Es war ein ungewohntes Gefühl. Vor allem für die Spieler. Als sich die Profis von Hertha BSC nach Schlusspfiff auf den Weg zu den eigenen Fans machten, schlug ihnen Ekstase entgegen. Kein Frust, keine Enttäuschung – pure Freude. Zuzuschreiben hatte sich das der Fußball-Zweitligist aus Westend ganz allein. Dank eines 5:0 (1:0) vor 11.800 Zuschauern im ausverkauften Ernst-Abbe-Sportfeld beim Regionalligisten FC Carl Zeiss Jena zogen die Berliner am Sonnabend in die zweite Runde des DFB-Pokals ein.
„Wir sind glücklich“, sagte Trainer Pal Dardai. „Die Jungs haben das gut gemacht. Das waren Spielzüge nach vorn, die man nicht verteidigen kann. Die Mannschaft hat leidenschaftlich gekämpft, keiner ist stehen geblieben. Das 5:0 war auch verdient, weil die Konsequenz da war. Ich bin wirklich zufrieden.“
Hertha BSC erlöst sich nach 186 torlosen Minuten
Der erste Sieg im dritten Pflichtspiel der Saison, der erste Treffer nach 186 torlosen Minuten und das verhinderte Erstrunden-K.o. Es war der sportlich bisher beste Tag für den blau-weißen Hauptstadtklub. „Heute bin ich froh, aber das müssen wir beibehalten“, forderte Trainer Dardai.
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Für den Ungar ging es um eine liebgewonnene Pokal-Tradition. Als Chefcoach der Berliner ist der 47-Jährige noch nie in der ersten Runde rausgeflogen. Druck verspürte Dardai deshalb aber nicht. „Pal hat keinen Druck, nur morgens nach dem Kaffee“, sagte Herthas Rekordspieler in seiner gewohnt direkten Art.
Um nach drei Erstrunden-Pleiten in den vergangenen vier Jahren in dieser Saison gar nicht erst irgendwelche Zweifel aufkommen zu lassen, legten die Gäste aus der Hauptstadt aggressiv los. Nach einer Flanke von Jeremy Dudziak köpfte Palko Dardai ungehindert zum 1:0 ein (6. Minute) – das erste Tor des Flügelspielers nach seiner Rückkehr zu seinem Heimatverein.
Premierentreffer und Startelfdebüt von Tabakovic
„Gott sei Dank kommt das Dosenöffner-Tor“, sagte Dardai, der im Sturm auf Haris Tabakovic für den verletzten Florian Niederlechner setzte. Der Startelfdebütant bedankte sich für das Vertrauen mit seinem Premieren-Tor. Nach einem langen Einwurf von Fabian Reese kam der Ball zum Schweizer, der per Fallrückzieher sehenswert verwandelte – 2:0 (47.).
„Ich habe danach zurückgeschaut und gesehen, dass er reinfällt“, sagte Tabakovic grinsend. „Es hat uns in die Karten gespielt, dass wir früh das 1:0 gemacht haben.“ Innerhalb von fünf Minuten erhöhte Kapitän Marco Richter mit einem Doppelschlag (49./52.) auf 4:0 – beim 3:0 ebenfalls nach langem Einwurf von Reese. Eine kalte Dusche für die Gastgeber aus Thüringen, die sich davon nicht mehr erholten.

Vor allem Richter hat unter der Woche offenbar gut zugehört. Pal Dardai hatte auf der Pressekonferenz moniert, dass sein Kapitän im Training zwar die „Netze kaputtschießen“ würde, im Ernstfall dann aber nicht trifft. Beim viertklassigen FC Carl Zeiss klappte es. Auch bei Filip Uremovic, der schließlich noch das 5:0 (60.) nachlegte.
Serdar erstmals in der Startelf, Zukunft offen
„Wenn man übt, hat man auch das Glück. Wenn man nicht übt, kommt selten ein Zufallsprodukt“, erklärte Dardai, der überraschend auch Suat Serdar in die Startelf berief. Der Mittelfeldspieler hatte nach seiner Wunde am Bein grünes Licht für einen Einsatz gegeben. Trotzdem gilt der 26-Jährige weiterhin als Verkaufskandidat.
„Er hat den Entschluss getroffen, er spielt mit“, so Trainer Dardai, der Serdar in den vergangenen Wochen die Entscheidung überlassen hatte. „So einen wie ihn haben wir sonst nicht. Er hat ein körperliches Defizit, das hat man gesehen. Spielpraxis fehlt auch. Ich bin aber sehr zufrieden, dass er hier ist. Wenn Suat ein Stein für den Neu-Aufbau ist, bin ich froh.“
Schlägereien zwischen Hertha- und Jena-Fans
Froh war Dardai sowieso – nicht unbedingt erleichtert, aber durchaus zufrieden. Für Hertha ist der erste Sieg der Saison in jedem Fall ein Befreiungsschlag – ein Gefühl, das die Berliner mit in das nächste Zweitliga-Spiel beim Hamburger SV am kommenden Wochenende nehmen sollten.
Im Gästeblock wich die Freude irgendwann Aggression. Nach hitzigen Wortgefechten mit Jena-Fans auf der Nebentribüne kippte die Stimmung. Herthas Fans drängten aus dem Block, einige Jena-Anhänger sprangen ebenfalls in den Innenraum, was in der einen oder anderen Schlägerei endete. Erst als die Polizei nach etlichen Minuten anrückte, deeskalierte die Situation. Ein kleiner Schatten auf dem ersten Erfolgserlebnis der Saison blieb allerdings.


