BUNDESLIGA

Lustenberger: „Ohne Favre wäre ich nicht hier“

Fabian Lustenberger trifft im Topspiel gegen Dortmund auf seinen Förderer Lucien Favre und vergleicht ihn mit Hertha-Trainer Pal Dardai

Fabian Lustenberger hat mit 301 Pflichtspielen für Hertha BSC mit Klub-Legende Erich Beer gleichgezogen

Fabian Lustenberger hat mit 301 Pflichtspielen für Hertha BSC mit Klub-Legende Erich Beer gleichgezogen

Foto: Andreas Gora,dpa / dpa

Berlin Als Fabian Lustenberger zum Interview Platz nimmt, sieht er Vergangenheit und Zukunft vor sich: ein wandfüllendes Bild, das das vollbesetzte Olympiastadion bei einem Spiel gegen Borussia Dortmund zeigt, so wie es auch heute wieder sein wird (18.30 Uhr, Sky). „Das werde ich vermissen“, sagt der 30 Jahre alte Schweizer, der im Sommer nach zwölf Jahren bei Hertha zu Young Boys Bern wechselt. Ein Gespräch über die Magie der Bundesliga, das Wiedersehen mit Förderer Lucien Favre, seine bemerkenswerte Beziehung zu Hertha und das, was bleibt.

Berliner Morgenpost: Herr Lustenberger, voriges Wochenende sind Sie mit Hertha-Legende Erich Beer gleichgezogen. 301 Pflichtspiele in Blau-Weiß – was bedeutet Ihnen diese Zahl?

Fabian Lustenberger: Es ist nicht so, dass ich die ganze Zeit mitgezählt habe. Ich wusste beispielsweise, dass ich vor der Saison bei 191 Bundesliga-Spielen stand, und die 200 wollte ich dieses Jahr unbedingt vollmachen. Eine schöne Zahl, die zeigt, dass es mit Hertha und mir in den letzten zwölf Jahren gut gepasst hat.

Mit weniger Verletzungspech hätten Sie sogar Pal Dardai als Rekordspieler ablösen können …

Das stimmt, aber man tut gut daran, wenn man nicht immer in die Vergangenheit guckt. Wer hätte vor dieser Saison gedacht, dass ich 20 Spiele mache? Ich selbst jedenfalls nicht, zumindest nicht so oft über 90 Minuten. Über die ganze Karriere gleicht sich das aus. Diese Zahlen kann mir keiner mehr nehmen.

Sonnabend werden Sie zum letzten Mal ein ausverkauftes Olympiastadion erleben.

Wahrscheinlich. Gefühlt geht’s für mich aber eher um‚ das letzte Spiel gegen …‘. Dass es gegen Dortmund jetzt noch mal voll wird, ist schön, aber das liegt ja nicht an mir.

Vergangene Woche in Freiburg sind Sie als letzter ins Stadion eingelaufen, schienen die Atmosphäre aufsaugen zu wollen.

Das mache ich nicht bewusst. In Freiburg waren viele Freunde aus der Schweiz da, vielleicht habe ich mich deshalb etwas mehr umgeschaut. Wehmut verspüre ich noch nicht so stark, ich denke, die kommt spätestens nach dem letzten Spiel. Bis dahin versuche ich jede Partie zu genießen.

Der Mann, der Sie in die Bundesliga geholt hat, ist Sonnabend Trainer Ihres Gegners. Haben Sie noch Kontakt zu Lucien Favre?

Ganz selten. Zum Geburtstag schreibe ich ihm, auch zum Erfolg in Nizza oder dem neuen Job in Dortmund habe ich ihm gratuliert. Er hat sich bedankt.

In Berlin hat Favre Ihnen das Wort Polyvalenz angeheftet. War er der wichtigste Trainer Ihrer Karriere?

Ich glaube schon, ohne ihn wäre ich wohl nie bei Hertha gelandet. Und: Er hat mich gleich spielen lassen. Im ersten Jahr habe ich als 19-Jähriger gleich 24 Partien gemacht.

Wenn Sie eine Anekdote zu Favre erzählen sollten, welche wäre das?

Wir haben im Training öfters mit nur zwei Ballkontakten gespielt. Damals hat er noch mitgemacht, und die Regel war: Er gewinnt. Es gab keine schlechten Bälle von ihm, sondern wir haben sie schlecht angenommen. Andersrum waren immer unsere Pässe schuld (lacht).

Legendär ist seine Detailbesessenheit.

In der Kabine erklärt er dir manchmal aus dem Nichts eine Spiel-Situation und wie du damit umgehen sollst – wahrscheinlich, weil er irgendeinen Geistesblitz hat, wenn er dich sieht. Dann zeichnet er die Szene mit dem Finger an die Wand, zwischen Tür und Angel.

Menschlich gilt Favre nicht gerade als unkompliziert. Gab es bei Hertha Spieler, die mit seiner Art gefremdelt haben?

Ich war damals noch zu jung, um eventuell solche Strömungen zu erkennen. Ich bin aus einem kleinen Dorf in der Schweiz in die Millionenstadt Berlin gekommen und war einfach froh, da zu sein. Es gibt wohl nur wenige Trainer, die das komplette Paket kombinieren.

Wie viel Favre erkennen Sie in der Arbeit seines Ex-Spielers Pal Dardai wieder?

Puh, schwierig zu sagen. Fußballtechnisch ist Lucien vor allem wegen seiner Erfahrung noch vorn, das hat aber auch einfach damit zu tun, dass Pal erst ein paar Jahre Trainer bei den Profis ist. Pal hat dafür ein gutes Krisenmanagement, vielleicht, weil er hier Spieler war und genau weiß, was in Berlin passiert, wenn es mal schlecht läuft. Er bewahrt die Ruhe und gibt der Mannschaft Sicherheit.

Favre hat Hertha 2009 in die Europa League geführt, Dardai acht Jahre später ebenfalls. Welcher Hertha-Jahrgang war der stärkere?

Von den Einzelspielen waren wir damals unglaublich gut – Raffael, Pantelic, Voronin, Cicero, Simunic, Friedrich. Vom Potenzial her ist unsere aktuelle Mannschaft aber die beste, die wir in meiner Zeit hier hatten. Früher war die Erfahrung etwas wichtiger, jetzt sind wir auch jung und schnell.

Es heißt, im Profi-Fußball sei kein Platz für Freundschaften. Selbst dann nicht, wenn man zwölf Jahre bei einem Klub bleibt?

Doch, es haben sich schon Freundschaften etabliert. Mit Valentin Stocker oder Steve van Bergen habe ich noch Kontakt, auch mit Sandro Wagner oder Jens Hegeler. Ich bin sicher, dass auch zu Spielern aus der jetzige Mannschaft ein Draht bleiben wird, zum Beispiel zu Per Skjelbred.

Zu den Fans hat sich keine allzu innige Beziehung ergeben. Ein Liebling der Massen sind Sie nicht geworden.

Zum Teil liegt das sicher an meiner Position. Ich hatte selten die Gelegenheit, aufs Wappen zu klopfen, ich hab‘ ja kaum Tore geschossen. (lacht) Trotzdem: Viele Leute schreiben mir jetzt, bedanken sich, dass ich trotz der zwei Abstiege geblieben bin und wünschen mir alles Gute. Was bei mir ankommt, ist zu 99,9 Prozent sehr positiv. Ich habe den Leuten auf meine Art gezeigt, dass ich Herthaner bin und hierher gehöre.

Sie hätten stärker auf die Identifikations-Pauke hauen können, haben Ihr Verhältnis zum Klub aber immer sehr professionell definiert. Ein Stück Selbstschutz, weil Sie erlebt haben, wie schnelllebig das Geschäft ist?

Vielleicht, ja. Aber ich ticke auch einfach so. Die Abwägung war immer: Beim Altbewährten bleiben, wo man sich wohl fühlt? Oder irgendwo komplett neu anfangen? Wenn meine Familie hier geblieben wäre, hätte ich gern noch mal verlängert. Hertha wird immer ein Teil meines Lebens sein, dafür wird allein schon unser mittlerer Sohn sorgen. Wenn Samu Fußball spielt, ist er Hertha, und Hertha gewinnt immer. Das gerahmte Trikot mit der Nummer 200 (ein Klub-Präsent zum 200. Bundesligaspiel, d. Red.) kommt natürlich auch mit in die Schweiz. Ob ich’s aufhängen darf, muss ich noch mit meiner Frau abklären (lacht).

Wenn Sie auf die zwölf Jahre zurückblicken: Worauf sind Sie stolz?

Darauf, dass ich trotz aller Widerstände immer zurückgekommen bin. Es ist nicht selbstverständlich, dass man trotz vieler Nackenschläge am Ende der Saison trotzdem wieder fast am meisten gespielt hat. Ich habe mich nicht unterkriegen lassen und bin meinen Weg gegangen.

Was war Ihr bitterster Moment in Berlin?

Der zweite Abstieg mit der Relegation, zumal ich nur auf der Tribüne saß. Nach dem Hinspiel in Berlin bin ich ein Stunde sitzen geblieben, da ist alles zusammengebrochen, ich dachte ‚scheiße, das war’s‘. Nach dem Rückspiel hat man die ganzen Geschichten über die Vorgänge in den Katakomben gehört, ich war ja nicht dabei. Den Prozess zum möglichen Wiederholungsspiel vor dem DFB-Sportgericht habe ich am Liveticker verfolgt. Das war brutal.

Für Sie persönlich war der Abstieg auch ein Startschuss.

Ja, danach kam meine erfolgreichste Zeit. Aufstieg, danach Kapitän, ich habe konstant und viel gespielt.

Was werden Sie am meisten vermissen?

Bern hat einen Schnitt von 23.000 Zuschauern, das ist nicht schlecht, aber in Deutschland sind die Stadien nun mal größer und besser gefüllt. Daneben werde ich natürlich Berlin vermissen, allein die Kantstraße ist ja kulinarisch der Wahnsinn. Obwohl die Stadt so groß ist, ist alles gefühlt um die Ecke. Man kennt nach so vielen Jahren die Leute in den Restaurants, wird begrüßt, ist gern dort. In der Schweiz lebe ich auf dem Dorf, aber dafür habe ich bald wieder meine Familie um mich. Das entschädigt für alles.

Mit welchen Zielen gehen Sie zurück in die Schweiz?

Erst einmal zählt jetzt bis zum Saisonende weiterhin nur Hertha. Wenn es in Bern für die Champions League reicht, nehm‘ ich das natürlich dann gern mit, aber das ist für mich noch weit weg. Gesund bleiben und spielen – alles andere wird sich zeigen.

Vorerst kommen noch neun Spiele mit Hertha. Was macht Sie zuversichtlich, dass die Mannschaft gegen Dortmund wieder ihr Favoritenschreck-Gesicht zeigt?

Wenn wir 110 Prozent abrufen können, so wie gegen Bayern oder Gladbach, können wir auch Dortmund schlagen, wir hatten ja zuletzt eigentlich immer gute Spiele und Ergebnisse gegen sie. Natürlich sind sie Favorit, aber wir haben ein volles Stadion hinter uns. Mein letztes Duell gegen den BVB zu gewinnen, wäre für mich natürlich schön.

Angenommen es reicht nicht für Punkte, ist das Thema Europa League dann vom Tisch?

Es würde dann auf jeden Fall wohl deutlich schwieriger, zumal man nicht das Gefühl hat, dass die Mannschaften vor uns groß ins Straucheln kommen. Wir tun gut daran, einfach Woche für Woche Punkte zu sammeln. Zu was es dann am Ende reicht, werden wir sehen.

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