Vancouver 2010

Lange beendet Karriere mit Silber im Viererbob

Zum Abschluss seiner 17-jährigen Karriere hat der weltbeste Bobpilot Andre Lange die Krönung mit seinem fünften Olympia-Gold verpasst. Doch auch mit der Silbermedaille in seinem letzten Viererbob-Wettbewerb war der Thüringer nicht unzufrieden. Was der 36-Jährige in Zukunft machen wird, lässt er offen.

Foto: dpa / dpa/DPA

Magdalena Neuner (23) war beeindruckt von diesem kräftigen Händedruck. Anschieber Martin Putze, mit dem Kreuz eines sardischer Eisenbiegers ausgestattet, streckte seine mächtige Pranke vom Podest des Zielhauses zu ihr hinunter. „Die langen ganz schön zu“, entfuhr es dem Biathlon-Star, die sechs Treppen unterhalb des Bobfahrers ihre schmale Hand hochhob. Es war zunächst nicht ganz klar, wer wem gratulierte. Neuner Putze oder Putze Neuner. Dafür dass sich die zweimalige Olympiasiegerin an der Bobbahn die Ehre gegeben hatte.

Dann stieg auch noch Andre Lange die Treppe herunter auf Neuners Ebene, diesmal um sie nach Leibeskräften zu erhöhen. Nach einer beherzten Umarmung hob er sie übermütig in die Luft. Überhaupt schien Lange nach seiner letzten Fahrt alles zu drücken, was ihm in die Quere kam, zum Beispiel seinen treuen Gefährten Kevin Kuske, mit dem er in Whistler zu Gold im Zweierbob gerattert war.

Die Crew des 36 Jahre alten Oberhofers streifte sich hinter der Fernsehkamera jubelnd die Latexanzüge ab und weiße XXXL-T-Shirts über: „Thank you Andre“, stand darauf in goldenen Lettern zu lesen und unter einem Bär der Schriftzug „for all the famous moments“. Andre „Bärchen“ Lange feierte am Ende wieder so einen Moment, der haften bleiben wird bei den Kollegen. Platz zwei be-ging er wie einen Olympiasieg. „In diesen zwei Wochen hier war für uns alles drin – die schnellsten Läufe, aber auch viele Beinahe-Stürze. Das war ein emotionales Auf und Ab“, sprudelte es aus Lan-ge heraus. „Wir haben uns im letz-ten Lauf noch mal zusammengerissen und sind den Berg noch mal runtergefahren. Und viel besser kann man den Abschied mit Gold und Silber nicht feiern.“

Im großen Schlitten hatte Lange im zweiten Durchgang große Mühe. In der berüchtigten „Fifty-Fifty-Kurve“ hob es die Kufen seines FES-Bobs aus der Spur, und er drohte umzukippen. „Da sind wir Kampflinie gefahren und hatten sicherlich das Glück auf unserer Seite“, sagte Kuske.

Mit seiner Routine rettete er sich und seine Anschieber ins Ziel, und mit einem sensationellen vierten Durchgang mit Laufbestzeit verdrängte Lange noch den Kanadier Lyndon Rush vom Bronzerang. Nur US-Pilot Steven Holcomb steuerte seinen Viererbob schneller durch den tückischen Eiskanal. Als alles vorbei und Silber sicher war, küsste Kuske seinen drei Mitstreitern stürmisch auf die Stirn.

„Wir haben uns noch mal zusammengerissen und sind den Berg noch mal runtergefahren“, sagte Lange. Ihm standen Tränen in den Augen. „Mein Rücktritt ist definitiv. Die Zeit ist gekommen“, sagte der Thüringer ungeahnt wehmütig. Mit fünf Olympiamedaillen beendet er nach 17 Jahren seine Karriere. Eine Rekordmarke blieb auch für Lange unerreichbar: der Olympia-Hattrick im großen Schlitten nach 2002 und 2006.

Lange präsentierte sich mit seiner Crew Alexander Rödiger, Kevin Kuske und Martin Putze im entscheidenden Lauf wieder in alter Stärke und fuhr eine saubere Linie. Der Riesaer Thomas Florschütz, der im kleinen Schlitten Silber gewann, kam auf Rang vier. „Nach vorne ging einfach nichts mehr. Da hätte schon einer stürzen müssen, aber das wünscht man ja keinem“, sagte Florschütz. Karl Angerer aus Königssee wurde Siebter. „Ich bin froh dass es zu Ende ist und ich gesund unten angekommen ist“, raunte er Magdalena Neuner und ihrer Kollegin Simone Hauswald zu. Zur Halbzeit der Entscheidung beklagte er die vielen Stürze im Wettbewerb: „Die Bahn ist sehr, sehr gefährlich. Das ist brutal, was den Piloten hier abverlangt wird.“

Die Diskussion um die Gefahren der Bahn hielten auch am letzten Tag der Entscheidung an. Bob-Bundestrainer Carsten Embach sprach gar von einer „Farce“: „Jeder wartet ab, ob der andere stürzt, das kann es doch nicht sein“, sagte er und verlangte vor den letzten beiden Läufen am Samstag deutliche Nachbesserungen an der Bahn im Whistler Sliding Centre. Auch Frauen-Bundestrainer Wolfgang Hoppe entrüstete sich über die Beschaffenheit der Rinne und forderte einen Rennabbruch: „Es war auf Messers Schneide. Ich bin froh und klopfe auf Holz, dass unsere Jungs heil runtergekommen sind.“ Vier Viererbobs havarierten insgesamt.

Unbeeindruckt von der Kritik spulte Holcomb wie schon bei der Weltmeisterschaft in Lake Placid vor einem Jahr sein Programm ab und holte nach 62 Jahren erstmals wieder Bob-Gold für die USA. Der Weltmeister erzielte mit seinem „Night Train“ aus der amerikanischen Automobilsportserie Nascar zweimal Bahnrekord und raste in allen vier Durchgängen fehlerlos durch das 16-Kurven-Labyrinth.