Es reicht ja nicht, die Konkurrenz vorzuführen. Es reicht ebenso wenig, seine Arme zum Jubeln in die Höhe zu reißen. Während Sprinter Usain Bolt mit seinen langen Tentakeln einen Raketenstart inszenierte, zeigte Mountainbike-Olympiasiegerin Sabine Spitz am Samstag ihre Überlegenheit noch eindrucksvoller: Kurz vor der Ziellinie sprang sie vom Fahrrad ab, schwang dieses über den Kopf und stemmte es in die Höhe. Frei nach dem Motto: Wer sein Fahrrad liebt, der schiebt – und wer mit überragendem Vorsprung siegt, der trägt es eben.
41 Sekunden Vorsprung hatte die Badenerin vor der Polin Maja Wloszczowska, vor der Russin Irina Kalentijewa waren es sogar 1,17 Minuten. Da lagen die 26,7 Kilometer des Cross-Country-Kurses in Laoshan hinter ihr ebenso wie eine völlig unter die Räder geratene Konkurrenz: „Ich war schon ein wenig überrascht, dass von hinten nichts mehr kam“, wunderte sich die 36-Jährige. „So konnte ich ganz relaxt meinen Rhythmus fahren und musste nicht überziehen.“
In jedem anderen Ausdauersport zögen solche Leistungen sofort Zweifel nach sich. Solch ein Vorsprung – selbst wenn dieser im Mountainbiking nicht unüblich ist? Und dann auch noch von einer gelernten Chemielaborantin? Die Labors lassen schön grüßen. Doch mit Mountainbiking ist wenigstens bei den Frauen kein Geld zu verdienen, dass es lohnen würde, mit dem Körper Russisch Roulette zu spielen. Auch nicht für die Europameisterin und Weltranglistenerste. Wenigstens nicht nach eigener Aussage: „Eigentlich hätte ich auf dem Podium ein Schild mit der Aufschrift hochhalten müssen: ‚Leistung ist auch ohne Doping möglich!’“
"Man muss ehrgeizig sein wie ein Terrier"
Allerdings nicht ohne Furcht einflößende Trainingsumfänge. „Man muss ehrgeizig sein wie ein Terrier, aber nicht so verbissen wie eine Bulldogge“, sagte Spitz, die ihrem eigenen Hundenamen damit nur wenig Ehre macht. Dafür dem Bund Deutscher Radfahrer (BDR) umso mehr. Nachdem die deutschen Fahrer auf der Straße ein Debakel erlebt hatten und die Bahnfahrer mit Silber im Punktefahren (Roger Kluge) und Bronze im Teamsprint im Rahmen ihrer Möglichkeiten geblieben waren, gab es schließlich durch Spitz die dritte Medaille, was auch die Fördergelder positiv beeinflusst. Das von BDR-Sportdirektor Burckhard Bremer ausgegebene Ziel von fünf Medaillen wurde jedoch klar verfehlt.
Bundestrainer Frank Brückner hofft dennoch, dass der Olympia-Coup von Spitz Signalwirkung haben wird: „Wir haben große Probleme, junge Menschen für unsere Sportart begeistern. Ich hoffe, dass der Erfolg zum Sprungbrett wird, unsere Probleme zu lösen.“ Und wenn nicht? Dann müsste die siebenmalige Deutsche Meisterin vielleicht noch länger das Fähnchen hochhalten. Nicht unbedingt ein Drama für Spitz: „Nichts ist unmöglich. Solange es Spaß macht, fahre ich weiter. Jeannie Longo hat hier mit 49 Jahren teilgenommen. In London wäre ich erst 40.“ Und wohl noch immer schneller als die zweite deutsche Starterin Adelheid Morath, die am Samstag mit 17:14 Minuten Rückstand auf Platz 18 fuhr.
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