Stadionpläne

Hertha verspricht: „Wir legen die Finanzierung total offen“

Hertha-Finanzchef Ingo Schiller reagiert auf Kritik aus der Politik und erklärt, warum die Neubaupläne für den Klub existenziell sind.

Herthas Finanzchef Ingo Schiller am Schenckendorffplatz, wo der Klub sich ab 2025 eine Arena wünscht.

Herthas Finanzchef Ingo Schiller am Schenckendorffplatz, wo der Klub sich ab 2025 eine Arena wünscht.

Foto: Foto: Jörg Krauthöfer

Berlin.  Den laufenden Mietvertrag im Olympiastadion wird Hertha BSC nicht verlängern. Ab Juli 2025, so schwebt es den Verantwortlichen vor, will der Bundesligist in einer reinen Fußball-Arena spielen. Am liebsten im Olympiapark an der Rominter Allee. Dafür braucht der Klub jedoch eine Mehrheit im Berliner Abgeordnetenhaus für einen Erbbauchpachtvertrag. Doch gegen die Neubaupläne von Hertha regen sich erhebliche Widerstände. Ingo Schiller, seit 1998 Herthas Finanzchef, erklärt, warum ein neues Stadion für den Verein existenziell wichtig ist.

Berliner Morgenpost: Herr Schiller, Hertha BSC versucht seit gut zwei Jahren, Berlins Politik zu überzeugen, dass der Klub ein neues Stadion braucht. Von einem Entgegenkommen der Stadt kann bislang keine Rede sein. Warum versteht niemand so recht, was Sie eigentlich möchten?

Ingo Schiller: Ich glaube schon, dass viele Menschen uns verstehen und unser Anliegen unterstützen. Die Spielstätte ist im modernen Fußball ein ganz wichtiger Wettbewerbsfaktor geworden, deshalb sind wir überzeugt, dass wir ein neues Stadion benötigen. Vor zehn Jahren hatte noch die Hälfte der Bundesliga-Stadien Laufbahnen. In diesem Jahr spielt neben uns nur noch Nürnberg mit einem solchen Wettbewerbsnachteil.

Sie zielen auf die Atmosphäre ab, auf die Unterstützung für das Team.

Die erste Reihe in der Ostkurve ist 40 Meter von der Torlinie entfernt, woanders sind es zehn. Das ist eine andere Welt, wir haben da atmosphärisch erhebliche Nachteile. Andererseits müssen wir auch moderne Strukturen für die Fans kreieren. Wir hätten in einem neuen Stadion zum Beispiel besseren Wetterschutz, das Olympiastadion ist sehr offen. Auch die Versorgung und der Komfort würden besser. Alles auf dem allerneuesten Stand.

Dennoch gibt es kaum jemanden, der sich politisch für Sie ins Zeug legt – nicht mal die Opposition, die sonst keine Gelegenheit auslässt, um Rot-Rot-Grün Untätigkeit vorzuhalten.

Wir müssen unsere Argumente noch intensiver vortragen und ein Bewusstsein dafür schaffen, was entscheidende Elemente im engen Wettbewerbsumfeld des heutigen Fußballs sind. Das Thema Stadion ist ein wichtiger Faktor. Ich hoffe, dass die Politik die mittelfristige Bestandssicherung eines Fußballvereins, aber auch eines mittelständischen Unternehmens in dieser Stadt als Aufgabe versteht. Wir sprechen über 150 Millionen Euro Jahresumsatz und mehr als 1000 von uns abhängige Arbeitsplätze.

In der Gesellschaft ist ein generelles Unbehagen über die Entwicklung des Fußballs spürbar. Viele Menschen haben kein Verständnis dafür, warum man ein Business mit völlig entfesselten Transfersummen und Jungmillionären in kurzen Hosen unterstützen soll.

Von den über 1000 Arbeitsplätzen sind nur etwa 25 im Kader der ersten Mannschaft und mehr als 1000 nicht …

… die bei Weitem nicht alle Angestellte von Hertha BSC sind …

Nein, aber sie sind uns direkt zurechenbar, in Service, Sicherheit, Marketing und so weiter. Das ist ein direkter Faktor, den man uns zugutehalten kann. Das zweite ist die Öffentlichkeitswirkung. Wir spielen für Berlin und halten die Stadt auf der Fußball-Landkarte. Bei unseren Top-Spielen kommen mittlerweile über zehn Prozent der Besucher aus dem Ausland. Die reisen extra dafür an und lassen nachweisbar Geld in der Stadt. Es geht also um Wirtschaft, um Wahrnehmung und auch um eine Identitätsstiftung. Ein Fußball-Verein ist etwas, wohinter sich weite Teile der Gesellschaft noch versammeln können. Davon gibt es nicht so viel.

Gerade in Berlin gibt es jedoch allerhand Konkurrenz, sei es im Sport oder in der Kultur. Überhaupt ist Berlins Verhältnis zu Hertha nicht vergleichbar mit der Liebe, die die Menschen in Köln oder Frankfurt für ihren Verein empfinden.

Die Geschlossenheit der Anhängerschaft ist hier stadtweit sicher nicht so wie anderswo. Wir versuchen mit unterschiedlichen Maßnahmen, Menschen neu für uns zu begeistern, gerade die jungen. In diesem Jahr haben erstmals alle unter 14 Jahren freien Eintritt. Die bringen hoffentlich ihre Geschwister, Freunde, Eltern oder Betreuer mit. Das soll die Verwurzelung in der Stadt verbessern. Man muss in der Stadionfrage aber auch festhalten: Es geht nicht darum, ob man Hertha mag oder nicht, sondern um eine Sachentscheidung.

Hertha-Manager Michael Preetz hat unlängst die mangelnde Unterstützung der Politik beklagt. Zu registrieren ist dieses Phänomen schon seit zwei Jahren, doch statt eine Charmeoffensive zu starten, geht Hertha auf Konfrontationskurs. Ist das zielführend?

Ich möchte die Debatte wegbekommen vom Gegensatz Charmeoffensive versus Konfrontation. Es geht um die Sachfrage und nicht darum, ob wir bei den richtigen Leuten etwas in der richtigen Tonlage angesprochen haben. Ich glaube, wir haben die richtigen Argumente – obwohl ich die Wahrnehmung teile, dass sie noch nicht weit genug durchgedrungen sind. Darum müssen wir jetzt weiter die Inhalte nach vorne stellen.

Aber ist es nicht ein fundamentaler Fehler, wenn Michael Preetz sagt, dann bauen wir eben ein temporäres Stadion? Dafür braucht es eine Genehmigung und die Anbindung mit öffentlichem Nahverkehr. Das muss die Politik doch als Ultimatum empfinden.

Er wurde im Interview gefragt, ob wir den Mietvertrag im Olympiastadion verlängern.

Nach heutigem Stand müsste er sagen: Vielleicht, weil wir nichts anderes haben. Und weil Sie bestehende Probleme nicht gelöst kriegen.

Warum glauben Sie das?

Weil wir regelmäßig mit den Politikern sprechen, die für Ihr Projekt die Hand heben müssten. Bisher wollen die das nicht, es braucht offenbar neue Argumente.

Oder dieselben überzeugenden nochmal anders aufbereitet. Jetzt zu sagen, es sei eine Option, den Mietvertrag zu verlängern, kann für uns keine Antwort sein.

Wo sollte ein temporäres Stadion denn stehen?

Wir würden uns damit befassen, wenn es dann an der Zeit wäre.

Angesichts der benötigten Genehmigung wirkt diese Option sehr theoretisch. Oder gehen Sie mit der Übergangsarena nach Brandenburg?

Das B-Wort, das nicht mit „erlin“ endet, ist aktuell nicht mehr wirklich in den Mund zu nehmen. Aber im Ernst: Temporäre Stadien haben andere Genehmigungsvoraussetzungen als ein festes Stadion. Aber unsere Priorität ist ein Neubau an der Rominter Allee. Es ist auch im Interesse des Landes Berlin, die Zukunft von Hertha BSC zu sichern.

Das Olympiastadion genießt einen fantastischen Ruf, wenn es voll ist, aber in der Regel ist es halb leer. Sehen sie keine anderen Möglichkeiten, das Stadion öfter zu füllen? Warum senkt man nicht die Preise?

Wir sehen ja, wie viele Menschen das Angebot „Kids for free“ annehmen. Ich hatte da mit vier- bis fünftausend Besuchern pro Spiel gerechnet, aber wir werden deutlich darunter liegen. Dabei kann ein Erwachsener einen kompletten Kinder-Freundeskreis oder eine Fußballmannschaft mitbringen. Es gibt also nicht die eine Maßnahme, die uns alle zwei Wochen 70.000 Zuschauer bringt.

In Bezug auf Ihren Neubau-Wunsch ist das Wohlwollen in Berlin nicht besonders groß. Warum investiert Hertha nicht noch mehr, um die Menschen zu überzeugen?

Wir haben bislang über 80 offizielle Gespräche geführt – mit Vertretern von Senat, Verwaltung und Parlament. Natürlich kann man immer mehr machen. Wir versuchen, vermehrt für die Inhalte zu werben, weil wir sehen, was ein Neubau für einen Verein bedeuten kann. Viele Stimmen aus Gesellschaft und Wirtschaft unterstützen uns. Der Neubau kann der Startpunkt für eine positive Entwicklung sein. Was in Mönchengladbach passiert ist, wäre ohne das neue Stadion nie möglich gewesen. Werder Bremen lebt extrem von der Atmosphäre im Stadion, hat damit einen Vorteil, den wir nicht haben. Wenn es in den nächsten 50 Jahren noch hochklassigen Fußball in Berlin geben soll, brauchen wir ein neues Stadion. Wenn die Überzeugung geteilt wird, müssen wir gemeinsam die Rahmenbedingungen schaffen.

Finden Sie es eigentlich ein bisschen schäbig, dass Sie wegen der gut fünf Millionen Euro Miete, die Sie pro Jahr für das Olympiastadion zahlen, so blockiert werden? In München muss die Stadt das Olympiastadion ja auch managen, nachdem der FC Bayern ausgezogen ist.

Ich würde mir wünschen, dass wir gemeinsam über Lösungen nachdenken, etwa darüber, was man für eine gemeinsame Vermarktung des Geländes tun kann. Im Moment werden Waldbühne, Maifeld, Olympiastadion und dann auch unser neues Stadion separat gedacht. Für mich muss das zusammen gedacht werden. Der Olympiapark benötigt eine professionelle Nutzung und ein insgesamt stimmiges Konzept. Wir haben mit Betreibergesellschaften und internationalen Netzwerken gesprochen und bieten eine gemeinsame Betreibergesellschaft an, um mehr Veranstaltungen zu akquirieren und neue Formate zu schaffen. Dafür brauchen wir natürlich auch Informationen vom Senat. Die haben wir nicht bekommen.

Apropos Zahlen: Die Politik kritisiert, dass Sie nicht sagen, wie sie das Stadion bezahlen wollen.

Ich kann Ihnen heute nicht sagen, wer das Stadion finanziert, aber wir haben einen sehr detaillierten Business-Plan erstellt, den wir durch zwei externe Institute haben prüfen lassen. Auch im Stresstest, insbesondere was einen möglichen Abstieg betrifft. Die Resultate waren äußerst positiv. Neben dem Business-Plan ist eine seriöse Finanzierungsstruktur entstanden. Diese sieht Eigenkapital in geringeren Tranchen vor. Dazu kommt eine Anleihe, die wir als Hertha KG emittieren wollen – auf diesem Weg haben wir im letzten September gerade 40 Millionen Euro akquirieren können. Der dritte Baustein werden Bankdarlehen sein, entweder von einer Bank oder von einem Konsortium. Die tilgen sich jährlich, wie bei einem Hypothekendarlehen. Im Moment sind wir in einer Ausschreibung für diese Finanzierung. Wir haben drei konkrete Finanzierungsalternativen, die wir prüfen.

Aber sie werden das offenlegen, wenn es so weit ist?

Total offen. Das sind Adressen, mit denen wir uns national und international sehen lassen können. Die Struktur könnte den Abgeordneten übrigens bereits bekannt sein. Die Unterlagen liegen zur Einsicht im Datenraum des Abgeordnetenhauses.

Also keine Scheichs und Waffenhändler?

Das sind Berufsgruppen, die wir nicht am Tisch haben. Wir reden über deutsche und internationale Banken. Und die Anleihe wird öffentlich sein, jeder kann sehen, was da drin steht.

Zurück zur Kommunikation: Könnte es sein, dass viele Berliner Politiker mit ihrem Stadion-Manager Klaus Teichert fremdeln? Er gilt als früherer Chef der landeseigenen Immobiliengesellschaft BIM und Staatssekretär des Finanzsenators Thilo Sarrazin gerade nicht als nicht vorbelastet.

Ich möchte mir nicht vorstellen, dass ein rein privatwirtschaftlich getragenes 250-Millionen-Euro-Projekt von der Sympathie oder Antipathie gegenüber einer Person abhängt.

Neben der politischen Zustimmung brauchen Sie auch das Votum Ihrer Mitglieder bei der Versammlung am 19. Mai. Werden Sie dort die gleichen Kennzahlen zeigen wie im Datenraum des Abgeordnetenhauses?

Das Stadion-Thema wird sicherlich ein großes Thema sein. Und natürlich werden wir auch über diese Zahlen informieren.

Herr Schiller, Sie müssen nach wie vor eine Lösung für die 24 Mietparteien finden, die für Herthas Wunsch-Arena weichen müssten. Warum ist das so schwierig?

Wir haben zwei Standorte in direkter Nachbarschaft angeboten. Die Baumannschen Wiesen am U-Bahnhof Ruhleben hätte man sich aus gesamtstädtischer Perspektive näher anschauen sollen. Das ist kein Biotop, kein Wald, sondern eine Grünanlage. Die andere Option war zwischen Scott- und Dickensweg an der Heerstraße. Beides hält der Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf für nicht genehmigungsfähig. Die Lösung sollte sein, dass der Senat das Stadion-Projekt zunächst einmal an sich zieht. Denn es hat sicherlich gesamtstädtische Bedeutung. Das sieht der Bezirk übrigens auch so.

Fällt Ihnen für die betroffenen Mieter noch etwas Neues ein?

Ich bin sehr zuversichtlich, mit einer neuen Zuständigkeit auch schnell gemeinsame Lösungen zu finden.

Die neue Arena soll 2025 fertig sein. Wie schnell können Sie bauen?

Als reine Bauzeit sind dreieinhalb Jahre veranschlagt. Deshalb brauchen wir in diesem Jahr eine politische Entscheidung, damit wir den Wettbewerb für das Stadion hinkriegen und die Vergabe organisieren können.