Derby-Interview

Hertha-Coach Covic: „Zieht die Mauer nicht wieder hoch“

Hertha-Coach Ante Covic spricht im Interview über das Derby gegen den 1. FC Union, falsche Ost-West-Rivalität und den Faktor Emotionen.

Ante Covic war elf Jahre Spieler bei Hertha BSC und arbeitet seit 2010 als Trainer im Klub. Seit dieser Saison ist der 44-Jährige Chefcoach.

Ante Covic war elf Jahre Spieler bei Hertha BSC und arbeitet seit 2010 als Trainer im Klub. Seit dieser Saison ist der 44-Jährige Chefcoach.

Foto: Jan Huebner/Voigt / Jan Huebner

Berlin. Eines seiner Saisonziele gab Ante Covic (44) schon bei Amtsantritt aus: beide Derbys gegen den 1. FC Union gewinnen. An diesem Sonnabend will der Trainer von Hertha BSC Taten folgen lassen. Vor dem ersten Bundesliga-Duell in der Alten Försterei (18.30 Uhr, Sky) spricht er über seine Derby-Erfahrungen, die spezielle Rivalität zum neuen Konkurrenten aus Köpenick und die Gefahr von zu vielen Emotionen.

Herr Covic, kennen Sie eigentlich Ihre persönliche Derby-Bilanz gegen den 1. FC Union?

Nein, wirklich nicht. Ich weiß, dass wir in der Jugend häufiger gegen sie gespielt haben. Auch mit Herthas zweiter Mannschaft.

Sie haben in vier Spielen als Hertha-Spieler gegen Union einmal verloren und einmal gewonnen: Im Dezember 2004 gab es in letzter Minute ein 4:3 mit Hertha II gegen Union I an der Alten Försterei. Erinnern Sie sich noch?

Lose. Das war noch vor dem Umbau, in der Alten Försterei gab es noch Holzbänke. Damals gab es noch keine Dritte Liga, nur eine zweigleisige Regionalliga, wo Union versucht hat, im Profitum Fuß zu fassen. Ich weiß, dass es ein Spiel war, das selbst im Amateurfußball polarisiert hat.

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Niemand scheint mehr Erfahrung mit Berlin-Derbys zu haben als Sie. Als U23-Trainer bei Hertha trafen Sie in der Regionalliga auf Union II, BFC Dynamo, Tennis Borussia und viele andere.

Man darf das nicht miteinander vergleichen, weil das unterschiedliche Ligen sind. Das Derby am Sonnabend wird mit bisherigen Derbys nicht vergleichbar sein. Diese Stadt hat den Fokus verdient, den wir alle gemeinsam am Wochenende bekommen werden. Wir werden vielleicht sogar ein Stück weit im Mittelpunkt des europäischen Fußballs stehen, weil es das noch nie gegeben hat: Die deutsche Hauptstadt stellt zwei Bundesligisten, die nun aufeinander treffen.

Worauf wird es dabei für Sie ankommen?

Mir persönlich ist es wichtig, dass wir alles daran setzen, diese sportliche Rivalität auf dem Platz auszutragen und nicht außerhalb. Bei Derbys ist es zudem immer oberstes Gebot, heiß hier im Herzen zu sein (deutet auf seine Brust), aber trotz alledem zu versuchen, einen kühlen Kopf zu bewahren und das abzurufen, was man kann.

Ist ein Derby das leichteste oder schwerste Spiel für einen Trainer, was die Motivation angeht?

Wir haben ja nicht nur Berliner Jungs in der Mannschaft. Dedryck Boyata hat schon in Glasgow mit Celtic gegen die Rangers gespielt. Dieses Derby ist europaweit gefürchtet, er weiß also, was auf ihn zukommt. Andere Spieler noch nicht. Wichtig wird es sein, dass wir ein gesundes Mittelmaß finden, ohne zu überdrehen. An dem Tag wird es eher so sein, dass man die Spieler bremsen muss als sie anzupeitschen.

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Wie oft werden Sie auf das Derby angesprochen? Schon morgens in der Bäckerei?

Auch. Natürlich im Freundeskreis, weil man doch sehr viele Blau-Weiße um sich herum hat. Für unsere Fans und Sympathisanten ist das ein sehr wichtiges Spiel, viel wichtiger als ein normales Ligaspiel, das steht außer Frage. Die Stadt wird zu zwei Dritteln auf unserer Seite, zu einem Drittel auf Union-Seite sein. Da gibt es ja auch Begegnungen am Arbeitsplatz, Rot-Weiß gegen Blau-Weiß, wo man sich neckt und die Nachwehen dieses Derbys noch länger spüren wird.

Sie haben für Bochum im Ruhrgebiet gespielt: Kann das Berliner Derby eine ähnliche Tradition und Wucht entwickeln wie Dortmund gegen Schalke?

Es ist ja erst das fünfte Mal, dass beide Teams im Profifußball aufeinander treffen. Ich weiß nicht, ob es jemals dieses Ausmaß annehmen kann. So etwas muss sich über Jahre entwickeln. Wenn dieses Derby eine einmalige Geschichte bleibt, wird es nicht dazu kommen.

Aus der Kategorie gefühlte Wahrheiten: Kann Hertha als Favorit mehr verlieren als gewinnen?

Nein, weil Union zu Hause auch schon unter Beweis gestellt hat, dass sie die Großen ärgern können. Fragen Sie bei Borussia Dortmund nach oder bei Freiburg. Sie besitzen eine sehr heimstarke Mannschaft, die viele Punkte über die Heimspiele holen wird, weil viele Gegner nicht auf den Hexenkessel dort eingestellt sind. Sie überraschen viele Gegner mit ihrer Leidenschaft. Für uns wird es keine Überraschung sein, weil es ein Derby ist. Deswegen wissen wir, was auf uns zukommt.

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Befürchten Sie, dass diese Stimmung mit Krawallen oder Pyrotechnik auf den Rängen überkochen könnte?

Wir müssen uns alle im Klaren sein – alle Beteiligten, die im Stadion auftauchen –, dass wir eine Stadt repräsentieren. Ich hoffe, dass sich die Sportstadt Berlin von der besten Seite zeigt. Weil Berlin eine wunderschöne Sportstadt ist, die alle Spitzensportler willkommen heißt, ob das Handball ist, Volleyball, Basketball oder Eishockey. Bisher haben wir immer ein sehr gutes Bild von Berlin abgegeben. Ich wünsche mir von uns allen, Herthanern und Unionern, dass wir ein sportliches Duell auf dem Rasen austragen und nur dort.

Unions Präsident Dirk Zingler sprach im Vorfeld von Klassenkampf. Sehen Sie das Derby als Duell Arm gegen Reich?

Wenn Union so arm wäre, dann hätten sie nicht versucht, fünf, sechs Jahre mit aller Macht in die Bundesliga aufzusteigen und zwar mit finanziell ordentlichen Mitteln für einen Zweitligisten.

Also ein Duell Ost gegen West?

Da muss ich sofort unterbinden. Bei uns gibt es sowas nicht. So denken wir nicht. Wir sind ein Verein für Gesamt-Berlin. Wir haben seit zwanzig Jahren eine der größten Legenden des ostdeutschen Fußballs im Verein, Andreas Thom. Bei uns hat die Ost-Legende Axel Kruse gespielt. Union hat auch viele Ex-Herthaner bei sich in der Truppe. Da kann es für mich niemals zu einem Ost-West-Duell kommen. So etwas ist für mich künstlich aufgeblasen.

Zwischen beiden Klubs liegen knapp 30 Kilometer Luftlinie und immerhin 40 Jahre getrennte Geschichte.

Geografisch vielleicht, aber nach 30 Jahren Mauerfall sollte man nicht über Ost und West sprechen. Die Menschen haben so hart gekämpft in dieser Stadt, dass die Mauer fällt. Und dann kommen Leute, die versuchen sie wieder hochzuziehen. Ohne Grund. Ich finde eine der größten Gaben, die diese Stadt heutzutage hat, ist ihre Offenheit und Toleranz.

Wie haben Sie den Mauerfall damals mitbekommen?

Ich war in Kroatien. Ein Bekannter von uns ist nach Hause gekommen und sagte: „Ein Wunder ist geschehen! Berlin ist wieder vereint!“ Meine Eltern waren ja Gastarbeiter in Berlin. Ich erinnere mich noch wie heute, dass meine Eltern Tränen in den Augen hatten. Weil es einfach ein wunderschönes Ereignis war. Deswegen würde ich nie von Ost-West sprechen, ich finde das falsch. Viele Menschen haben gelitten, bis diese Mauer gefallen ist. Und das Bemerkenswerteste ist, das muss ich sagen als ein Junge, der in Kroatien groß geworden ist und der den Balkan-Krieg ein bisschen miterlebt hat: Diese Mauer ist ohne einen Tropfen Blut gefallen. Darauf kann das deutsche Volk, insbesondere Berlin, stolz sein.

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Was hat Hertha, was Union nicht hat?

Ich kann nur sagen, was wir haben. Ohne damit sagen zu wollen, was Union nicht hat. Wir haben offene, zugängliche, familiäre Verhältnisse, trotz der Größe des Vereins. Selbst in Momenten, wo es nicht so läuft, und ich weiß, wovon ich spreche, wirst du nicht alleine gelassen.

Würden Sie sich als Stadtmeister fühlen nach einem Sieg am Sonnabend? Oder nach beiden Spielen? Oder wenn Hertha am Ende in der Tabelle vor Union landet?

Diese Stadtmeisterschaft ist eher etwas für die Menschen rundherum. Unsere Ziele sind langfristig, nicht kurzfristig auf das Union-Spiel bezogen, sondern mit Blick auf die gesamte Saison und die werden wir auch danach weiter verfolgen. Denn mit sechs Punkten aus den beiden Spielen steigst du ab. Dann hast Du zwar jede Menge Menschen zufriedengestellt, kannst dir T-Shirts drucken mit „Stadtmeister“, aber spielst nächstes Jahr Zweite Liga.

Am Ende könnte Hertha auch hinter Union stehen.

Es kann auch passieren, dass hier jetzt ein Blitz einschlägt. Kann, kann – natürlich kann es passieren. Es ist Sport, da kann alles passieren. Aber im Moment stehen wir vier Punkte vor Union und werden damit in jedem Fall auch nach dem Derby vor Union stehen.

Dürfen wir uns auf ein emotionales Derby freuen?

Ja, aber lasst uns das alles bitte auf der sportlichen Ebene austragen, und bitte: Zieht die Mauer nicht wieder hoch.