(mkl) – Ein wenig verdutzt schaute Thomas Kraft dann doch drein. Es waren ja nun nicht viele Fans versammelt beim heutigen Training am Schenckendorffplatz, aber einer hatte eben doch einen ganz besonderen Platz für seinen Autogrammwunsch ersonnen: Auf der Rückseite seines Handys, auch nicht schlecht.

Leider war es an diesem Nachmittag beinahe die aufregendste Aktion für Herthas Torwart. Leider insofern, als dass ich mich endlich einmal hinten rechts in die Ecke des Platzes verzogen hatte, um mir das Training der Keeper anzusehen – so oft konzentrieren wir uns auf die Mannschaft. Zu Beginn sah das noch ganz manierlich aus: Die Torwarte schossen gegen eine Mauer, der jeweils andere musste den Ball dann fangen. Am Ende stand derjenige erst mit dem Rücken zur Wand, drehte sich dann und musste schnell reagieren. Dann aber versammlte Markus Babbel alle Spieler, um in zwei Gruppen acht gegen drei spielen zu lassen – und das war es dann auch schon. Adrian Ramos fehlte wegen einer Nachuntersuchung an seinem operierten Gesäß, Roman Hubnik wegen Rückenproblemen und Sebastian Neumann wegen Grippe.

Kraft will immer gewinnen

Also nähern wir uns dem Thema Kraft noch einmal vom vegangenen Wochenende her. Bei all dem Trubel (auch abseits des Hertha-Spiels) war seine überragende Leistung in Freiburg (drei Weltklasse-Paraden) ein wenig untergangen. Und wie sehr der 23-Jährige unter Strom gestanden hattte, als fast minütlich ein Ball auf den Kasten geflogen kam, zeigte sich im Ausbruch nach Schlusspfiff.

Ganz klar: Ohne Kraft hätte Hertha dieses Spiel verloren, genau wie die Partie gegen Mainz. Gab es vor Saisonbeginn tatsächlich Kritiker ob dieses Transfers, haben sich (sieht man einmal von diesen skurrielen Abspielfehlern gegen Freiburg ab) alle Zweifel zerstreut. Markus Babbel sagt: „Man sieht momentan, warum er die klare Nummer eins ist. Er hat eine für sein Alter unglaubliche Ausstrahlung und verkörpert dieses Gewinnen-Wollen.“

Fühlt er sich da nicht von seinen Vorderleuten alleine gelassen? Immerhin hielt er, was es zu halten gab. Nein, sagt Kraft, so sehe er das nicht. „Mein Job ist es, die Bälle zu halten. Zweimal hat das nicht geklappt.“

Risiko, um schlimmeres zu verhindern

Beim zweiten Treffer sah das etwas merkwürdig aus. Aber, und diese Sichtweise macht mich zuversichtlich, dass Hertha einen wirklich guten Griff getan hat, Kraft sieht es so: „Ich muss das Risiko eingehen, um schlimmeres zu verhindern. Wenn ich drin bleibe, bekommt der Spieler in jedem Fall den Ball. Wenn ich rausgehe, nur vielleicht.“

Und dann erzählte er noch, das modernes Torwartspiel eben nichts mit der alten Weisheit: „Wer rauskommt muss ihn haben“ zu hat, sondern mit ganz viel Antizipation, Risiko und – auch ein bisschen Glück. Ein bisschen wie beim Pokern also. Babbel sagt: „Natürlich macht er noch Fehler. Es wäre doch schlimm, wenn bei ihm mit 23 das Ende der Fahnenstange erreicht wäre.“