Es kommt nicht oft vor, dass Auswärtsfans in Fußballstadien Wechselgesänge zwischen Gerade- und Gegengerade anstimmen. Aber am Mittwochabend sangen gut 30.000 Dresdner Anhänger auf beiden Seiten des Olympiastadions abwechselnd „Dyna-mo!“. Immer wieder unterbrochen von Böllern und dem Abbrennen von Pyrotechnik.
Ihre Zweitligamannschaft hatte schließlich im Pokalspiel beim Favoriten Hertha BSC fast die Sensation geschafft und nach einem 3:3 nach 120 Minuten das Elfmeterschießen erreicht. Dort hatten die Gastgeber dann doch die Oberhand, gewannen dank zweier gehaltener Schüsse durch Torwart-Held Thomas Kraft im Elfmeterschießen 5:4 (0:1, 2:2, 3:3).
Das Achtelfinale im DFB-Pokal-Wettbewerb im Februar, das am Sonntag ausgelost wird, findet damit doch mit den Berlinern statt. Hertha vermied es in letzter Sekunde, wieder mal in der zweiten Runde an einem unterklassigen Gegner zu scheitern. Und darf mit einem späten Erfolgserlebnis im Rücken am Sonnabend zum ersten Berliner Bundesliga-Derby beim 1. FC Union antreten (18.30 Uhr/Alte Försterei), der sich sein Ticket für das Achtelfinale bereits am Vortag gesichert hatte und wie Hertha weiter vom Endspiel im Olympiastadion träumen darf. Das Spiel am Mittwoch fühlte sich bereits an wie ein Endspiel, war mit 70.429 Zuschauern fast ausverkauft.
Moussa Koné bringt Dresden in Führung
In der Westhälfte der Arena dominierte rund um das Marathontor das Gelb der Gästemannschaft. Viele Dresdner hatten einen Tag vor dem Feiertag in Sachsen die knapp 200 Kilometer Fahrt auf sich genommen. Während es vor dem Stadion weitgehend friedlich blieb, herrschte drinnen zeitweise ohrenbetäubender Lärm. Vor allem aus dem Gästeblock, aus dem immer wieder Rauch, Böller und Leuchtraketen in den Himmel flogen, wofür es eine saftige Strafe seitens des DFB setzen dürfte.
Hertha-Trainer Ante Covic hatte gegen den Tabellenvorletzten der Zweiten Liga, der dort zuletzt viermal verloren hatte, kräftig rotiert: Mit Ersatztorhüter Kraft, Ondrej Duda, Salomon Kalou, Javairo Dilrosun und Niklas Stark rücken fünf Neue in die Startelf.
Hertha hatte zwei Drittel Ballbesitz in der ersten Viertelstunde, Chancen durch Dilrosun und Dodi Lukebakio. Doch auch Dresden kam zu kleineren Gelegenheiten. Nach einer halben Stunde verflachte das Spiel gerade etwas, als Dresden nach einer Hertha-Ecke zwei Pässe reichten, um zum überraschenden Führungstreffer zu kommen: Moussa Koné wurde bei einem Doppelpass von Marius Wolf nicht gestört, rempelte dann Vladimir Darida weg und schon zum 0:1 ein (36.).
Lukebakio und Duda halten die Gastgeber auf Kurs
Direkt nach Wiederanpfiff kam Hertha mit einer anderen Einstellung aus der Kabine. Ein Abschlag von Dresdens Torwart Kevin Broll landete über mehrere Berliner Stationen bei Lukebakio. Herthas Spitze schob vor den Dresdner Verteidigern ein (48.), verpasste kurz darauf das 2:1, wie Dilrosun, der an die Latte köpfte (56.). Nach einer Stunde erwischte Kalou ebenfalls nur den Pfosten. Hertha hatte nun Oberwasser, aber zur Führung wollte es nicht langen. Dann wurde Lukebakio fünf Minuten vor Schluss an der Strafraumgrenze gefoult, den fälligen Elfmeter verwandelte Duda trocken.
Als alles schon nach Favoritensieg aussah, gab es noch einmal Strafstoß für den Außenseiter: In der Schlussminute hatte Stark Koné im Strafraum umgerannt. Ex-Herthaner Patrick Ebert verwandelte vor der Dresdner Kurve, der Ball glitt gerade so unter Kraft hindurch. Es gab also doch Verlängerung.
Torunarigha trifft kurz vor Ende der Verlängerung
Zu Beginn der Extra-Spielzeit kam Kapitän Vedad Ibisevic für Lukebakio. Hertha tat sich weiter schwer. Als ein Abseitstreffer von Ibisevic nach Seitenwechsel der Verlängerung annulliert wurde, ging es ganz schnell: Dresden konterte, der Slowene Luka Stor erzielte sein erstes Tor in Deutschland, der gesamte Dynamo-Betreuerstab stürmte das Feld.
Als der Außenseitersieg schon festzustehen schien, landete in der Nachspielzeit der Verlängerung noch einmal ein Ball vor den Füßen von Jordan Torunarigha: Der eingewechselte Verteidiger drosch den Ball zum 3:3 in die Maschen und rannte zum Feiern in die Ostkurve, die diesmal lauter war als die Dresdner.
Es gab also Elfmeterschießen, auf die Berliner Kurve, unter abwechselnden Pfiffen beider Seiten. Ebert, Horvath, Koné und Stor verwandelten für die Gäste, Ibisevic, Darida, Dilrosun und Selke für Hertha. Kraft hielt gegen Müller und Ehlers, sogar dreifach, weil ein Elfmeter wiederholt werden musste. Rekik schoss übers Tor. Nach dem entscheidenden Elfer von Marko Grujic zum 5:4 brach Jubel aus, diesmal auf der blau-weißen Seite des Stadions. Nach dem Sieg ging die Mannschaft vor die Ostkurve und wurde mit „Scheiß Union“-Rufen auf das Derby eingestimmt
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