Kommentar

Ein Abend zum Vergessen für Hertha BSC

Hertha BSC hat durch das 0:1 beim 1. FC Union Berlin viel mehr verloren als drei Punkte, meint Jörn Lange.

Die Hertha-Fans lieferten einen  beschämender Auftritt ab, meint Jörn Lange.

Die Hertha-Fans lieferten einen beschämender Auftritt ab, meint Jörn Lange.

Foto: dpa/Reto Klar

Berlin. Ante Covic versuchte Haltung zu wahren. „Die Derbyniederlage ist ärgerlich und bitter“, sagte Herthas Cheftrainer Ante Covic nach dem 0:1 beim 1. FC Union, „wir müssen jetzt den Mund abputzen und weitermachen.“

Viel aussagekräftiger als diese Durchhalteparole war jedoch seine Körpersprache, als er auf der Pressekonferenz den Ausführungen seines Union-Kollegen Urs Fischer lauschen musste. Verschränkte Arme, hängende Schultern, leerer Blick – ein Sinnbild für Frust, Enttäuschung und Ratlosigkeit.

Die Derbypleite ist für Hertha und seinen Trainer ein Debakel, weil so viel mehr verloren wurde als bloße Punkte. Stolz, Selbstverständnis und Hoffnungen haben durch die Niederlage einen veritablen Dämpfer erhalten, sei es bei Spielern, Verantwortlichen oder Fans.

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Beschämender Auftritt der Fans

Von der Vision des Investors Lars Windhorst, in nicht allzu ferner Zukunft zu einem „Big City Club“ aufzusteigen, ist Hertha seit Sonnabendabend gefühlte Lichtjahre entfernt. London, Paris, Madrid? Die Wahrheit ist: Aktuell reicht es nicht mal zur Stadtmeisterschaft.

Fast genauso schwer wie das Ergebnis wiegt dabei die Art und Weise, wie es zustande kam. Hertha fehlte Spritzigkeit, Angriffswillen, Mut und Leidenschaft, bis auf kurze Ausnahmen blieb der Favorit zu passiv und uninspiriert, kurz: zu harmlos.

Hinzu kam der beschämende Auftritt der eigenen Fans, die mit ihren Pyro-Geschossen nicht nur äußerst fahrlässig handelten, sondern beim Abbrennen von offenbar erbeuteten Fan-Utensilien aus dem Union-Lager auch ein überaus hässliches Bild hinterließen.

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Ein Warnschuss für Hertha BSC

Ein doppelter Image-Schaden, der sämtliche Klub-Kampagnen torpediert und den Kampf um Sympathiepunkte und neue Anhänger nicht leichter macht. Ist Aufsteiger Union nun gar an Hertha vorbeigezogen? Sind die Köpenicker jetzt Hauptstadtklub Nummer eins? Höchstens in der Momentaufnahme dieses Wochenendes, ansonsten bleibt das sportliche Kräfteverhältnis unverändert.

Hier der Außenseiter, für den es in erster Linie um den Klassenerhalt geht, dort der etablierte Bundesligist, der das Potenzial für einen Europapokalplatz hat – daran rüttelt auch das Derby nicht. In der öffentlichen Wahrnehmung schicken sich die Köpenicker indes an, zum gefühlten Platzhirschen aufzuschließen. Ein Warnschuss für Hertha.

Während Union bundesweit Fan-Herzen zufliegen, müssen sich die blau-weißen Strecken, um auf dem Weg zu den selbstgesteckten Zielen auf der Schiene zu bleiben. Möglich ist das allemal, denn in einem hat Covic natürlich recht: Weiter geht es immer. Und bis zur Chance, die Derbypleite im Rückspiel auszubügeln, sind es nur noch 140 Tage.

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