Der Frust sitzt tief. „Wir sind immer die Dummen“, sagt Stürmerin Birgit Prinz. Und ihre Trainerin Silvia Neid führt aus, dass die Fußballspielerinnen stets ausgelagert seien, weshalb sie „vom olympischen Dorf kaum etwas mitbekommen“.

Die einzige Chance für die Weltmeisterinnen ist ein frühes Ausscheiden. Das letzte Gruppenspiel gegen Nordkorea findet in der Hafenstadt Tianjin statt, von dort würden die deutschen Spielerinnen dank der vor wenigen Tagen eröffneten ICE-Strecke gerade mal eine halbe Stunde nach Peking brauchen. Aber an diese Möglichkeit denkt derzeit niemand. Auch wenn es am Mittwoch zum Auftakt des olympischen Turniers gleich gegen den WM-Zweiten Brasilien geht.


Noch vor der offiziellen Eröffnung treten die Weltmeisterinnen aus Deutschland heute an, um endlich auch mal bei Olympischen Spielen ihre Favoritenrolle in Medaillengold umzuwandeln. In Shenyang, 628 Kilometer nordöstlich von Peking gelegen. Kein ICE, keine Eröffnungsfeier, nicht mal anständiger Rasen.

Heiß und schwül

Nachdem das Team am Montag bereits im Olympiastadion der Sieben-Millionen-Einwohner-Metropole üben durfte, zeigte sich die Bundestrainerin reichlich desillusioniert: „Das ist der schlechteste Platz, auf dem wir hier bisher trainiert haben“, sagt Neid. „Der ist total hoppelig.“ Doch Ausreden zählen nicht. Der Jetlag nach 17 Stunden Anreise ist überstanden, die Mannschaft seit sechs Tagen vor Ort, und das Minimalziel heißt laut Neid „Viertelfinale“. Was nichts weiter bedeutet als den taktisch etwas simplen Versuch, vor der Neuauflage des WM-Finales gegen Brasilien (2:0) Druck vom Team zu nehmen.

Von 11.00 Uhr mitteleuropäischer Zeit an rollt der Ball beim ZDF. Nicht gerade zur Primetime, aber wenigstens auch nicht zu nachtschlafender Zeit. Die Spielerinnen müssen gegen Marta und Co. ohnehin „hellwach sein“, sagt Neid. Die Startelf hat sie schon seit mehreren Tagen im Kopf, das System auch: Die Trainerin wird auf die Erfahrenen im Team und auf ein 4-2-3-1 bauen, da die Frauen zwar fit, aber nicht unbedingt in der Lage sind, die für eine Mittelfeldraute nötigen Laufwege stetig zu absolvieren.


Schon gar nicht bei der Hitze, besser gesagt: Schwüle. Für Mittwochvormittag sind 32 Grad Celsius und Wolken vorausgesagt, in den vergangenen Tagen wurden die Spielerinnen beim Training gleich doppelt nass – von innen und von außen. „Das war alles schon schweißtreibend“, sagt Celia Okoyino da Mbabi, die das deutsche Mittelfeld beackert. Immerhin sei es „schöner warmer Regen“ gewesen, hält die Bundestrainerin dagegen.

Vorteil Brasilien

Doch das subtropische Klima spielt eher den Südamerikanerinnen in die Karten. In Brasilien herrschen derzeit exakt die gleichen Bedingungen, wie sie die Spielerinnen in der Region Shenyang vorfinden. Doch das ist nur die eine Seite der Statistik: Von sechs Aufeinandertreffen gewannen die deutschen Frauen vier, die anderen beiden gingen unentschieden aus. Und Deutschland gewann die bislang letzte Begegnung bei Olympischen Spielen – 2000 in Sydney –, errang damit Bronze. Dennoch warnt Neid: „Das wird ein ganz enges Spiel. Die Tagesform entscheidet.“

Ein guter Start wäre durchaus hilfreich, wenn die Elf des Deutschen Fußball-Bundes nicht schon vor den Partien gegen Nigeria (Samstag, 11.00 Uhr, ARD) und Nordkorea (12. August, 11.00 Uhr, ZDF) unter Druck geraten will. Von den zwölf Endrundenteilnehmern, die in drei Vierergruppen aufgeteilt sind, kommen jeweils der Gruppenerste und -zweite sowie die beiden besten Drittplatzierten weiter. Das Nichterreichen des Viertelfinales dürfte da für die Deutschen kaum eine Option sein.

Und wenn alle Stricke reißen? Dann ist da immer noch der ICE von Tianjin nach Peking. Der pendelt während der Spiele alle fünf Minuten mit 350 Kilometern pro Stunde zwischen den beiden Städten. Das sei eine Revolution für die chinesische Eisenbahn, sagt Zheng Jian vom Eisenbahnministerium. „120 Kilometer in 30 Minuten – Weltrekord.“ Auch nicht schlecht, nur dass eine Goldmedaille dem deutschen Team garantiert lieber wäre. Zum Glück wird wenigstens das Olympiafinale am 21. August in Peking ausgetragen. Schade nur, dass die Spiele dann schon fast zu Ende sind.