Mauerfall

Hertha und Union – Durch die Mauer verbunden

Eine Spurensuche entlang der früheren Grenze zeigt, dass die Mauer den Berliner Fußball nicht nur teilte, sondern auch zusammenführte.

Fans beider Klubs beim Freundschaftsspiel zwischen Hertha und Union 1990 im Olympiastadion.

Fans beider Klubs beim Freundschaftsspiel zwischen Hertha und Union 1990 im Olympiastadion.

Foto: Thomas Wattenberg / dpa

Berlin. Die Geräusche lassen keinen Zweifel: An der Behmstraße in Gesundbrunnen ist immer noch Platz für Fußball, nur eben ganz anders als früher. Im Hof des Plattenbaus mit der Nummer 42 treten zwei Kids in Trainingsanzug gegen den Ball, Pass, Annahme, Pass, dazwischen ein paar Tricks – Fußübungen auf Asphalt. Der Traum, eines Tages mal als Profi im Stadion aufzulaufen, kickt dabei mit, normaler Teenager-Standard, dabei stehen sie schon jetzt genau dort, wo einst das Epizentrum des Berliner Fußballs verortet wurde.

Viel erinnert im Herbst 2019 allerdings nicht mehr an das Stadion am Gesundbrunnen, die legendäre Plumpe. Dort, wo Hertha BSC Ende der 1920er- und Anfang der 1930er-Jahre die Massen verzauberte, stehen seit den Siebzigern schmucklose Hochhäuser. Waschbeton und Spitzenvorhänge prägen das Bild, nur ein paar Bronzestatuen lassen darauf schließen, dass an der Behmstraße Fußballgeschichte geschrieben wurde.

Hertha installierte an der Plumpe extra Ostmark-Kassen

Berno Bahro schafft es trotzdem, die Vergangenheit zum Leben zu erwecken. Der Sporthistoriker bietet geführte Radtouren entlang des einstigen Grenzverlaufs an, erzählt gemeinsam mit Zeitzeugen anschaulich davon, wie die Fußball- und vor allem die Hertha-Welt durch die Mauer auseinandergerissen wurde.

Die Station in Wedding spielt dabei eine zentrale Rolle, allein schon wegen der Lage, schließlich hätte es aus der Plumpe kaum mehr als einen langen Diagonalpass gebraucht, um die Mauer zu treffen.

Über vier Jahrzehnte war die Plumpe Herthas Zuhause, fußballerisch und emotional. Klub-Legende Hanne Sobek und Co. lockten rund 35.000 Zuschauer zu den Heimspielen an der Swinemünder Brücke, die meisten aus dem Wedding oder Prenzlauer Berg. Nach dem Zweiten Weltkrieg fasste das in Mitleidenschaft gezogene Stadion immerhin noch 20.000 Besucher, bekam als Begegnungsstätte aber eine völlig neue Bedeutung.

„Als die Mauer noch nicht stand, kamen rund 1000 Fans aus der DDR ins Stadion“, erzählt Bahro. Tatsächlich hatte der Verein extra Kassen installiert, an denen mit Ostmark gezahlt werden konnte. Das Fachmagazin „Kicker“ berichtete im August 1961: „Ganz Berlin steht hinter Hertha BSC.“

Fans aus dem Osten hören jenseits der Mauer bei den Spielen zu

Die Fans aus Prenzlauer Berg, Friedrichshain oder Mitte blieben ihrem Klub gewogen, selbst dann, als die Mauer 1961 zum unüberwindbaren Hindernis wurde. Hertha-Anhänger Helmut Klopfleisch, Jahrgang 1948, zählte zu den Hertha-Verrückten, die sich an Spieltagen am Ende der Norwegerstraße in Prenzlauer Berg trafen.

Jenseits der Reichsbahngleise konnten sie von dort wenigstens die Tribünen sehen, den markanten „Uhrenberg“ samt Reklametafel, und - noch wichtiger - den Klang ihrer blau-weißen Liebe hören, die Gesänge, das Klatschen, die Stimmung.

Doch selbst damit ist es irgendwann vorbei. Erst, weil die Grenztruppen einschreiten, später, weil Hertha zum Bundesligastart 1963 vorübergehend ins Olympiastadion umzieht. Endgültig Schluss ist dann Anfang der Siebziger, als Hertha infolge des Bundesliga-Skandals in finanzielle Nöte gerät und notgedrungen sein Herz verkaufen muss. Immerhin: Durch die 6,2 Millionen D-Mark, die der Klub für das Plumpe-Areal kassiert, ist Hertha schlagartig saniert.

„Eisern Union“ im Olympiastadion, „Ha-Ho-He“ in der Försterei

Hartgesottene Herthaner wie Klop­fleisch halten dem Verein trotzdem die Treue und nutzen die spärlichen Gelegenheiten, ihr Lieblingsteam bei Europapokalspielen in den Ostblockstaaten zu sehen – etwa 1979 bei Dukla Prag, wo die Berliner einen nicht für möglich gehaltenen Sieg erringen.

Ein Spiel, bei dem auch der West-Berliner Hertha-Fan Knut Beyer zugegen ist, Autor des Buches „111 Gründe, Hertha BSC zu lieben“ und Mit-Initiator der Initiative Blau-Weißes Stadion. Er trifft in der Tschechoslowakei nicht nur blau-weiße Anhänger aus dem Osten, sondern spielt auch Doppelpass mit Fans des 1. FC Union, die ebenfalls angereist sind, um Hertha zu unterstützen.

„Ich habe mich ohnehin immer um zwei Fünftel meiner Stadt betrogen gefühlt“, erzählt Beyer (58), „und auf diesen Reisen sind ehrliche und intensive Freundschaften entstanden.“

Von der Mauer will er sich jedenfalls nicht bremsen lassen, rund sechs Mal pro Jahr fährt er fortan mit Freunden nach Ost-Berlin, um die Fan-Freundschaft zu pflegen. Gastgeschenke dürfen dabei natürlich nicht fehlen, also wird gern ein T-Shirt mehr untergezogen oder ein West-Aufkleber im Einband des ADAC-Atlasses im Auto versteckt. Keine Einzelfälle, zu Mauerzeiten herrschen zwischen den Klubs grundsätzlich große Sympathien.

Jüngere Fan-Generationen pflegen erbitterte Feindschaft

„Wir haben im Olympiastadion regelmäßig ‘Eisern Berlin’ oder sogar ‘Eisern Union’ gerufen“, sagt Beyer, „und in der Alten Försterei hat man ‘Ha-Ho-He, Hertha BSC’ gehört.“ Kam der Ost-Besuch dann zum Ende, wurden selbst die harten Kerle plötzlich weich. „Warum die Ausreisehalle Tränenpalast hieß, wissen wir sehr gut“, sagt Beyer.

Dass die jüngeren Fans beider Klubs inzwischen verfeindet sind, findet Beyer mehr als schade. „Man kann die alten Zeiten nicht zurück holen“, sagt er, „aber den Grundrespekt sollte man erhalten. Man muss sich nicht hassen, das ist mir zu billig. Berlin hat es verdient, dass beide Fan-Lager über ein kreatives Miteinander nachdenken.“

Fan-Devotionalien belegen gegenseitige Sympathie

So kurios es auch klingt: Im Fall von Hertha und Union war die Mauer eher ein verbindendes als ein trennendes Element. Ein Phänomen, für das Sporthistoriker Bahro diverse weitere Belege liefert.

Einen Hertha/Union-Aufnäher mit äußerer Stadtgrenze und Mauerverlauf. Die vom verstorbenen Hertha-Oberfan „Pepe“ Mager produzierte Platte „Freunde hinterm Stacheldraht“. Oder ein Foto von einem Mauerabschnitt, der sich an der Liesenstraße befand.

Dort hatten Fans auf der West-Seite die Verbundenheit in großen Lettern verewigt: „Ha-Ho-He, diese Scheißmauer kann uns nicht trennen. Hertha BSC + 1. FC Union.“