Kolumne

Union Berlin gegen Hertha: Es geht um die Hauptstadtkrone

Hertha oder Union – wer gewinnt das erste Bundesliga-Duell? Fest steht schon jetzt: Das Hauptstadtderby bereichert den Fußball.

Jörn Lange kommentiert das Hauptstadtderby.

Jörn Lange kommentiert das Hauptstadtderby.

Foto: picture alliance / Bildagentur-online/Schöning / BM

Sind Sie auch schon so aufgeregt? Nur noch zweimal schlafen, dann ist es so weit: Hertha BSC gegen den 1. FC Union, das langersehnte Duell der Hauptstadtklubs, und das erstmals in Liga eins. Spätestens seit dieser Woche flirrt eine kräftige Brise Derby-Energie durch die Berliner Luft, schließlich gibt es in solchen Nachbarschaftsduellen weit mehr zu gewinnen als lausige drei Punkte.

Nein, hier wird eine Meisterschaft in der Meisterschaft ausgespielt, es geht um die Fußball-Krone der Stadt, um Ehre, Stolz und Prestige und nicht zuletzt darum, welche Fans die Fußball-Diskussionen in Büros, Kneipen und Umkleidekabinen im nächsten halben Jahr mit einem Totschlag-Argument beenden können: „Aber wir ham’ das Derby gewonnen.“

Union Berlin gegen Hertha BSC: Derbys sind besondere Spiele

Derbys sind besondere Spiele, ob man sich in Buenos Aires oder Bochum befindet, macht da keinen großen Unterschied. An solch klassischen Fußball-Standorten ist die Partie tagelang Gesprächsthema Nummer eins, ein bemerkenswerter Schwarm-Zustand, bekannt unter dem Begriff „Derby-Fieber“.

Spätestens bei dessen endgültigem Ausbruch am Spieltag sind die Symptome unübersehbar. Der Puls schlägt etwas schneller, das Flutlicht strahlt gefühlt ein wenig heller als sonst, und die Fans singen ein paar Dezibel lauter. Die Spieler kitzeln ebenfalls das letzte aus sich heraus, zumindest, was die „Kratzen, beißen, kämpfen“-Mentalität betrifft, schließlich wäre nichts schlimmer, als sich im emotional aufgeladensten Spiel des Jahres eine Blöße zu geben.

Auch zwischen Hertha und Union dürfte dieses Phänomen am Sonnabend zu beobachten sein, und dennoch bleibt Berlin ein Spezialfall. Einerseits, weil es hier an der Spree so vielfältig und bunt zugeht, dass der Fußball nur eine Attraktion unter vielen ist; zum anderen, weil die Rivalität zwischen Hertha und Union durch die einstige politische Teilung vergleichsweise jung ist.

Hauptstadtderby war bislang nur eine Fußnote

Im Wikipedia-Artikel zum Stichwort Derby spielen die Klubs jedenfalls keine Rolle – zumindest noch nicht. Ein deutsches Hauptstadtderby wird dort nur als bessere Fußnote erwähnt, der Rest der Republik ist indes gut vertreten. Frankenderby (Nürnberg gegen Greuther Fürth), Nordderby (Hamburger SV gegen Bremen), Rheinisches Derby (Köln gegen Mönchengladbach) oder Leipziger Derby (BSG Chemie gegen Lokomotive) – diese Duelle blicken auf eine stolze Geschichte zurück. Zur Wahrheit gehört aber auch: Das Gros der deutschen Derby-Kultur ist inzwischen Vergangenheit.

In meiner Kindheit und Jugend spielten mitunter fünf Revierklubs in der Bundesliga, damals fanden Erstliga-Derbys fast im Wochentakt statt. Heute ist nur das größte davon übrig geblieben, Dortmund gegen Schalke.

Auch die denkwürdigen Duelle zwischen dem FC Bayern und 1860 München sehe ich noch vor meinem geistigen Auge. Mittlerweile trennen die beiden Klubs Universen. Und Hamburg? Kann immerhin noch mit einem Derby aufwarten, aber bei den Hanseaten reicht es eben nur noch für Liga zwei. Beispiele, die zeigen, dass man sich auf Tradition nicht ausruhen darf. Bloßes Verwalten reicht nicht, Geschichte muss gemacht werden.

Ganz Deutschland wird nach Berlin blicken

Für Berlin ist der Derby-Schwund eine Chance, das Image des Hauptstadt-Duells befindet sich allerdings erst in der Entstehung. Der Mythos eines Derbys speist sich schließlich aus dem Mix aus epischen Schlachten und spitzen Bemerkungen, und die vier Zweitliga-Duelle (2010 bis 2013) lieferten erst den Prolog.

Entspinnt sich eine zunehmend verbitterte Rivalität, ein Sinnbild für den „Fußball-Klassenkampf“, von dem Union-Präsident Dirk Zingler sprach? Oder wird Berlin eher zum Synonym für ein freundschaftliches Duell, ähnlich wie das Merseyside Derby zwischen Liverpool und Everton?

Ganz Fußball-Deutschland wird am Sonnabend nach Berlin blicken, halb Europa dazu. Der Fußballstandort Berlin kann also eigentlich nur gewinnen, und für die Klubs gibt es ebenfalls viel zu holen. Wie sagen sie im Derby-gestählten Ruhrpott? Richtig: „Wenn du das Derby gewinnst, war es keine schlechte Saison.“