Es hat etwas länger gedauert, als es eigentlich sollte. Einmal die Olympischen Spiele zu erleben, das war immer der Traum von Ronny Ziesmer gewesen. Auf gewisse Weise fand er nun seine Erfüllung – der 29-Jährige darf dabei sein in Peking. Nur leider nicht so, wie er es sich immer ausmalt hatte. Statt am Boden, am Reck oder an den Ringen – Ziesmers Lieblingsgerät – seine Kunst zu präsentieren, sitzt er nun am Reportermikrofon – in einem Rollstuhl.

Ziesmer ist froh über diese Chance, Olympia so nah erleben zu können. Heute begleitet er im ZDF als Co-Kommentator das Mehrkampffinale der Männer und fiebert mit Fabian Hambüchen. Einst war der Mehrkampf Ziesmers Domäne, als Deutscher Meister sollte er vor vier Jahren in Athen selbst um olympische Ehren turnen. In der Vorbereitung aber passierte das Unglück, am 12. Juli 2004 landete der Athlet nach einem zweieinhalbfachen Salto rückwärts nicht wie sonst auf den Füßen, sondern auf dem Kopf. Seine Halswirbelsäule brach dabei, Ziesmer ist seither querschnittsgelähmt.

Seinen Körper, den er früher weit über das normale Maß beherrscht hat, kann der Cottbusser, der heute im pfälzischen Ötzingen lebt, nur noch schwer kontrollieren. „Stellen sie sich mal einen Tag in Boxhandschuhen vor“, so beschreibt er sein neues Leben. Die Unterarme lassen sich strecken, auch die Handgelenke. Die Finger aber, die funktionieren nicht mehr.

Warum es gerade ihn getroffen hat, diese Frage stellt sich Ziesmer nicht. Das blockiert nur, es bringt nicht weiter. Der Athlet im Rollstuhl denkt rational. Er bereut es auch nicht, sich einst für das Turnen entschieden zu haben. Sie haben ihn geprägt, die 18 Jahre im Hochleistungssport. Diese Zeit hat ihn das Kämpfen ebenso gelehrt wie die beharrliche Arbeit an Kleinigkeiten. Sein jetziges Leben könne er nur bewältigen, weil er diese Fähigkeiten besitze, sagt er. Wie ein Kleinkind musste er nach dem Unfall so vieles neu erlernen.

Eine Scheibe Brot abschneiden, das kann er noch immer nicht. Den Glauben daran, dass er es irgendwann wieder schafft, wird er nicht verlieren, auch wenn die Rehabilitation der geschädigten Nerven abschlossen ist. Ziesmer, der Biotechnologie studiert, vertraut der Forschung. In seiner Stiftung „Allianz der Hoffnung“ – für die Bundeskanzlerin Angela Merkel die Schirmherrschaft übernommen hat – werden wissenschaftlich Resultate zum Thema Querschnittslähmung zusammengetragen. Ronny Ziesmer will seinen Beitrag leisten. Damit bald ein neuer Traum in Erfüllung geht.