Es ist ein Kuriosum: Pal Dardai (45) wirkt bereits seit 24 Jahren bei Hertha BSC, doch in 553 Pflichtspielen als Spieler und Cheftrainer ist er noch nie auf den 1. FC Union getroffen. Ein gutes Verhältnis pflegt er zum Klub aus Köpenick dennoch, allein schon durch den Austausch im Nachwuchsbereich. Vor dem Derby in der Alten Försterei am Sonntag (18 Uhr, Sky) spricht der Ungar über den Konkurrenzkampf in Berlin, den Wert von Identifikationsfiguren und seine Vision für Hertha.
Sie haben mit Hertha unheimlich viel erlebt, Herr Dardai, aber ein Derby ist Neuland für Sie. Können Sie dem Getöse um Derbys etwas abgewinnen? Oder ist das künstliche Folklore?
Pal Dardai: Neuland ist das für mich nicht. Für mich waren Derbys aber eher die Spiele gegen Tennis Borussia (1998 und 1999 im DFB-Pokal, Anm. d. Red.). Jetzt gerade wird das Thema mehr von den Medien gepusht. Hertha gegen Union wird in meinen Augen erst über viele Jahre zu einem echten Stadt-Derby, so wie früher Bayern gegen 1860 oder der HSV gegen St. Pauli. Darauf hoffe ich. Wir wollen gerne eine gemeinsame Derbygeschichte schreiben. Das wäre gut für beide Vereine, für die Fans und auch für Berlin. Man darf nicht vergessen: Es geht auch um den Berliner Fußball. Je mehr Begeisterung es in Berlin gibt, desto mehr Talente gehen in die Nachwuchsmannschaften. Das ist super.
Sie empfinden noch gar keine echte Rivalität?
Von Anpfiff bis zum Abpfiff ja, da wollen beide gewinnen. Aber bei den alten Herren und im Nachwuchs haben wir ein sehr gutes Verhältnis untereinander. Ich habe großen Respekt davor, wie sich Union entwickelt hat. Wir pflegen einen guten und respektvollen Austausch miteinander. Aber: Wir wollen die Nummer eins sein. Wenn du in der Saison beide Spiele gewinnst, bist du der beste der Stadt – egal, was die Tabelle sagt.

Was verbinden Sie mit dem Stichwort Derby? Haben Sie prägenden Erinnerungen aus Ungarn?
Bevor ich zu Hertha gekommen bin, habe ich bei Budapesti VSC gespielt. Unser Duell gegen den Stadtrivalen Ferencváros wurde extra ins Puskas-Stadion verlegt, ins Nationalstadion. Das hat es viele Jahre davor und danach nicht mehr gegeben, ein echtes Ausnahmespiel. Und sonst? Bei Hertha hatten für uns immer die Spiele gegen Schalke die größte Bedeutung. Es war klar: Wenn du gegen Schalke gewinnst, hast du bei den Fans einen Bonus.
Ähnliches gilt heute für das Derby. Sportlich und bei den Mitgliedern hat Union erstmals die Nase vorn. Was bedeutet das für Hertha?
Ich glaube nicht, dass sich das Kräfteverhältnis schon verschoben hat. Man darf nicht nur das eine Jahr betrachten, insgesamt sehe ich Hertha schon noch vorn. Nehmen Sie zum Beispiel unsere Nachwuchsakademie. Wir haben über die Jahre eine Riesenzahl an Jugendspielern in den Profi-Fußball gebracht, das ist top. Und dann sind da viele Jahre Bundesliga-Zugehörigkeit, auch mit den Champions- und Europa-League-Erlebnissen. Union ist noch neu in der Bundesliga. Sie machen einen guten Job, aber bis sie dort so verwurzelt sind wie wir, braucht es ein paar Jahre.
Die Tabelle sagt etwas anderes.
Im Moment sieht Union als Team besser aus, das verdient großen Respekt. Wir hatten in der Vergangenheit auch schon ähnlich kleine Kader und haben gute Ergebnisse erzielt. Wir haben zum Beispiel in meiner ersten Zeit als Cheftrainer viereinhalb Jahre mit einem eher kleinen Budget gearbeitet, zweimal die internationale Platzierung erreicht und dabei einige Akademiespieler zu Profis gemacht.
Als Sie das Team 2019 abgegeben haben, hatte Hertha ein klares Profil. Überschaubares Geld, ein fleißiges Team, ein paar Routiniers plus spannende Talente. Wie würden Sie das Hertha-Profil von 2020/21 beschreiben?
(Überlegt) Es ist neues Geld in den Verein gekommen und es wurde investiert, aber der Automat hat nicht das ausgespuckt, was man sich vorgestellt hat. Meine derzeitige Aufgabe ist es, diese Situation, in die wir geraten sind, zu retten und eine stabile Mannschaft aufzubauen. Das ist unser Ziel. Danach hast du eine neue Situation. Mit den aktuellen Spielern kannst du – wenn sie einen klaren Kopf und eine klare Linie haben – um die Plätze sechs bis neun mitspielen. Wenn der Verein noch größere Wünsche hat, musst du nochmal investieren.
Was bräuchte es noch?
Im Moment haben wir aus meiner Sicht keine echten Flügelspieler. Zeefuik ist kein echter offensiver Flügelspieler, Cunha oder Lukebakio auch nicht, Dilrosun ist leider sehr oft verletzt. Wir haben jetzt ein System gefunden, das funktioniert, wir haben keine Chaos-Momente mehr im Spiel. Und: Tousart, Klünter, Stark, auch Zeefuik – sehr viele Spieler haben sich verbessert. Jetzt brauchen wir noch ein paar Spieler, um variabler zu sein. Und zwar Leistungsträger. Also Spieler, die dir sofort helfen können. Das ist aber die Zukunft. Für den Moment heißt das Ziel: Klassenerhalt.
Lassen Sie uns über den Faktor Identifikation sprechen. Von dem hochgelobten 1999er-Jahrgang, den Sie sehr gefördert haben, ist fast nichts geblieben. Wie sehr schmerzt Sie das?
Im Fußball muss man hier und da auch Geduld haben, und die hatte der Verein in dem Fall eher nicht. Mein Plan war, einige dieser Jungs in den Profi-Kader zu holen, damit du sieben, acht echte Herthaner in der Kabine hast. Die müssen nicht immer spielen, aber sie müssen dabei sein – das schafft Identifikation. Wenn jemand von außerhalb ins Team kommt, lernt er sofort: das ist Hertha BSC. Das ist eigenes Blut. Das ist wichtig.
Keiner der 99er sorgt bei seinem neuen Verein für Furore.
Ich sage ja: Es braucht Geduld. Wenn du kein Supertalent bist, geht es mit 23, 24, 25 richtig los. Jetzt sind wir wieder dabei, eigene Talente einzubauen. Luca Netz, Marton Dardai zum Beispiel – Jordan Torunarigha und Maxi Mittelstädt sind auch noch da. Ich traue diesen Jungs viel zu. Dazu lassen wir immer wieder Top-Talente der Akademie bei uns mittrainieren.
Ist für diese Spieler auch noch Platz, wenn das Ziel Champions League heißt?
Für einen Hertha-Trainer gehört das mit zu den Aufgaben: Akademie-Spieler zu fördern und zu fordern, sie ein bisschen zu schützen, sie spielen zu lassen. Unsere Fans wollen auch Berliner Jungs sehen, das macht sie stolz. Das ist Tradition.
Wie sehr hat es Sie geschmerzt, dass Sie den eingeschlagenen Weg 2019 nicht weitergehen durften?
Gar nicht. Viereinhalb Jahre schaffst du als Profi-Trainer selten. Die Mannschaft hat mich nicht rausgeekelt, wir hatten eine gute Zusammenarbeit, ich bin ohne Tränen gegangen. Was wir gemacht haben, war großartig, aber in Berlin gibt es einen Teufelskreis. Hier heißt es schnell: Warum spielt Hertha nicht in der Champions League? Dabei hätte man über das, was wir über die Jahre erreicht haben, eigentlich auch froh sein müssen.
Im Sommer 2019 hat Investor Lars Windhorst dem Klub völlig neue Möglichkeiten eröffnet. Was ist Ihnen damals durch den Kopf gegangen?
Natürlich habe auch ich großen Augen gemacht und mich für den Verein gefreut. Wenn du so viel Geld bekommst, brauchst du aber auch eine Philosophie, einen klaren Plan. Wie willst du spielen? Welches Spielerprofil brauchst du? So etwas geht nicht ohne Plan. Ich finde, dass die Mannschaft nicht für hohes Pressing und Angriffsfußball zusammengestellt ist und es hier und da nicht perfekt zusammengepasst hat.
In Ihrer ersten Amtszeit haben Sie gesagt: Gebt mir 120 Millionen, dann können wir auch über die Champions League sprechen. Damals war das ein Utopie, heute ist das Geld da. Bleiben Sie bei Ihrer Aussage?
Damals haben wir eine gute Mannschaft gehabt. In der Hinrunde haben wir uns meistens die Seele aus dem Leib gespielt und hatten 30, 32 Punkte. In der Rückrunde sind die Spieler müde geworden, nicht mehr so konzentriert und es kamen Verletzungen dazu – mit einem tieferen Kader und mehr Möglichkeiten hätten wir damals vielleicht noch mal 30 Punkte geholt. Wir hatten einen guten Teamgeist, aber viele Spieler von damals sind jetzt weg. Das ist immer auch die große Gefahr beim Umbau einer Mannschaft: dass vieles zusammenbrechen kann. So ist es leider gekommen. Deshalb investieren wir im Trainerstab im Moment vielleicht sogar mehr in Teamgeist als in das Fußballerische.

Was ist für einen Trainer die kompliziertere Aufgabe, ein Team vor dem Abstieg zu retten oder eine Mannschaft zum Europapokalanwärter zu entwickeln?
Wenn diese Mannschaft weiter zusammenwächst, ist das eine Basis. Der nächste Schritt geht dann wieder nur mit weiteren Investitionen.
Während Sie den Klassenerhalt sichern sollen, werden im Hintergrund die Weichen für die Zukunft gestellt werden. Sind Sie ins Strategieprojekt „Goldelse“ involviert?
Ich bleibe ein Arbeiter, wie immer. Ich habe meine Meinung, meine Linie und Ideen, die bringe ich ein und die verteidige ich auch – da bin ich nicht immer einfach. Ich bin aber auch keine Last. Wenn der Verein sagt, danke, es reicht, dann gehe ich wieder in die Akademie. Im Sommer werde ich ein Protokoll mit ein paar Empfehlungen abgeben. Wer ist lernfähig? Wer nicht? Ob ich dann noch Cheftrainer sein werde? Das ist Zukunftsmusik.
So einfach?
Ich habe immer das gemacht, was der Verein wollte. Dass ich wieder die Profis übernehme, war ja überhaupt nicht geplant. Ich bin ehrlich: Eigentlich wollte ich das nicht machen, weil ich wusste, was auf mich zukommt. Es gab kaum Teamgeist, und ich kenne die Dynamik des Fußballs.
Zurück zum Derby: Wie gern hätten Sie selbst in einem Duell mit Union auf dem Platz gestanden?
(lacht) Ach, ich bin sowieso neidisch auf die Jungs. Wenn ich die schönen Fußballplätze sehe, diesen wunderschönen Teppich, dann würde ich mich am liebsten einfach nochmal umziehen und mitmachen.
Derbys leben vor allem von den Fans. Nun findet das Hauptstadt-Duell zum dritten Mal ohne Stadion-Zuschauer statt. Was fehlt?
Im Moment hat das für mich sogar etwas Gutes, weil ich noch keine eingespielte Mannschaft habe, kaum Führungsspieler. Ohne die lauten Fans kann ich von außen besser eingreifen, so wie gegen Leverkusen. Nach dem 1:0 haben wir uns viel zu weit hinten reindrängen lassen, da musste ich die Mannschaft etwas nach vorne pushen.
Was ist mit den Emotionen, dem Knistern, der Begeisterung?
Klar, ein volles Stadion ist besser. Ohne Zuschauer ist es für die Jungs ein anderer Fußball. Ich habe immer gesagt: Wenn früher in der Schule die Mädchen zugeguckt haben, haben wir noch mal mehr gegeben und besser gespielt. Im Prinzip ist das in der Bundesliga auch so. Ich als Trainer merke das aber nicht so stark wie die Spieler. Die Jungs jubeln normalerweise mit den Fans vor der Kurve. Ich jubel mit meinem Trainerstab.
Sie sind in Westend tief verwurzelt, haben Begegnungen. Spüren Sie so etwas wie Derby-Fieber?
Nein, wenig. Dort, wo ich einkaufe, leben eher reife, ältere Menschen, die Hertha nicht seit zehn Jahren verfolgen, sondern seit 30 oder 40. Die sind glücklich, dass jetzt alle Spieler mitziehen, das erkennen sie. Auf das Derby hat mich noch niemand so richtig angesprochen. Dass Hertha gegen Union als richtiges Derby gilt, muss noch über Jahre wachsen.
Bei Amtsantritt wurde viel darüber diskutiert, wie lange Sie den Job machen. Ihre Antwort lautete: Ich muss Spaß haben. Wieviel Spaß haben Sie aktuell, Herr Dardai?
Ich habe den gleichen Vertrag wie immer. Solange ich Spaß habe, bin ich hier, und wenn die Mannschaft keinen Spaß mehr am Trainer hat, bin ich sowieso weg. Ich komme jeden Tag mit Freude zum Training, mit positiver Energie. Wenn das so bleibt, ist alles schön, dann geht es auch nicht auf das Herz oder den Magen.
Was wünschen Sie sich fürs Derby, Herr Dardai?
Das Schönste wäre, mit einem wunderschönen Schuss in der 90 Minuten 1:0 zu gewinnen. Aber nicht nur, weil es ein Derby ist. Es geht für uns um wichtige Punkte im Abstiegskampf. Wenn wir am Sonntag drei Punkte holen, könnten wir ein bisschen atmen.
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Derby Hertha gegen Union: Alles zum Spiel in Berlin im Liveblog - Berliner Morgenpost


