Dass ihn seine Kritiker schon etliche Male abgeschrieben haben, hat Salomon Kalou (33) noch nie interessiert, auch in dieser Saison nicht. Und tatsächlich: Noch immer ist er wichtig für Hertha BSC, nicht nur wegen seiner Torbeteiligungen gegen die Topteams der Liga, auch wegen seiner Mentor-Rolle beim Berliner Fußball-Bundesligisten. Vor der heutigen Partie beim FC Bayern (15.30 Uhr, Sky) spricht Kalou über seine besondere Beziehung zu München, verrät, wie er Ondrej Duda stark gemacht hat und deutet erstmals seinen Abschied an.

Berliner Morgenpost: Herr Kalou, wenn das beste Team der Premier League im eigenen Stadion am FC Bayern verzweifelt, wie soll Hertha dann in München bestehen?

Salomon Kalou: Liverpool ist nicht das beste Team der Premier League. Das ist Chelsea, mein Ex-Klub (lacht).

Spaß beiseite, hat Sie der starke Auftritt der Bayern überrascht? In der Liga haben sie zuvor oft enttäuscht.

Nein, überhaupt nicht. Große Spieler zeigen ihr wahres Gesicht in großen Spielen. Die Bayern haben den nötigen Wettkampfcharakter und können sich immer steigern, wenn es darauf ankommt.

Sie kennen das Phänomen aus Ihrer Chelsea-Zeit. Wie unterscheidet sich die Vorbereitung auf ein Champions-League-Spiel von der auf ein Duell gegen einen Liga-Underdog?

Das sind zwei verschiedene Herangehensweisen und ganz unterschiedliche Arten von Spielen. Wenn man spielerisch überlegen ist, ist die Konzentration nicht immer so, wie sie sein sollte. In einem Spitzenspiel ist das anders. Gegen Liverpool darfst du dir keinen einzigen Fehler erlauben, deshalb ist man voll fokussiert.

Selbst wenn die Bayern Sonnabend keine Königsklassen-Motivation haben: Hertha bleibt klarer Außenseiter.

Trotzdem ist alles ist möglich. Denken Sie nur an das Champions-League-Finale 2012.

Damals haben Sie mit Chelsea das „Finale dahoam“ gewonnen, in München.

Die Bayern hatten ein Superteam und den Heimvorteil, aber wir hatten eine über Jahre gewachsene Mannschaft mit einer sehr guten Teamchemie. Das hat uns geholfen. Selbst als München die Partie dominiert hat, haben wir immer weiter gekämpft, jeder hat dem anderen geholfen. Das hat sich am Ende ausgezahlt. Wir haben damals Geschichte geschrieben, deshalb wird München immer ein ganz spezieller Ort für mich bleiben.

Weiß, wie man die Bayern ärgert: Salomon Kalou (l.) war in den jüngsten vier Duellen mit den Münchnern (liegend Kingsley Coman) an drei Toren beteiligt.
Weiß, wie man die Bayern ärgert: Salomon Kalou (l.) war in den jüngsten vier Duellen mit den Münchnern (liegend Kingsley Coman) an drei Toren beteiligt.© City-Press GmbH | City-Press

In den jüngsten vier Duellen waren Sie an drei Toren beteiligt. Kitzeln die Bayern das Beste aus Ihnen heraus?

Das liegt nicht allein an den Bayern, ich weiß einfach, wie man gegen Topteams spielen muss. Und ich will gewinnen. Für uns sind die Spiele gegen München immer etwas Besonderes, gerade für die jüngeren Spieler. Die Bayern zählen immer noch zu den besten Mannschaften in Europa. Für uns ist das gefühlt wie Champions League. Hier kann man beweisen, ob man bereit ist für größere Aufgaben.

Herr Kalou, Ihr Vertrag läuft bis 2020, aber es wäre plausibel, wenn Hertha noch eine Ablöse für Sie kassieren möchte. Vielleicht wird es Ihr letztes Match in München …

Möglich ist es, ja.

Können Sie sich vorstellen, Berlin im Sommer zu verlassen? Oder ist Ihre Mission noch nicht vorbei?

(Atmet tief durch) Das ist schwer zu sagen. Einerseits gibt es hier noch viel zu erreichen. Hertha entwickelt sich mit seinen jungen Spielern sehr gut, und Berlin als Stadt bietet das Potenzial, zu einem europäischen Topklub zu werden. Davon ein Teil zu sein, wäre toll. Auf der anderen Seite ist es meine fünfte Saison.

Bei Chelsea war für Sie nach fünf Jahren Schluss.

Wenn es so kommt, darf man das nicht zu emotional sehen. Wir sind Profis, es ist letztlich auch eine Arbeitsbeziehung. Falls wir getrennte Wege gehen, trennen wir uns im Guten. Hertha war und ist eine spezielle Station für mich. Ich habe die Zeit bis hierher sehr genossen, deshalb werde ich im Fall der Fälle nicht traurig sein, sondern dankbar für jeden Moment. Der Abschied mit den Fans wäre sicher sehr emotional.

Gemessen an Ihren je drei Toren und Vorlagen spielen Sie derzeit die schwächste Saison seit den Tagen von Trainer Jos Luhukay. Zeigen Sie etwa endlich Alterserscheinungen?

(Lacht) Ich spiele einfach anders. Ich agiere meist weiter entfernt vom Tor, das macht es schwieriger, selbst zu treffen. Aber die Statistiken haben für mich keinen allzu großen Stellenwert. Mein Ziel ist es, den Unterschied zu machen. Was nützen drei Treffer, wenn du 3:4 verlierst? Ich will die wichtigen Tore machen.

Immer wichtiger scheinen Sie auch als Mentor zu werden. Was haben Sie mit Ondrej Duda gemacht, dass seine Leistungen in dieser Saison derart explodiert sind?

Ich habe vom ersten Tag an ihn geglaubt, aber man muss sein Art verstehen – als Mensch und als Fußballer. Er ist niemand, der verbissen attackiert, sondern einer mit dem gewissen Etwas. Diese Spielertypen brauchen unwahrscheinlich viel Vertrauen. Wenn er das nicht spürt, kann er seine Fähigkeiten nicht entfalten. Ich habe viel mit ihm gesprochen und ihn ermutigt, Dinge immer wieder zu probieren. Was sein Spiel verändert hat, ist, dass er inzwischen Tore schießt. Er hat keine Angst, in den Strafraum zu ziehen und sein Glück zu erzwingen.

Sie haben ihn mit einer Wette gekitzelt: Schieß‘ acht Tore und Du bekommst eine Rolex. Braucht es nur ein wenig Bling Bling, um junge Spieler zu motivieren?

Es geht nicht um die Uhr, sondern um die Wette an sich. Eine Wette unter Männern will man gewinnen. Dass er sie überhaupt angenommen hat, zeigt, dass er selbst an sich glaubt. Diese Einstellung kann ihn auf internationales Top-Level bringen.

Sie haben erzählt, dass Sie ihm Mut zugesprochen haben. Was haben Sie ihm gesagt?

Was er mit seinem Talent erreichen kann. Wissen Sie, manche Spieler trainieren die ganze Woche wie verrückt, und am Wochenende scheitern Sie an dem Druck, den sie sich machen. Natürlich muss man auch im Training hart arbeiten, aber mit der nötigen Lockerheit. Es geht um den Kopf, die Konzentration, die Einstellung. Man muss lernen, wie und wann man sich mental auf Samstagnachmittag vorbereitet, denn nur dann zählt’s. Das war ein Rat, den ich ihm gegeben habe.

Hatten Sie als junger Spieler auch eine Art Mentor?

Sicher. Bei mir waren das Didier Drogba, Nicolas Anelka oder Frank Lampard. Sie haben mir bei Chelsea erklärt, wann man körperlich arbeiten und wann man sich mental vorbereiten muss.

Ein zweites Erfolgsgeheimnis könnte sein, dass Sie für Ondrej Duda eine Partnerin gefunden haben …

Vielleicht. Das hängt doch alles zusammen – hat man ein glückliches Gemüt, hat man ein glückliches Leben. Sie ist Brasilianerin, ich kenne sie über gemeinsame Freunde. Wir waren alle zusammen Essen und sie haben sich schnell gut verstanden. Ich bin ein guter Kuppler. Ich finde für jeden eine Frau. Außer für mich.

Dabei posieren Sie in einem neuen Werbespot wie ein Familienvater – mit Frau und Kind.

Ja, ich spiele mein Leben im TV (lacht). Wann daraus Realität wird? Auch das ist eine Kopfsache, ähnlich wie im Fußball. Ich bereite mich mental darauf vor und weiß genau, wie es eines Tages werden soll. Ich glaube, es dauert nicht mehr lang.

Nochmal zurück zur Mentor-Rolle: Ein Extremfall ist Claudio Pizarro, der bei Werder Bremen mit seinen 40 Jahren kaum noch spielt, aber immer noch wichtig ist. Ein Vorbild für Sie?

Manche Spieler wollen in jedem Spiel auf dem Platz stehen. Wenn das nicht mehr der Fall ist, verlieren sie ihre Leidenschaft, ihren Antrieb. Andere sind auch als Unterstützter noch glücklich.

Zu welchem Typ zählen Sie?

Ich glaube, das werde ich noch merken. Irgendwann kommt eine schwierige Saison, in der man sich mehr quälen muss. Vielleicht ist es dann Zeit, abzutreten. Aber an diesem Punkt bin ich noch nicht. Ich bin noch nicht 40 (grinst).