Marco Richter strahlte. Die Ostkurve rief seinen Namen. Und der Rechtsaußen von Hertha BSC war einfach froh, wieder da zu sein. Auf dem Rasen, im Berliner Olympiastadion. Dass sein emotionales Comeback fast sechs Wochen nach der Schock-Diagnose Hodenkrebs nicht mit einem Erfolg gekrönt wurde, war der große Wehrmutstopfen am Sonnabend. 0:1 (0:1) gegen Borussia Dortmund. Das Warten auf den ersten Sieg in dieser Saison geht weiter.
„Ich freue mich sehr, zurück zu sein. Das i-Tüpfelchen waren die Fans nach dem Spiel“, erzählte der 24-Jährige. „Trotzdem hätte ich das Spiel lieber gewonnen oder am Ende wenigstens noch einen Punkt geholt. Aber das ist uns verwehrt geblieben.“ Dabei war es Richter, der in der Schlussphase die Riesenchance zum Ausgleich hatte. Sein Schuss prallte an die Latte (79.). „Das wär dann ein noch besseres Comeback gewesen.“
Bei Hertha BSC stagniert die Entwicklung
Sandro Schwarz hakte es als „Pech“ ab, dass Richters Versuch nicht im Netz landete, war aber trotzdem unzufrieden mit dem Ausgang der Partie. „Ärgerlich, dass wir dieses Spiel verloren haben“, sagte der Trainer des Hauptstadtklubs. „Gerade in der zweiten Halbzeit war es ein offener Fight, manchmal etwas wild auf beiden Seiten. Aber wir waren leidenschaftlich drin in den Zweikämpfen.“
Nach etlichen Entwicklungsschritten in den vergangenen Wochen blieb die Mannschaft die nächste Stufe schuldig. Von schlechter Stimmung wollten sie bei Hertha aber nichts hören. „Wir müssen positiv bleiben“, erklärte Dodi Lukebakio, der sich allzu oft in der Dortmunder Defensive festdribbelte.
Schwarz setzt nun auf die Trainingswoche. „Wir werden inhaltlich daran arbeiten, dass es bald besser wird“, sagte der Chefcoach, der wieder auf Kapitän Marvin Plattenhardt setzen konnte. Maxi Mittelstädt saß deswegen ebenso auf der Bank wie Ivan Sunjic, der für das Startelf-Debüt von Jean-Paul Boetius Platz machte. Den gelb-rot-gesperrten Filip Uremovic ersetzte Marton Dardai in der spärlich besetzten Innenverteidigung.
Kenny eröffnet sehenswert für Hertha BSC
Weil Linus Gechter im Kader fehlte, ging Schwarz das Risiko ein, mit Marc Kempf und Dardai anzutreten, also nur mit zwei nominellen Innenverteidigern. Und das gegen eine Offensive, die mit Anthony Modeste und Karim Adeyemi recht prominent besetzt war.
Es war aber sowieso nicht der Plan von Herthas Cheftrainer, dass sich seine Mannschaft rund um den eigenen Strafraum einschnüren lässt. Und so präsentierten sich die Berliner ungewohnt aktiv, gingen früh ins Pressing und stellten den BVB erst mal vor Schwierigkeiten. Es dauerte eine Viertelstunde, bis sich die Gäste aus dem Ruhrgebiet auf die offensive Spielweise der Hausherren eingestellt hatten.
Da hatte Hertha schon eine sehenswerte Torchance auf dem Konto. Eine Hereingabe des umtriebigen Chidera Ejuke klärte BVB-Keeper Gregor Kobel, doch der Ball landete bei Jonjoe Kenny, der aus der Distanz abzog. Kobel klärte mit den Fingerspitzen zur Ecke (4. Minute).
Hertha BSC verliert die Kontrolle
Es sollte die einzige Möglichkeit in Halbzeit eins bleiben. Gefahr vor dem Tor strahlten danach nur noch die Dortmunder aus. Marco Reus scheiterte an der Latte (15.), Julian Brandt an Hertha-Keeper Oliver Christensen (19.), Adeyemi rutschte in aussichtsreicher Position aus (19.) und Modeste verpasste gleich zweimal nur knapp (22./25.).
Es war schließlich eine Flanke von Salih Özcan, die Modeste dann tatsächlich einköpfte (32.) – 0:1. Ein Rückstand, der sich angedeutet hatte. Weil Hertha zunehmend die Kontrolle verlor und die Dortmunder ihre Qualität gnadenlos ausspielten.
Die einzige Zahl, die Mut machte: 61 Prozent gewonnene Zweikämpfe. Die Berliner glaubten also noch an sich. Und dann war da auch noch die Erinnerung an den 18. Dezember 2021, als Hertha ebenfalls zur Pause 0:1 zurücklag und am Ende noch einen 3:2-Coup gegen den BVB landete.
Hertha BSC setzt am Ende alles auf Angriff
Die Gastgeber versuchten es. Erst mit Ejuke, der zwei Gegenspieler stehen ließ und über das Tor schoss (60.). Dann mit dem eingewechselten Stevan Jovetic, dessen Schuss von der Strafraumgrenze zur Ecke geklärt wurde (68.). Christensen vereitelte gegen Adeyemi (58.).
Und dann kam noch der Mann, der vor gut einem dreiviertel Jahr gleich doppelt getroffen hatte: Marco Richter. Als Ersatz für Lukebakio war seine erste Aktion direkt der sehenswerte Lattenkracher, der beinahe den Ausgleich beschert hätte (79.).
Schwarz brachte Davie Selke für den starken Kempf, das Signal: alles auf Angriff. Aus der Ostkurve tönte es: „Wir wollen euch kämpfen sehen.“ Und während sich die Berliner vergeblich in der Offensive mühten, drängte der BVB mit Jude Bellingham auf den zweiten Treffer. Christensen war es zu verdanken, dass es am Ende bei einem Gegentor blieb.
Es bleibt aber auch nur bei einem Punkt. Mit dem Hertha nun erst mal auf dem vorletzten Rang weilt.


