Wie es wohl in Salomon Kalou aussah? Oder in Marvin Plattenhardt? Vorstellen möchte man sich das lieber nicht, denn wenn man sich die Flugangst der beiden Hertha-Profis vergegenwärtigt, wird klar: Für sie muss die Rückreise vom Freundschaftsspiel in Bochum in der Nacht zu Sonntag ein echter Horrortrip gewesen sein.
Heftige Gewitter, zu wenig Sprit an Bord und eine ungeplante Landung in Leipzig – das, was Trainer Ante Covic am Sonntagvormittag von Herthas nächtlicher Odyssee berichtete, klang abenteuerlich.
Schon am Abflugort in Essen habe das Team wegen der komplizierten Wetterlage zweieinhalb Stunden auf dem Rollfeld warten müssen. Schlimmer noch: Im Anflug auf Berlin wurde klar, dass das heftige Gewitter über der Hauptstadt keine Landung zulässt. Und um zu kreisen und abzuwarten, war der Tank nicht voll genug.
Außerplanmäßige Landung in Leipzig um ein Uhr nachts
Die Lösung hörte auf den Namen Leipzig. Statt in Berlin strandete der Fußball-Bundesligist also um kurz nach eins in Sachsen. Von dort ging es in Autos und Kleinbussen gen Heimat. Erst um drei Uhr früh war das Rückreise-Chaos überstanden.
Trainer Ante Covic (43) sah es positiv: „Das war unsere erste teambildende Maßnahme“, sagte der Ex-Profi: „Als Trainer siehst du in so einer Situation den Charakter der Spieler. Die Jungs harmonieren brutal gut miteinander. Nicht einer hat gemeckert.“
Nun bleibt festzuhalten, dass die Rückreise am Sonnabend nicht der einzige Charaktertest war – auch der Freundschaftskick beim VfL Bochum war zuvor in diese Kategorie gefallen. Nach Herthas desolatem 1:4 beim Zweitligisten Aue am Mittwoch mussten die Berliner eine Reaktion zeigen, und das taten sie.
Coach Covic sieht Fortschritte
„Die erste Halbzeit in Aue hat dem Trainer nicht gepasst“, erklärte Abwehrchef Niklas Stark nach dem 1:1 beim Zweitligisten, „und uns auch nicht. Hier in Bochum haben wir eine bessere Einstellung gezeigt.“
Tatsächlich präsentierten sich die Berliner von Beginn an engagierter und griffiger, liefen ihre Gegner aggressiver an und entwickelten mehr Zug im Spiel nach vorn. Von besonders viel Torgefahr oder gar Dominanz konnte zwar trotzdem keine Rede sein, aber zumindest stimmte das Auftreten.
Covic hatte zudem noch weitere Mutmacher gesehen. Weniger Rückpässe auf den Torhüter zum Beispiel, eine „viel bessere Kommunikation“ oder eine Handvoll herausgespielter Torchancen.
„Man sieht schon viele Sachen, die der Trainer verlangt“, fand auch Stark, „aber es braucht auch Zeit. Insofern ist es gut, dass wir noch einige Wochen zum Arbeiten haben.“ Bis zum Pflichtspielstart im DFB-Pokal (11. August beim Regionalligisten VfB Eichstätt) werden sich die Berliner steigern müssen.
Extralob für Zugang Boyata
Auf einem guten Weg befindet sich Sommerzugang Dedryck Boyata (28). Der Belgier gab in Bochum sein Hertha-Debüt und hinterließ im Abwehrzentrum einen soliden Eindruck. Covic lobte seine „brutale Zweikampfstärke“ und Ausstrahlung.
„Trotz der Sprachdefizite übernimmt er schon eine Führungsrolle“, sagte der Coach: „Ich glaube, wir werden noch viel Freude an ihm haben.“
Welchen Platz sich Boyata im Team erspielen kann, wird sicher spannend zu beobachten sein. Mit Niklas Stark (24) und Karim Rekik (24) trifft der WM-Teilnehmer auf überdurchschnittliche starke Konkurrenz. Zudem buhlt auch Eigengewächs Jordan Torunarigha (21) um Einsatzzeit.
Fragezeichen hinter Abwehr-Routinier Pekarik
In Bochum bot Covic erstmals eine Startformation auf, die so oder ähnlich auch im Ernstfall denkbar wäre. Der Konkurrenzkampf nimmt also Fahrt auf, langsam aber sicher geht es ans Eingemachte. Im zweiten Trainingslager in Stegersbach (Österreich) wird ab Mittwoch das Profil des Teams geschärft.
Ob Peter Pekarik (32) dann mitmischen wird, bleibt abzuwarten. Der slowakischen Rechtsverteidiger wird von Muskelproblemen in den Waden geplagt. Besser sieht es bei Mittelfeld-Talent Sidney Friede (21) aus, der nach einem Schlag aufs Knie pausiert hatte.
Zudem deuten die Zeichen darauf hin, dass auch Sturm-Zugang Daishawn Redan (18) am Bord der Maschine nach Salzburg sein wird. So wie Kalou und Plattenhardt. Dann hoffentlich bei gutem Wetter. Und mit möglichst wenig Flugangst.
dpa


