Herthas Fitness-Coach

Kuchnos neue Ziele – Mehr Sprints, weniger Verletzungen

Herthas Athletik-Coach Henrik Kuchno setzt unter Ante Covic auf neue Reize und Methoden. Einen Spieler hat er besonders auf dem Kieker.

Fitnesstrainer Henrik Kuchno (l.) bringt die Hertha-Profis im Trainingslager in Neuruppin auf Trab. Die Temperaturen sind mit rund 20 Grad dankbar.

Fitnesstrainer Henrik Kuchno (l.) bringt die Hertha-Profis im Trainingslager in Neuruppin auf Trab. Die Temperaturen sind mit rund 20 Grad dankbar.

Foto: Jan-Philipp Burmann / City-Press GmbH

Neuruppin.. Niklas Stark schnaufte immer noch, dabei lag die Trainings-Tortur schon Minuten zurück. Ausgerechnet jetzt auch noch einen Video-Gruß an die Fans richten? Das war am Montagvormittag fast zu viel für Herthas Abwehrchef. „Ich kann nichts mehr sagen, weil mir die Puste wegbleibt“, gab er vor laufender Kamera zu, „das war grad‘ eine echt schwierige Einheit.“

Kleiner Trost: Seinen Kollegen erging es nicht anders. Vedad Ibisevic stützte sich nach dem letzten Laufintervall erschöpft auf seine Knie, Per Skjelbred stemmte die Hände schwer atmend in die Hüften, Marvin Plattenhardt schnappte mit gesenktem Haupt nach Luft. Verantwortlich dafür war Herthas Fitness-Coach Henrik Kuchno (45), der für sein hartes Programm prompt die Quittung bekam.

„Heute Mittag haben mir die Spieler offiziell die Freundschaft gekündigt“, erzählt Kuchno im Konditionstrainingslager des Fußball-Bundesligisten in Neuruppin, „aber wenn sie eine Nacht darüber geschlafen haben, ist es bestimmt wieder okay.“ Natürlich nur ein Scherz, denn in Wahrheit genießt er hohes Ansehen bei den Profis.

Skjelbred: „Bester Athletik-Trainer, den ich je hatte“

„Er ist der beste Athletik-Trainer, den ich je hatte“, sagt Mittelfeld-Routinier Per Skjelbred (32), „es würde mich nicht wundern, wenn er eines Tages von Real Madrid abgeworben wird.“ Was Kuchno so besonders macht? „Er hat immer wieder neue Ideen und holt sich Inspiration aus anderen Sportarten“, erklärt der Norweger, „und er drückt bei uns die richtigen Knöpfe.“

Nun, an letzterem bestehen bei Beobachtern durchaus gewisse Zweifel. Fast schon traditionell brachen die Berliner auch 2018/19 in der Rückrunde ein, zählten bei Laufleistung und Sprints zu den schwächsten Teams der Liga. Fakten, die Kuchno nicht ignorieren kann.

Für die schlechten Parameter gäbe es Gründe, sagt er, „da nehme ich mich in der Aufarbeitung als Athletik-Trainer nicht aus und sehe mich in der Verantwortung, das zur neuen Saison zu verändern“. Die Gesamtlaufleistung stört ihn dabei weniger, schließlich finden sich unter den Wenig-Läufern auch Erfolgsteams wie der FC Bayern oder Eintracht Frankfurt. Die Sprints aber haben es ihm angetan.

Sprints als neuer Schwerpunkt

„Das wird unser Schwerpunkt sein“, kündigt er an, „wir wollen unsere Spieler so abhärten, dass sie auch unter Ermüdung noch hohe Geschwindigkeiten laufen und dann gefährliche Nadelstiche setzen können.“ Ein Ziel, das mit kürzeren, aber dafür intensiveren Läufen erreicht werden soll.

Daneben ist im Trainingslager eine weitere neue Methodik zu beobachten. Ermüdende Linienläufe wie am Montagvormittag sind bislang die Ausnahme, ansonsten dürfen die Profis auffällig viel mit dem Ball arbeiten. „Ich habe mich da ein wenig umgestellt“, erklärt Kuchno: „Stur im Kreis zu laufen, macht keinen Spaß“, sagt er, „mit dem Ball am Fuß verlieren die Spieler ein wenig das Zeitgefühl und gehen ganz anders in die Kabine.“

Covic möchte zusätzliche Athletik-Einheit

Mit Ante Covic (43) hat sich Kuchno bereits Anfang Juni ausgetauscht. Das Vertrauen des neuen Cheftrainers in seinen Fitness-Experten scheint groß. Wie sein Vorgänger Pal Dardai lässt er Kuchno weitgehend freie Hand.

Der größte Unterschied im Vergleich zum Vorjahr wird in einer zusätzlichen Trainingseinheit pro Woche bestehen, die Kuchno gemeinsam mit seinem Trainer-Kollegen Hendrik Vieth (35) bestreiten darf. Ein Zeitfenster, das das Duo unter anderem auf dem „Speed-Court“ nutzen will, einem neu geschaffenen Trainingsbereich im ersten Stock des Trainingszentrums.

Mit Tempo allein ist es jedoch nicht getan. 2018/19 wurden die Berliner durch etliche Muskelverletzungen ausgebremst, ein Umstand, den Kuchno unbedingt ändern möchte. In den vergangenen Jahren schraubt der Sportwissenschaftler bereits an der Ernährung der Spieler, zudem wurde unter Dardai der Anteil des Regenerationstrainings erhöht. Spürbar reduziert hat das die Verletzungsanfälligkeit nicht, aber Kuchno wähnt sich auf dem richtigen Weg.

Kuchno will die Verletzungen reduzieren

„Bei der Verletzungsprävention haben wir noch immer Luft nach oben“, betont er: „Wir wollen in Zukunft noch mehr auf die Qualität der Übungsausführungen achten. Mir ist es lieber, die Jungs machen acht gute Wiederholungen als zwölf schlechte.“

Weich wird der gefürchtete Schleifer deshalb nicht, so viel ist sicher. Nach dem Konditionstrainingslager stehen den Profis knüppelharte Einheiten bevor, selbst für ein Laufwunder wie Vladimir Darida, der die Linienläufe am Montag ungerührt wegsteckte.

„Bis jetzt hat ihn noch keine Übung aus dem Gleichgewicht gebracht“, sagt Kuchno anerkennend, „aber eine habe ich noch. Die hebe ich mir noch ein bisschen auf.“