Bundesliga

Paderborn-Trainer Baumgart: „Hertha ist ein geiler Verein“

Ex-Union-Profi Baumgart hat ein Herz für Hertha. Mit Paderborn will der Trainer aber die Punkte aus dem Olympiastadion mitnehmen.

Paderborns Trainer Steffen Baumgart ist während des Spiels immer sehr engagiert.

Paderborns Trainer Steffen Baumgart ist während des Spiels immer sehr engagiert.

Foto: Christof Koepsel / Bongarts/Getty Images

Berlin. Steffen Baumgart hat durchaus eine Berliner Vergangenheit. Der Trainer des SC Paderborn war zwei Jahre lang Stürmer des 1. FC Union, und gegen Hertha-Trainer Ante Covic hat der 47-Jährige sogar selbst gespielt. Die Morgenpost sprach mit Baumgart vor dem Gastspiel der Paderborner bei Hertha am Sonnabend im Olympiastadion (15.30 Uhr).

Ihr Team hat in den ersten vier Spielen zwölf Gegentore kassiert, Herr Baumgart. Wie lange können Sie an Ihrer offensive Grundausrichtung festhalten?

Unsere Spielidee stellen wir nicht in Frage, es geht jetzt um Verfeinerungen. Wir beschäftigen uns viel mit der Defensivarbeit, und es ist auch nicht so, dass wir ständig offen nach vorn gerannt sind. Wir werden unserer Art Fußball treu bleiben, weil wir so eine größere Chance für Erfolge sehen. Wir wissen aber auch: Die Bundesliga ist im Ausnutzen von Fehlern brutal.

Bei Hertha ist Ihr Kollege Ante Covic ebenfalls mit einer offensiven Philosophie angetreten. Inzwischen hat er den Fokus darauf gelenkt, Stabilität ins Team zu bekommen.

Ich war in Mainz und habe Herthas zweite Halbzeit gesehen. Hertha hätte nicht als Verlierer vom Platz gehen müssen, sie hatten ein paar hundertprozentige Torchancen. Das heißt: Der offensive Part funktioniert. Hinten war das erste Gegentor eher ein Zufallsprodukt, und das zweite fällt nach einer Ecke. Ich finde, dass man da zwischen Leistung und Ergebnis unterscheiden muss. Aber es stimmt schon: Hertha hätte mehr holen können – so wie wir auch.

Fällt die Kritik an Covic zu hart aus?

Man sollte ihm jedenfalls eine echte Chance geben. Schließlich wollen die Leute doch lieber offensiven Fußball sehen. Ich kann nur hoffen, dass Ante seinen Weg findet.

Sie beide verbindet eine gemeinsame Geschichte.

Wir haben schon als Spieler etliche Male gegeneinander gespielt, später sind wir uns als Trainer in der Regionalliga Nordost begegnet und haben uns dort auch öfter gemeinsam Spiele angeguckt. Im Sommer haben wir uns zu unseren Aufstiegen gratuliert und uns gegenseitig Glück gewünscht. Ich habe mich für Ante gefreut. Er hat lange auf diese Chance gewartet.

Nun begegnen Sie sich im Duell Letzter gegen Vorletzter. Hertha hat in diesem Sommer so viel Geld ausgegeben wir noch nie, Paderborn quasi gar nichts. Ist es ein Vorteil für Sie, dass der Druck in Berlin deutlich größer ist?

Das mag von Berlin aus betrachtet so sein, aber ich versichere Ihnen: Hier in Paderborn herrscht ebenfalls Druck, auch für den Trainer. Ich spüre den Druck genauso wie Ante, aber damit müssen wir umgehen, das gehört zu unserem Job. Wir sind beide nicht so gestartet, wie wir uns das vorgestellt haben. Umso mehr werden wir jetzt alles daran setzen, das Spiel zu gewinnen.

In den vergangenen vier Jahren ging Ihre Trainer-Karriere steil bergauf, vom Berliner AK nach Paderborn, und dort aus der Dritten Liga ins Oberhaus. Was ist Ihr Erfolgsrezept?

Ich hatte bislang immer Jungs, die mir gefolgt sind, die mutig nach vorn gespielt haben. Wir wollen den Ball nicht einfach nur weghauen. Fußball lebt von Toren, aber dafür braucht es Mut, denn wenn man Risiko eingeht, muss man auch mit Niederlagen umgehen können. In der dritten Liga und in der zweiten Bundesliga hatten wir am Anfang auch nicht die höchste Qualität, und so ist es jetzt wieder. Wir müssen uns in die Bundesliga reinarbeiten.

Nach außen vermitteln Sie das Bild des harten Arbeiters, der immer schon die nächste Aufgabe im Blick hat. Gibt es Momente, in denen sie innehalten können und so etwas wie Stolz empfinden?

Die Frage ist ja: Was habe ich erreicht? Ich durfte 14 Jahre lang Profi sein. Es gab sicher Spieler mit mehr Talent, die sich nur zwei Jahre gehalten haben. Ich habe mich immer durchgebissen und mich nicht beeinflussen lassen. Ich bin auch niemand, der sich von sieben bis 22 Uhr nur mit Fußball beschäftigt. Aber wenn ich über Fußball nachdenke, dann zu 100 Prozent.

Sie waren Profi beim 1. FC Union, ihre Familie lebt seit Jahren im Berliner Umland. Wie emotional wird der Besuch im Olympiastadion für Sie?

Sehr! Ich habe mein erstes Spiel als Profi im Olympiastadion gemacht, 1994 in der zweiten Bundesliga. Damals konnten wir mit Hansa Rostock durch mein Tor mit 1:0 gewinnen. Ein Jahr später haben wir mit Hansa wegen einer Strafe ein Heimspiel im Olympiastadion ausgetragen – vor knapp 60.000 Menschen. Für mich war es immer etwas Besonderes, dort aufzulaufen. Egal was bisweilen über die Stimmung gesagt wird, für mich ist das eines der schönsten Stadien Deutschlands.

Wie nehmen Sie Hertha aus der Ferne war?

Das ist ein geiler Verein! Sie haben gute Strukturen und gehören zu den wenigen Vereinen, die mit ihrem Nachwuchsleistungszentrum sehr erfolgreich arbeiten. Es wurden viele ehemalige Spieler eingebunden, ständig werden junge Talente hochgezogen. Ich finde es überragend, wie Hertha das macht.

In Berlin ist Hertha momentan nur noch die Nummer zwei…

(Lacht) Union hat sich super entwickelt, aber man sollte wissen, wo man herkommt. Union ist der Underdog, der etablierte Klub ist und bleibt Hertha. Es gibt eine klare Nummer eins, die sich über ganz lange Zeit in der Bundesliga bewiesen hat. Union muss sich dort erst noch etablieren.

Zurück zum Spiel am Sonnabend: Paderborn hat in jedem Spiel in der ersten Viertelstunde getroffen. Eine Frage der Ansprache, der Motivation?

Das ist für mich eher Zufall. In den vergangen beiden Jahren haben wir oft in der letzten Viertelstunde Tore geschossen, das interessiert mich viel mehr. Aber ja: Die frühen Tore zeigen, dass wir von Beginn an wach sind.

Ihr Spieler Oliveira Souza hat trotz des jüngsten 1:5 auf Schalke gesagt, er wolle in Berlin drei Punkte holen. Recht selbstbewusst für einen Aufsteiger.

Die Aussage wundert mich überhaupt nicht, wir streben immer drei Punkte an. Das hat auch nichts mit Hertha zu tun, das war gegen Leverkusen, Wolfsburg oder Schalke nicht anders. Mit übersteigertem Selbstvertrauen hat das nichts zu tun, sondern mit unserer Art Fußball. Wir spielen, um Tore zu schießen und damit auch Punkte zu holen.