Immer Hertha

11mm-Festival – Frischzellenkur für die Fußball-Leidenschaft

Klub-WM-Pläne, Kommerz und Korruption: Wer vom Gebaren des Fußballs genervt ist, sollte das 11mm-Festival besuchen, meint Jörn Lange.

Das 11mm-Fußballfilmfestival im Babylon-Kino in Mitte ist mittlerweile eine kleine Institution, meint Jörn Lange.

Das 11mm-Fußballfilmfestival im Babylon-Kino in Mitte ist mittlerweile eine kleine Institution, meint Jörn Lange.

Foto: bm / BM

Berlin. Sind Sie es auch manchmal leid? Fifa-Präsident Gianni Infantino hat mal wieder eine neue Cashcow durchs Dorf getrieben. Der mächtigste Mann des Welt-Fußballs träumt von einer Klub-WM und melkt in Gedanken schon fleißig neue Milliardeneinnahmen ab, ganz ungeachtet der Tatsache, dass ein derartiger Wettbewerb bislang von niemandem vermisst wurde.

Damit passt die Idee allerdings wunderbar ins Bild. Von korrupten Funktionären über dubiose Deals mit fragwürdigen Machthabern bis hin zu Superstars mit Steuerzahl-Allergie – wenn es darum geht, unmoralische Eigentore zu fabrizieren, hat der Fußball in jüngerer Vergangenheit kaum eine Chance liegen gelassen. Manchmal fragt man sich, wie viele „gute Ideen“ oder Enthüllungen es noch braucht, damit die eigene Liebe zum Fußball erkaltet.

250 Bewerbungen aus aller Welt

Ich gebe zu: Hin und wieder braucht meine Fußball-Begeisterung eine kleine Frischzellenkur, und diese Woche wird sie sie bekommen. Verantwortlich dafür ist eine kleine Berliner Institution, das 11mm-Fußballfilmfestival, das in diesem Jahr in seine 16. Auflage geht und dafür sorgt, dass durch das Babylon-Kino in Mitte von Donnerstag bis Montag ein Hauch von Stadionatmosphäre weht. Mittlerweile lockt das Festival, das 2004 als weltweit erstes seiner Art an den Start ging, rund 5000 Besucher.

Anders als den Strippenziehern des Weltfußballs geht es den Machern um Inhalte statt um großen Reibach. Die Initiatoren veranstalten das Event nach wie vor nebenberuflich, reich wird niemand damit, dabei ist aus dem anfangs seltenen Doppelpass zwischen Fußball und Film inzwischen ein florierendes Genre geworden. Früher mussten die Organisatoren die Filme in der Tiefe des Raumes suchen, in diesem Jahr wurden ihnen rund 250 Bewerbungen aus aller Welt zugespielt.

Große Namen und kuriose Geschichten

An großen Namen mangelt es beim Blick auf das Programm nicht. „Rudi Assauer – Macher, Mensch, Legende“ ist eine Hommage an den kürzlich verstorbenen Ex-Manager von Schalke 04. „Make us Dream“ dreht sich um Liverpool-Ikone Steven Gerrard, „Take the Ball, pass the Ball“ um Man-City-Trainer Pep Guardiola.

Mindestens genauso faszinierend sind jedoch die kleinen und kuriosen Erzählungen, sei es über Dresdner Ultras, die die Semperoper in ein Fußball-Tollhaus verwandelt haben, oder den „Pele aus Neubrandenburg“, Souleymane Chérif, der 1972 Afrikas Fußballer des Jahres wurde, seine Karriere aber in der DDR begann.

Es muss nicht immer Hochglanz-Fußball sein

Was mich am 11mm-Festival zusätzlich begeistert, sind die vielen Facetten und Zwischentöne des Fußballs, die in den Dokumentationen und Spielfilmen eingefangen werden. Das kann politische Brisanz sein, etwa dann, wenn es um Frauenfußball im Iran geht. Oder ein herzerwärmender Zusammenhalt, der im Mikrokosmos eines argentinischen Amateurvereins herrscht.

Oft geht es um das verbindende Element, um sozialen Kitt statt nacktes Leistungsdenken und Ergebnisdruck. Das alles ist Teil des Fußballs, dessen Magie sich nun mal nicht nur in Hochglanz-Arenen entfaltet, sondern auch auf Hinterhöfen spürbar wird. Ein Zauber, der inmitten der Dauerbeschallung durch die Profis manchmal untergeht.

Warten auf den großen Hertha-Film

Was für viele der Filme im Einzelnen gilt, gilt auch für das Festival als Ganzes. Es braucht nicht immer ein Wahnsinnsbudget, um zu begeistern, mitunter liegt der Schlüssel auch in pfiffigen Ideen, einem eigenen Weg und Beharrlichkeit. Vor 15 Jahren war das 11mm ein Experiment von und für Enthusiasten. Heute wird es als „Cannes des Fußballfilms“ gefeiert.

Von ihrem Wagemut haben die Macher bis heute nichts verloren. In diesem Jahr setzen sie unter anderem auf den Themenschwerpunkt „Frauen im Fußball“, schließlich findet im Sommer in Frankreich eine Weltmeisterschaft statt. Sicher nicht das publikumswirksamste Thema, dessen sind sich die Organisatoren bewusst. Aber erstens sind ihnen gesellschaftspolitische Komponenten wichtig, und zweitens klafft im Fußballfilm-Genre bis heute eine Lücke. „Auf den großen Hertha-Film“, sagt Christoph Gabler aus der Festivalleitung, „warten wir noch immer.“