Die Klartext-Runde dauerte fast zwei Minuten. Eindringlich redete Hertha-Coach Ante Covic (43) seinen Spielern ins Gewissen. Mehr Kommunikation, mehr gegenseitiges Coaching sei auf dem Feld gefordert, die Mannschaft sei viel zu ruhig, ärgerte sich der Kroate. „Kommunikation“, erklärte er später, „ist eine ganz große Hilfestellung im Fußball.“

Was für die Profis des Berliner Bundesligisten gilt, gilt auch für ihren Trainer, der den aufkeimenden Konkurrenzkampf moderieren muss. Nach drei Wochen im Amt ist die Kennenlernphase unter dem neuen Coach endgültig passé. Spätestens zum Start des zweiten Trainingslagers in Stegersbach (Österreich) am Mittwoch ist der Kuschelkurs vorbei, der Kampf um die Plätze im Team erhält eine neue Qualität. Wer muss um seine Rolle bangen? Wer greift an? Wer bekommt neue Konkurrenz? Die Zeit läuft: Am 2. September schließt das Transferfenster. Ein Überblick.

Selke, Köpke, Darida: Das sind die Herausforderer bei Hertha

Eine Variante mit zwei Angreifern schließt Covic zwar nicht kategorisch aus, wahrscheinlicher ist jedoch eine ausbalanciertere Formation mit nur einem Stoßstürmer. Stand jetzt geht Kapitän Vedad Ibisevic (34) als Nummer eins ins Rennen, aber der ehrgeizige Davie Selke (24) wird sich mit dieser Rangordnung nicht kampflos anfreunden. Will Herthas Rekordeinkauf (acht Millionen Euro Ablöse) spielen, muss er mehr zeigen als zuletzt. Selbiges gilt für Angreifer Pascal Köpke (23), der in seinem zweiten Jahr in Berlin nachweisen muss, dass er dem Team als Joker helfen kann.

Einer, der sich im Training bislang aufdrängt, ist Vladimir Darida (28). Die Konkurrenz im zentralen Mittelfeld ist allerdings immens. Marko Grujic (23) gilt als gesetzt, Klub-Juwel Arne Maier (20) soll ebenfalls eine tragende Rolle einnehmen und die Spielmacher-Rolle ist inzwischen an Ondrej Duda (24) vergeben. Hinzu kommen Per Skjelbred, Talent Sidney Friede und Sieben-Millionen-Euro-Zugang Eduard Löwen. Starke Trainingsleistungen werden Darida deshalb kaum reichen. Erhält er eine Chance, braucht er zählbare Erfolge – Tore und Vorlagen. Ein Posten als Reservist ist für den tschechischen Nationalspieler zu wenig und wäre für Hertha ein teurer Luxus. Findet sich ein Interessent, liegt ein Verkauf nahe.

Klünter, Esswein, Leckie: Bei Hertha auf dem Prüfstand

Ob Lukas Klünter (23) wirklich das Potenzial hat, um in die Fußstapfen des zu Inter Mailand abgewanderten Valentino Lazaro zu treten? Manager Michael Preetz sagt, er traue es dem Rechtsverteidiger zu; Kritiker haben daran jedoch erhebliche Zweifel. Klünters enorme Schnelligkeit ist zweifelsohne eine Waffe, fußballerisch gilt er jedoch als limitiert. Er muss beweisen, dass Preetz’ Vertrauensvorschuss gerechtfertigt ist. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass Hertha auf dieser strategisch wichtigen Position eine echte Verstärkung holt.

Wie groß das Vertrauen des Managers in Alexander Esswein und Mathew Leckie ist? Darüber kann man nur spekulieren. Fest steht: Beide bringen ein ähnliches Profil mit wie Klünter – ihr Tempo ist ihr größter Trumpf. Für die rechte Offensivseite fahndet Preetz deshalb mit Hochdruck nach mehr Qualität. Wird er fündig, wird die Luft für Leckie und Esswein dünn. Vor allem Letztgenannter gilt als Verkaufskandidat.

Covic, Dardai, Baak: Herthas Leih-Kandiaten

Hertha will gezielt auf den eigenen Nachwuchs setzen, was jedoch mitunter ein paar Umwege erfordert. Eigengewächse wie Trainersohn Maurice Covic (21) und Palko Dardai (20) brauchen für ihre Entwicklung zwingend Spielpraxis, die sie in der Bundesliga bestenfalls sporadisch bekommen werden. Weil Einsätze in Herthas U23 (Regionalliga Nordost) keine allzu großen Fortschritte versprechen, soll das Duo an einen höherklassigen Klub ausgeliehen werden.

Im Fall von Innenverteidiger Florian Baak (20) hat der erschreckend schwache Test bei Erzgebirge Aue (Endstand 1:4) arge Zweifel am Bundesligaformat des Hertha-Talents geschürt. Auch er gilt als Leih-Kandidat – genauso wie Stürmer Muhammed Kiprit (20).

Kalou und Stark könnten hohe Transfererlöse einbringen

„Für einen Spieler wie Salomon Kalou“, sagt Manager Preetz, „gibt es immer einen Markt.“ Wie wichtig der 33 Jahre alte Ivorer für Hertha ist, hat er oft genug bewiesen, sei es als Torschütze, Vorbereiter, Vorbild oder Mentor. Sollte Hertha für die offensiven Außenbahnen jedoch einen Hochkaräter verpflichten, wäre ein Abgang des Routiniers zu verkraften. Den Berlinern würde er so noch einen Transfererlös einbringen. Im kommenden Sommer wäre Kalou ablösefrei.

Niklas Stark (24) ist zwar bis 2022 an den Hauptstadtklub gebunden, hat sich aber nicht erst durch die Einladungen von Bundestrainer Joachim Löw zur deutschen Nationalmannschaft interessant gemacht. Sorgt der Transfersommer bei größeren Klubs für einen Innenverteidiger-Domino, wäre Stark schnell in der Verlosung. Manager Preetz weiß: „Für einen Verein wie Hertha gibt es Summen, die man nicht ablehnen kann.“

Herthas Baustelle auf den offensiven Außenbahnen: Francois Kamano im Fokus

Sollte Stark tatsächlich gehen, müsste Preetz im Abwehrzentrum nachbessern. Dringlicher sind jedoch die bestehenden Baustellen zu schließen – rechts defensiv und auf den offensiven Außenbahnen. Im Blickfeld der Berliner befindet sich dem Vernehmen nach Francois Kamano aus Guinea. Der 23 Jahre alte Rechtsfuß spielt derzeit für Girondins Bordeaux in Frankreichs Ligue 1, erzielte in der abgelaufenen Saison in 37 Einsätzen zehn Tore. Vertreten wird Kamano von jener Agentur, die auch Ibisevic und Sommerzugang Löwen berät. Sein Marktwert wird derzeit auf 15 Millionen Euro taxiert. Für Hertha wäre eine derartige Summe ein Schritt in eine neue Dimension, durch den Einstieg von 125-Millionen-Euro-Investor Lars Windhorst und den lukrativen Lazaro-Verkauf (22 Millionen Euro) jedoch nicht mehr utopisch.