Bundesliga

Hertha gegen Frankfurt – Duell mit dem Vorbild

Herthas Gegner Frankfurt schafft seit Jahren das, wovon die Berliner träumen. Einfluss von Investoren ist dabei nicht zu unterschätzen.

Marko Grujic (r.) und Hertha BSC holten aus den jüngsten drei Duellen gegen Frankfurt sieben Punkte.

Marko Grujic (r.) und Hertha BSC holten aus den jüngsten drei Duellen gegen Frankfurt sieben Punkte.

Foto: bm / picture alliance / Photoshot

Berlin. Jürgen Klinsmann ist derzeit als Fußballlehrer bei Hertha BSC angestellt. Sein Amt als Aufsichtsrat ruht, und so muss sich der 55-Jährige nur damit beschäftigen, wie er an diesem Freitag bei Eintracht Frankfurt (20.30 Uhr/DAZN) punkten kann, nicht mit den großen strategischen Fragen. Also analysiert Manager Michael Preetz am Donnerstag, was die Frankfurter den Berlinern voraushaben: Seiner Meinung nach nur die Euphorie, ausgelöst durch den Pokalsieg 2018 im Olympiastadion.

„Wir sind doch noch drin im Pokal, oder?“, fragt ihn Klinsmann von der Seite. Als Preetz bejaht, ballt der Trainer die Hände zu Fäusten und sagt grinsend: „Na, also!“

Wenn man es nicht besser weiß, könnte man sagen: ein erstes Erfolgserlebnis für Hertha. Sportlich muss der Tabellen-16. dennoch hoffen, nach fünf Niederlagen in Folge wieder einmal zu punkten. „Das wird ein richtiger Fight“, sagt Klinsmann. Zumal auch die Gastgeber in Hessen nach drei Bundesliga-Pleiten in Folge unter Druck stehen.

Gute Personalentscheidungen

Dennoch ist Frankfurt aus Sicht vieler Fußballfans immer noch ein Vorbild: Dafür, wie man es schafft, ohne den Einstieg eines großen Investors erfolgreich zu werden, einfach durch gute Personalentscheidungen. Fußballer und Finanzjongleure, das ist ja nicht immer eine Erfolgsgeschichte. So sorgte Lars Windhorst für Irritationen, als er im Juni mit seiner Firma Tennor bei Hertha einstieg und von einem „Big City Club“ wie in London oder Madrid sprach. Aktuell ist Hertha der Relegation näher als der Champions League.

In der Bankenstadt Frankfurt haben sie durchaus positive Erfahrungen mit Leuten aus dem Big Business gemacht, wenngleich Philip Holzer 2013 noch belächelt wurde. Der Investmentbanker sagte in seiner Funktion als Aufsichtsrat von Eintracht Frankfurt in einem Interview: „Wir sollten uns am FC Arsenal orientieren.“ Das schien utopisch für die Eintracht, die damals gegen den Abstieg spielte, doch was der Finanzexperte meinte: Arsenal schaffe es, junge Spieler auszubilden, Transferüberschüsse zu erzielen und trotzdem konstant im Europapokal zu spielen. Das gelingt mittlerweile auch in Frankfurt.

Börsianer und Bankiers halten gut ein Drittel der SGE

Vor gut einer Woche gewann die Eintracht nun in der Europa League 2:1 beim FC Arsenal und schickt sich an, zum zweiten Mal in Folge europäisch zu überwintern. Anteil daran hat nicht nur Sportvorstand Fredi Bobic, der viele gute Griffe auf dem Transfermarkt landete. Sondern nicht zuletzt die Männer, die den früheren Stuttgarter 2016 erst gegen den Widerstand der Fans installierten und dafür Drohbriefe erhielten – etwa Wolfgang Steubing.

Der Börsen-Guru unterstützt die Eintracht seit Jahrzehnten als Mäzen und ist seit 2015 Aufsichtsratsvorsitzender der Profifußball AG. Fußballfans außerhalb Frankfurts ist der 70-Jährige aber wohl ebenso wenig ein Begriff wie Holzer, einst Vize-Chef beim Investmentriesen Goldman-Sachs. Beide sind jedoch in der Bankenstadt bestens vernetzt. Gemeinsam mit weiteren Unternehmern und Banken gehört diesen „Freunden der Eintracht“ und anderen Gönnerkreisen gut ein Drittel der Frankfurter Fußball-AG. Der Stammverein verfügt über 68 Prozent der Anteile.

Expertise von Finanzprofis beflügelt die Hessen

Das sind nicht ganz die Dimensionen wie in Berlin, wo 49,9 Prozent der Hertha BSC GmbH & Co. KGaA an Windhorst und Tennor gingen. Spätestens seit der Installation von Interimstrainer Klinsmann, eigentlich Windhorsts sportlicher Berater, wird in Berlin diskutiert, wie groß der Einfluss des Investors wirklich ist.

Das Frankfurter Beispiel zeigt, dass die Expertise von Finanzprofis durchaus beflügeln kann. Bei der Eintracht, die Bänkern lange als zu unseriös galt und dann als zu bieder, ist mittlerweile ein Netzwerk aus Experten im Hintergrund aktiv, der Verein wächst auf allen Ebenen.

Wie das gelungen ist, verriet der sonst eher zurückhaltende Aufsichtsrats-Chef Steubing im März bei einem Vortrag an der Frankfurt School of Finance Management. Vor 200 Studenten lobte der Wertpapierhändler rückblickend die Entscheidung, nach Jahren der Stabilität, aber auch Stagnation unter Heribert Bruchhagen einen neuen Sportvorstand zu verpflichten.

Trotz 100 Millionen Euro Einnahmen: Abgänge nicht kompensiert

Der „international vernetzte, harte Arbeiter Bobic“, sagte Steubing, sei genau zum rechten Zeitpunkt gekommen, als sich die Eintracht in der Relegation 2016 gerade noch so vor dem Abstieg retten konnte und im Klub eine Stimmung herrschte, die „nicht mehr verwalten wollte, sondern gestalten“. Im Zusammenspiel mit einer „hervorragenden Scouting-Abteilung“, die Spieler wie Luka Jovic, Sébastien Haller und Ante Rebic entdeckte, und Trainern wie Niko Kovac oder aktuell Adi Hütter.

Ob Windhorst bei Hertha nach Jahren der Stabilität und Stagnation womöglich ebenfalls frischen Wind entfacht? Zumal Hertha durch die 225 Millionen Euro, die Tennor investiert hat, finanziell besser aufgestellt sein sollte? Das wird die Zukunft zeigen.

Dass Geld allein nicht alles ist, haben sie auch in Frankfurt gemerkt. Trotz gut 100 Millionen Euro an Transfereinnahmen konnten die Abgänge von Jovic, Haller und Rebic bisher nicht kompensiert werden. Die Eintracht dümpelt derzeit auf Platz zehn. Aber, auch diese Info für Klinsmann: Frankfurt ist ebenfalls noch im Pokal dabei.