Interview

Ruth Moschner: „Hertha wird unterschätzt“

Moderatorin Ruth Moschner spricht im Interview mit der Morgenpost über ihre Liebe zu Hertha und ihr gespaltenes Verhältnis zu den Bayern.

Ruth Moschner zeigt, für welche Farben im Fußball ihr Herz schlägt: für blau und weiß. Für Hertha BSC.

Ruth Moschner zeigt, für welche Farben im Fußball ihr Herz schlägt: für blau und weiß. Für Hertha BSC.

Foto: Bernd Jaworek

Berlin. Die Moderatorin und Schauspielerin Ruth Moschner (43) ist in München geboren, lebt aber schon lange in Berlin. Im Gespräch mit der Berliner Morgenpost erklärt sie, warum sie glühender Fan von Hertha BSC ist und warum sie den Berlinern am Freitag einen Sieg über Bayern München wünscht.

Berliner Morgenpost: Frau Moschner, Sie sind waschechte Münchnerin, lebten dort auch die ersten zwei Jahrzehnte Ihres Lebens. Fanden Sie den FC Bayern schon immer blöd?

Ruth Moschner: Uiiih. Wie drücke ich das jetzt aus, ohne ein Einreiseverbot in die Landeshauptstadt zu bekommen? Ich hatte wohl schon als junges Ding ein gutes Bauchgefühl und war zumindest Sympathisantin von 1860 München. Ich hatte damals aber keinen blassen Schimmer vom Ballsport.

Sie verglichen den FC Bayern einmal mit einem verwöhnten Einzelkind aus reichem Hause.

Haha, stimmt. Wobei das Einzelkind aktuell echt in einer Daseins-Krise zu stecken scheint. Fakt ist, die Chancen, den Über-FCB zu schlagen sind aktuell besser denn je. Und da Hertha ja sowieso keine Angst vor den Bayern hat, sehe ich dem Spiel am Freitag sehr freudig entgegen!

Gab es nie einen Spieler, den Sie bei den Bayern wirklich toll fanden?

Also, spielerisch bin ich bei Ribéry durchaus oft ins Schwärmen geraten. Dieses Ballgefühl hat in der Bundesliga lange seinesgleichen gesucht. Und als ich Kimmich zum ersten Mal wahrgenommen habe, habe ich sofort zu meinem Freund gesagt, aus dem wird mal ein Führungsspieler. Der hat Persönlichkeit. Aktuell gibt es aber keinen in der Mannschaft, der mich so vom Hocker haut, dass ich meine Abneigung gegen den FC Hollywood zur Seite schieben möchte, um einfach nur das Spiel zu genießen.

Als Sie mit 20 nach Berlin zogen, wie und wann entstand die Liebe zur Hertha?

Ich wurde von Michael Preetz persönlich akquiriert. Das Ganze endete mit einem Trikottausch und einer Ehrenmitgliedschaft bei Hertha BSC. Ich warte allerdings immer noch darauf, dass ich endlich in den Trainerstab aufgenommen werde. Verstehe gar nicht, wieso das so lange dauert. Meine Nummer haben die!

Was hat die Hertha, was die Bayern nicht haben?

Hertha ist aktuell wirklich ein geiler Verein, der super Spiele abliefern kann. Ja, ich weiß, unsere Rückrunde gleicht ab und an eher einer Wellnessveranstaltung im Ü60-Klub, aber Hinrunde können wir wie fast kein anderer. Hertha wird immer noch unterschätzt, das wird sich aber diese Saison endlich ändern. Bei den Bayern ist es ja schon Gewohnheit, ganz oben zu stehen. Der Druck ist viel größer. Man erwartet Platz eins, alles andere ist indiskutabel. Dass das irgendwann mal bröckeln muss, ist klar. Daher könnt ihr gern mal ein Schrittchen zur Seite gehen und unsere blauen Rücklichter bestaunen, während ihr ein ehrfurchtsvolles Hahohe säuselt.

Und was hat Berlin, was München nicht hat? Stehen die beiden Vereine repräsentativ für den Charakter der Stadt, ehrliche Malocher gegen neureiche Schnösel?

Das Ziel ist natürlich, genau wie der FC Bayern international mithalten zu können. Da habe ich großen Respekt, wie die Münchener das Jahr für Jahr schaffen und damit natürlich die vielen Fans im Ausland auch verdient haben. Seit ein paar Jahren liefern die Berliner Jungs aber auch teilweise wieder spektakulären Fußball ab, der einen als Fan richtig stolz macht. Viele sehen in Hertha ja immer noch die schmutzigen Rasenkicker aus Berlin, die man nicht wirklich ernst nimmt. Aber wir entwickeln gerade einen richtig guten und durchaus geschmeidigen Stil, der immer öfter zum Vorschein kommt. Wir sind inzwischen wesentlich besser als unser Ruf. Die Berliner beißen sich fest und spucken auch mal in den Münchener Prosecco. Und damit ist hier natürlich durchaus eine Parallele zur Stadt. Berlin, die City, die nichts auf die Reihe kriegt, ewig pleite, und kurz vor knapp dann doch wieder vorbei. Wenn wir es schaffen, unseren positiven Schwung noch konsequenter durchzuziehen, sind wir auch in der Rückrunde besser als der FCB. In der Hinrunde haben wir euch eh in der Tasche.

Berlin kriegt ja wirklich nichts auf die Reihe, Berlin kann keinen Flughafen und Hertha kann nicht Meister. In München dagegen klappt alles, die Wirtschaft boomt, die Bayern holen jedes Jahr Titel. Ist der Berliner vielleicht nur neidisch auf München?

Und trotzdem wollen alle in die Hauptstadt an der Spree ziehen. Merkste selber, wa? (lacht) München ist eben wie die Frau zum Anhimmeln aus der Ferne, eine, die immer toll gestylt ist, die man aber nicht anfassen möchte, weil die Seidenbluse sonst Falten abbekommen könnte. Berlin dagegen ist lebendig, eine, mit der man nachts um drei Uhr noch so laut lachen kann, bis einem die Cola durch die Nase wieder rauskommt. Eine mit zerwühlten Haaren, manchmal auch ‘ner Laufmasche im Strumpf, zum Pferdestehlen, teilweise auch aus Geldknappheit. Bisschen verpeilt mit dem Herz am rechten Fleck. Und wunderschön, weil authentisch und perfekt im Unperfektsein.

Jetzt hat Berlin mal wieder zwei Bundesligisten, wie ist das Verhältnis zwischen der Hertha und Union, so ideologisch und polarisierend wie zwischen Bayern und Sechzig oder anders?

Ich freue mich tierisch auf die Derbys, und dass unsere Hauptstadt gleich zwei Erstligisten hat. Der Aufstieg von Union war absolut verdient. Die Stimmung wird natürlich ordentlich kochen, weil da zwei Gegensätze aufeinanderprallen.

Finden Sie Transfersummen im dreistelligen Millionenbereich nicht obszön? Ist das nicht furchtbar traurig, wenn man bedenkt, wofür man das Geld in der Welt sonst besser verwenden könnte?

Ich bin grundsätzlich kein neidischer Mensch, es sei daher jedem gegönnt. Wenn man bedenkt, wie viel Kohle Spieler wie zum Beispiel Griezmann oder Pépé einem Verein einbringen, sind diese Summen legitim. Wenn Dodi Lukébakio uns Herthanern 2020 den Pokal bringt, dann war er doch jeden Cent wert. Die Frage ist viel mehr, wie viel von den Penunsen wieder in den Umlauf gebracht wird. Da sind Toni Kroos oder Arne Friedrich mit ihren Stiftungen super Vorbilder, weil sie die Kohle nicht verprassen, sondern Menschen damit unterstützen, denen es finanziell nicht so gut geht. Ich kenne Arnes Arbeit ein bisschen und finde es bewundernswert, wie viel Energie er aufbringt, um unsere Welt sozialer zu machen.

Sie engagieren sich für Sozial- und Umweltprojekte. Kommt Ihnen die Welt des Fußballs da nicht manchmal wahnsinnig stumpf vor?

Interessanterweise ist Fußball ein toller Multiplikator. Er verbindet arm und reich und macht einfach Freude. Ich habe in Südafrika einen Verein betreut, in dem Gleichberechtigung über den Ballsport transportiert wurde. Das erste Tor musste von einem Mädchen in der Mannschaft geschossen werden. Daher standen Integration und Akzeptanz an erster Stelle. Gerade im Land der Machos ist es wichtig, den Jungs spielerisch beizubringen, dass Respekt Frauen gegenüber selbstverständlich sein sollte.

Sie leben seit vielen Jahren in Charlottenburg, was vermissen Sie an München?

Natürlich hätte ich gern meine Münchener Freunde hier im dicken B. Die sehe ich viel zu selten. Und die Bayerische Biergartenkultur sucht man hier in Berlin vergebens. Alles billige Kopien, die nicht mal ansatzweise ans Original herankommen. Aber Berlin ist schon lange mein Zuhause. In München fühle ich mich eher fehl am Platze und viel zu underdressed.