäßig verlaufene Saison, nicht die Plätze 6 (Neumayer), 25 (Uhrmann), 28 (Wank) und 30 (Schmitt) zwei Tage zuvor im Einzelspringen von der Großschanze waren plötzlich mehr das Thema, sondern die Frage, wie das Leistungshoch zu konservieren sei. „Es war richtig, Hoffnungen auf die drei älteren Springer zu legen. Aber das ist sicherlich der Beginn einer Wende im Team“, sagte Thomas Pfüller, der Sportdirektor des Deutschen Skiverbands (DSV): „Wir haben junge Leute auf Standby, und sie haben gezeigt, dass sie bereit sind.“
Routinier Uhrmann sah es genauso: „Wir hatten lange Zeit eine Stammmannschaft, aber von hinten kam nichts nach, es kam kein Druck. Speziell durch Andi und Pascal Bodmer haben wir gemerkt, dass es dich kitzelt, wenn dir im Training die Jüngeren um die Ohren springen.“
Wank, Junioren-Weltmeister 2008 und Weltcupzweiter in Sapporo im Januar, profitiert im Gegenzug von der Erfahrung der Ü30-Fraktion. Speziell die Routine versuche er etwa von Uhrmann zu adaptieren: „Mit welcher Lockerheit der Michi den letzten Sprung absolviert hat, das war schon extrem stark.“ Fast kurios klingt das ernste Plädoyer für einen Junior mit Milchgesicht: „Ich denke, wir haben guten Nachwuchs, und man kann auch auf den Nachwuchs vertrauen“, sagte Wank. „Wir haben aber noch nicht die Dichte, um im Weltcup stark vertreten zu sein. Man kann dennoch sehen, dass wir manchmal gleichauf sein und das Team unterstützen können.“
Vorerst wird das betagtere Gerüst der Mannschaft dem Cheftrainer erhalten bleiben. Uhrmann („Es macht derzeit so viel Spaß“) und Schmitt wollen nach jetzigem Stand nächste Saison weiter springen, Neumayer auch. Er witzelte: „Ich warte erst mal die Entscheidung ab, ob Olympia 2018 in München stattfindet.“
Ob Werner Schuster dann noch für die DSV-Athleten an der Schanze steht, ist ungewiss – bis 2014, wenn in Sotchi die nächsten Winterspiele stattfinden, soll er es jedoch auf jeden Fall tun. Nur noch eine Formalität sei es, dass der Verband sich mit dem besonnenen Österreicher auf eine Verlängerung von dessen 2011 auslaufendem Vertrag einige, sagte Sportdirektor Pfüller. „Bis dahin wollen wir um Gold mitkämpfen.“
Bislang gleichwohl ist kein Überflieger in Sicht, der den Österreichern dauerhaft nahe kommen könnte. Schuster wiegelt ab: „Wir haben strukturell ganz andere Dinge vor, wir können nicht zaubern. Dass momentan keiner dabei ist, der im Einzel einen Sieg herausspringen kann, hat andere Gründe. Aber wir haben es innerhalb von zwei Jahren geschafft, bei Großereignissen mit einer Medaille herauszugehen."





