In einer Branche, die versucht, ihre Geschäftsgebaren wie Staatsgeheimnisse zu hüten, wirken Menschen wie Rui Garcia exotisch. Dem mitunter sehr eigenwilligen Trainer von Olympique Lyon sind die gängigen Konventionen einerlei, und so plauderte er schon vor Tagen aus, was eigentlich noch niemand wissen sollte. Dass sein talentierter Mittelfeldspieler Lucas Tousart (22) zu Hertha BSC wechselt, bis zum Sommer aber weiterhin noch in Lyon Fußball spielt und erst dann seinen neuen Lebensabschnitt in der deutschen Hauptstadt beginnt.

Am Montag wurden Garcias Aussagen offiziell bestätigt, am Abend gab Hertha die Verpflichtung des Franzosen „für mehrere Spielzeiten“ nach dessen erfolgreichem Medizincheck bekannt. „Mit Lucas bekommen wir von einem Champions-League-Klub einen noch jungen, aber schon international erfahrenen Spieler, der uns im zentralen Mittelfeld verstärken wird“, wurde Hertha-Manager Michael Preetz in der offiziellen Mitteilung zitiert. Tousart selbst gab an, sich „mit Herthas Ambitionen sehr gut identifizieren“ zu können.

Tousart hat seine Stärken in der Defensive

Die Ablöse soll um die 25 Millionen Euro betragen, was Tousart zum teuersten Zugang der Berliner Vereinsgeschichte macht. Er löst in dieser Hinsicht den Belgier Dodi Lukebakio (22) ab, für den Hertha vor sieben Monaten 20 Millionen Euro bezahlt hatte. Transfers dieser Größenordnung waren für den Berliner Bundesligisten lange nicht realisierbar. Das hat sich durch den Einstieg von Investor Lars Windhorst, der dem Klub 224 Millionen Euro zukommen ließ, geändert. Vor wenigen Wochen wurde Santiago Ascacibar (22) vom VfB Stuttgart verpflichtet. Kostenpunkt: gut zehn Millionen Euro.

Tousart ist 22-facher französischer U21-Nationalspieler und wie Ascaibar defensiver Mittelfeldspieler. Beide verbindet nicht nur, dass sie 22 Jahre alt sein. Wie der Argentinier Ascacibar ist auch Tousart ein giftiger Balleroberer, einer der physisch spielt und keinen Zweikampf scheut. Sein Kopfballspiel gilt als sehr gut, körperlich ist er robust, fehlende technische Fähigkeiten macht er durch enormen Einsatz wett. Ein Spielerprofil ganz nach dem Geschmack von Hertha-Coach Jürgen Klinsmann (55).

Was Tousarts Beiträge für das Offensivspiel angeht, sind diese überschaubar. In bisher 107 Erstliga-Spielen in Frankreich kommt er gerade mal auf drei Treffer. Er und Ascacibar sollen, so die Wunschvorstellung der Verantwortlichen, Herthas zentrales Duo der Zukunft bilden.

Trainer Klinsmann baut das Team im Eiltempo um

An beiden Personalien lässt sich skizzieren, mit welcher Geschwindigkeit sich die Dinge bei Hertha BSC gerade verändern. Trainer Klinsmann treibt den Umbau des Kaders radikal voran. Tempo und Intensität der personellen Veränderungen verwundern allein deshalb, da noch nicht feststeht, wer die Berliner ab dem kommenden Sommer trainiert. Klinsmanns Engagement ist bisher nur auf diese Spielzeit begrenzt. Ascacibar gilt als sein absoluter Wunschspieler. Für die vormaligen Leistungsträger Salomon Kalou, Ondrej Duda und Vedad Ibisevic hat er indes keine Verwendung mehr. Duda wurde an Norwich City ausgeliehen, Kalou ist auf Vereinssuche. Ibisevics Vertrag läuft im Sommer aus, spätestens dann wird er gehen. Im Sommer werden weitere Altgediente folgen. Per Skjelbred dürfte nach Norwegen zurückkehren, auch Vladimir Darida gilt als Kandidat für eine Trennung.

Vor allem die sogenannte Sechserposition, die des defensiven Mittelfeldspielers, hat es Klinsmann angetan. Nach der gescheiterten Verpflichtung von Arsenals Granit Xhaka kamen Ascacibar und Tousart. Im Zentrum bestand seiner Meinung nach der größte Handlungsbedarf, obwohl Hertha dort in der Vergangenheit als gut aufgestellt galt und sich erst im vergangenen Sommer mit U21-Nationalspieler Eduard Löwen verstärkt hatte. Von Löwen war Klinsmann deutlich weniger überzeugt als derjenige, der ihn geholt hatte, Manager Michael Preetz. Das Resultat: Löwen wurde nach nur einem halben Jahr an den FC Augsburg verliehen wurde.

Arne Maier: Das größte Talent wird zum Sorgenkind

Ähnlich überschaubar scheint die Wertschätzung des Trainers für Arne Maier zu sein, der ebenfalls die Position vor der Abwehr bekleidet und sehr wohl zur Kenntnis genommen hat, dass sich Hertha bisher ausschließlich um Konkurrenten bemüht hat, die sich deutlich von ihm unterscheiden. Für Maier ein deutliches Zeichen, dass man mit ihm nicht mehr zwingend plant. Er möchte Hertha verlassen, am besten noch in den kommenden Tagen. Beim Verein hat er bereits seinen Wechselwunsch hinterlegt, doch Hertha will ihn nicht ziehen lassen.

Die Personalie Maier birgt Brisanz, galt der 21-Jährige bis vor Kurzem doch als Herthas größtes Talent seit den Boateng-Brüdern. Er durchlief alle Junioren-Nationalmannschaften, wurde 2018 mit der Fritz-Walter-Medaille in Silber ausgezeichnet, die für die größten Talente des jeweiligen Jahrgangs vergeben wird. Als Maier 2018 seinen Vertrag verlängerte, feierten Michael Preetz und Co. das als einen Coup. Mit Blick auf einen möglichen Wechsel zu einem Großklub sagte der Manager damals: „Es wird die Zeit kommen, da wird Hertha BSC wohl zu klein für Arne werden. Aber bis dahin bekommt er hier alle Möglichkeiten, sich bestens zu entwickeln.“

Die sieht Maier unter Klinsmann nun nicht mehr.