Hertha BSC

Hertha BSC im Krisenmodus: Und jetzt?

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Manager Michael Preetz und Trainer Bruno Labbadia (v.l.) tragen bei Hertha BSC die Verantwortung für den sportlichen Erfolg. 

Manager Michael Preetz und Trainer Bruno Labbadia (v.l.) tragen bei Hertha BSC die Verantwortung für den sportlichen Erfolg. 

Nach der verkorksten Hinrunde geht es für Hertha BSC vorerst um Schadensbegrenzung. Für Labbadia und Preetz wird die Luft immer dünner.

Berlin. Carsten Schmidt hielt es nicht mehr auf seinem Platz. Als sich Herthas Profis am späten Dienstagabend dem Abpfiff entgegenquälten, stand der neue Entscheider des Klubs am Geländer der Ehrentribüne. Mit verschränkten Armen beobachtete der Topmanager wie das letzte Hinrundenspiel mit einem krachenden 0:3 endete. Die Miene unter seinem schwarzen Basecap blieb stoisch, aber es brauchte nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, wie es in dem 57-Jährigen arbeitete.

„Im Januar muss gepunktet werden“, hatte der Vorsitzende von Herthas Geschäftsführung gefordert, doch daraus wurde nichts. Die ernüchternde Bilanz: Nur vier Zähler aus vier Partien, dabei trafen die Berliner ausschließlich auf Teams aus der unteren Tabellenregion. Nach menschlichem Ermessen ist das Saisonziel Europapokal mit derzeit 17 Punkten nicht mehr zu erreichen. Als Tabellen-14. hat Hertha elf Zähler Rückstand auf Platz sieben, und der jüngste Rückschlag hat deutlich gemacht, dass es nur noch eine Aufgabe gibt: nicht in akute Abstiegsgefahr zu geraten.

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Gegen Bremen und Frankfurt steht viel auf dem Spiel

Wie lange Bruno Labbadia diesen Prozess begleiten darf, wird spannend zu beobachten sein. Durch die Flops gegen Bielefeld, Köln und Hoffenheim ist der Chefcoach stark in die Kritik geraten (siehe Kommentar rechts), doch mit Krisenszenarien kennt sich der 54-Jährige aus. „Die Enttäuschung ist riesengroß“, sagte er, gab sich zugleich aber kämpferisch. Auf Nachfrage antwortete er: „Natürlich habe ich das Gefühl, noch zur Mannschaft durchzudringen. Sonst kommt ein Team nicht so ins Spiel.“ Tatsächlich war am Engagement seiner Elf wenig auszusetzen, nur fehlte es erneut an klaren Ideen und Torgefahr.

Statt sich über Erfolge Selbstvertrauen zu erspielen, ist bei Hertha 2021 exakt das Gegenteil passiert. Wie verunsichert das Team ist, zeigte sich gegen die gnadenlos effizienten Hoffenheimer spätestens nach dem 0:2. „Wir verlieren zu schnell unseren Kopf“, monierte Labbadia. Einzelne Akteure wie Niklas Stark oder Mattéo Guendouzi waren zwar bemüht, voranzugehen, vermochten ihren Kollegen aber nicht den nötigen Halt zu geben.

In vielerlei Hinsicht zeigte sich Hertha sogar verbessert – die Niederlage war vor allem ein Resultat schlechter Einzelleistungen. Wer weiß, wie die Partie verlaufen wäre, wenn Krzysztof Piatek seinen Elfmeter nach zwölf Minuten verwandelt hätte? Oder Dodi Lukebakio vor dem 0:2 einen Hauch von Spielintelligenz und Spritzigkeit bewiesen hätte, um den Torschützen Andrej Kramaric ins Abseits zu stellen. Dass der Belgier trotz seiner Fehlleistung die Dreistigkeit besaß, den Reklamierarm zu heben, setzte der Szene die Krone auf.

Ob Details wie diese Labbadias Jobsicherheit erhöhen? Das darf zumindest bezweifelt werden. Vorerst deutet jedoch alles darauf hin, dass er die Mannschaft auch am Sonnabend (18.30 Uhr) gegen Bremen und eine Woche später in Frankfurt betreuen darf.

Noch immer besteht die Chance, dass sich Hertha mit den vorhandenen Kräften aus der Krise manövriert – nach vier Punkten aus zwei Spielen sähe die Welt wieder versöhnlicher aus. Womöglich würden sich die Berliner so einen kleinen Puffer auf die Abstiegsregion erspielen und die Saison am Ende halbwegs unbeschadet beenden. Nur eben auch im zweiten Jahr in Folge ohne jeglichen Fortschritt.

Sollte Hertha im Januar weitere Pleiten kassieren, werden sie in Westend wohl handeln. Mit Pal Dardai, derzeit Trainer der U16, wäre eine mehr als solide Übergangslösung vorhanden. Der Ungar trägt Hertha derart tief im Herzen, dass ihm eine Rettungsmission durchaus zuzutrauen wäre – und das, obwohl er 2019 von Preetz abgesägt wurde. Eine vielversprechende Zukunftslösung im Sinne von Carsten Schmidt oder Investor Lars Windhorst dürfte Dardai (44) indes nicht sein.

Und so geistert dieser Tage einmal mehr der Name Ralf Rangnick durch Berlin. Bei den Fans steht der 62-Jährige sinnbildlich für verhasste „Plastik-Klubs“ á la Hoffenheim und RB Leipzig, doch das Anforderungsprofil würde kaum jemand besser erfüllen als er. In Sinsheim und Sachsen hat sich Rangnick den Ruf eines hochprofessionellen Projekt-Managers erworben, der nicht nur guten Fußball spielen lässt, sondern auch Strukturen schafft. Wie kein Zweiter in Deutschland steht er für stimmige Konzepte und deren konsequente Umsetzung. Und: Aktuell ist Rangnick ohne Job.

Eine "All in one"-Lösung käme den Berlinern entgegen

Nicht zuletzt würde der Schwabe wohl auch eine zweite wichtige Personalfrage klären, denn noch stärker als Labbadia steht Michael Preetz (53) in der Kritik, wobei Carsten Schmidt nach sieben Wochen im Amt kaum zu einem Schnellschuss neigen wird. Dennoch: Dass der Geschäftsführer Sport in der nächsten Saison Herthas Geschicke lenken darf, dürfte vor Geldgeber Windhorst kaum zu rechtfertigen sein – so er denn überhaupt noch Fürsprecher im Klub hat. Der Manager-Markt ist allerdings arg überschaubar, und Herthas Sportdirektor Arne Friedrich scheint nicht gewillt, sich mit Haut und Haar dem Profi-Fußball zu verschreiben. Ein Grund mehr, der für die „All in one“-Lösung Rangnick spräche.

Noch ist all das Spekulation, schließlich muss Rangnick erstmal Lust auf Hertha haben. Fest steht aktuell nur: Für Labbadia und Preetz wird die Luft immer dünner.