Hertha

„Wir müssen den nächsten Schritt machen“

Hertha-Torwart Rune Jarstein spricht vor dem wichtigen Heimspiel gegen Werder Bremen über Mentalität und Kommunikation.

Rune Jarstein sagt, er sei ruhiger geworden und hadere nicht mehr lange mit Fehlern.

Rune Jarstein sagt, er sei ruhiger geworden und hadere nicht mehr lange mit Fehlern.

Foto: TimGroothuis / WITTERS

Berlin.  Fußball-Bundesligist Hertha BSC will gegen die in der Rückrunde bisher unbesiegten Bremer am Sonnabend (18.30 Uhr, Olympiastadion) gleich zwei Negativserien brechen. Erstens haben die Berliner seit nun schon zehn Spielen nicht mehr gegen den SV Werder gewonnen, der letzte Sieg gegen Grün-Weiß gelang im Dezember 2013. Zweitens ist Hertha in diesem Jahr noch kein Heim-Dreier gelungen. Den braucht es nun aber im Kampf um die Europacup-Plätze. „Es wird ein Mentalitätsspiel. Beide wollen in der Tabelle mit vorn dran kleben“, weiß Trainer Pal Dardai. Und setzt dabei auch auf die Stärken seines norwegischen Torhüters Rune Jarstein (34).

Sind Sie abergläubisch, Herr Jarstein?

Rune Jarstein: Sie meinen abergläubisch in dem Sinne, dass ich vor Spielen immer den gleichen Pullover trage oder mir den linken Schuh zuerst binde? Nein, so was mache ich nicht.

Aber gerade über Torhüter heißt es, die hätten alle einen Tick. Irgendetwas müssen Sie doch auch haben?

Tut mir leid, wenn ich Sie da enttäuschen muss. Gut, ich spiele nicht gern länger mit den gleichen Handschuhen. Ich mag es, wenn sie frisch und neu sind, ein schönes Gefühl. Zählt das als abergläubisch?

Nicht wirklich. Am Sonnabend geht es gegen Werder. Gegen die Bremer haben Sie in der Saison 2015/16 mal böse gepatzt. Können Sie sich noch daran erinnern?

Lassen Sie mich überlegen. Sie meinen den Fehlpass?

Genau.

Das ist schon so lange her. Ich muss mich wirklich anstrengen, um die Bilder zusammenzukriegen. Für mich spielt das keine Rolle mehr, jedes Spiel ist neu.

Denken Sie wirklich so, oder sagen Sie das nur, weil man als Profisportler immer nach vorn schauen muss, wie es heißt?

Ab einem gewissen Alter hast du in deinem Sport alles erlebt, dann kann dich nichts mehr so leicht aus der Bahn werfen. Bei mir ist das jetzt so. Früher hätte ich vielleicht wirklich länger gehadert, aber sich in etwas reinzusteigern, bringt absolut nichts. Schon gar nicht als Torwart, wo du viele Dinge mit dir selbst ausmachst. Man ist ja irgendwie Einzelsportler im Team, da ist es wichtig, mental stark zu sein.

Sind Sie mental stark?

Ja, das denke ich. Das kann man trainieren. In Norwegen habe ich mal mit einem Mentalcoach gearbeitet. Das war damals gut für mich. Es kann interessant sein, sich mit neuen Denkweisen zu beschäftigen. Nicht alles, was so ein Mentaltrainer vorschlägt, funktioniert für dich, aber wenn man sich drauf einlässt, kann dir vieles helfen.

Wie schafft man es als Torhüter, immer zu hundert Prozent fokussiert zu bleiben? Welche Mechanismen haben Sie entwickelt?

Es gibt Spiele, da wirst du 80 oder 85 Minuten lang nicht gefordert, und dann auf einmal musst du da sein. Das sind die schlimmsten Spiele für einen Torwart, weil es wirklich schwerer ist ohne Rhythmus. Anderen Sportlern würde es ähnlich gehen, wenn sie sich warm machen, und dann passiert erst einmal lange nichts. Ich habe für mich festgestellt, dass es Sinn macht, sich während des Spiels auch mal zu entspannen.

Wie funktioniert das?

Ich meine auf mentaler Ebene. Sagen wir, wir sind tief in der gegnerischen Hälfte, dann würde es nichts bringen, wenn ich von hinten noch irgendwas brülle, die Jungs verstehen mich da sowieso nicht. Stattdessen schaue ich ihnen zu und genieße den Angriff. Wenn du die ganze Zeit nur unter Starkstrom stehst, ist das nicht gut.

Herthas aktueller Mannschaft wird oft nachgesagt, ihr fehle der richtige Fokus. Immer wenn man weiter in der Tabelle nach oben vorrücken könnte, gibt es unnötige Punktverluste.

Ich glaube nicht, dass es daran liegt, dass wir nicht genug fokussiert sind. Vielleicht dann eher etwas verkrampft. Solche Spiele zu gewinnen, ist ja auch ein Entwicklungsschritt. Den müssen wir gehen, und ich bin mir sicher, den werden wir auch gehen. Das kommt mit der Zeit und der Erfahrung.

Ist diese neue Lockerheit auch ein Resultat Ihres Alters?

Kann schon sein. Man probiert ja einiges aus mit der Zeit. Ich habe mich geändert. Früher war ich mal anders.

Wie waren Sie denn?

Impulsiver. Als junger Kerl habe ich die ganze Zeit rumgeschrien: Eh du, mach dies! Eh du, mach das! Ich war richtig giftig, habe mich mit allen angelegt, auch mit dem Schiedsrichter. Einmal bin ich sogar vom Platz geflogen.

Weil Sie glaubten, Torhüter müssten automatisch Lautsprecher sein?

Mein Vorbild war Peter Schmeichel, der Däne. Der hat auch viel geschrien. Der war eine imposante Erscheinung, vor dem hatte jeder Respekt. Ich habe aber irgendwann festgestellt, dass mir das gar nicht so gut tut. In der Ruhe liegt bei mir tatsächlich viel Kraft.

Es heißt, inzwischen trainieren Sie auch anders?

Ja, Zsolt (Herthas Torwarttrainer Petry - d.Red.) achtet sehr auf den Umfang. Wir trainieren jetzt vielleicht intensiver, aber nicht mehr so viel vom Umfang her. Ich hatte da immer eine andere Meinung, ich wollte viel machen und dachte, ich brauche das, um mich gut zu fühlen. Zsolt hat mich dann davon überzeugt, dass das in meinem Alter auch kontraproduktiv sein kann. Jetzt geben wir von Montag bis Mittwoch richtig Vollgas, und zum Spiel hin werden die Einheiten etwas dosierter, damit ich topfit bin, wenn es drauf ankommt.

Das gelingt Ihnen bisher sehr gut. Für viele Fachleute zählen Sie zu den besten Torhütern der Bundesliga. Sehen Sie sich auch so?

Ach, das kann ich wirklich nicht beurteilen. Ich will dazu beitragen, dass wir gewinnen. Dann bin ich zufrieden.

Wenn Sie eine Top 3 der Bundesliga aufstellen müssten, welche drei Torhüter wären das?

Eine Top 3 gibt es für mich nicht. Eher eine Top 7 oder Top 8. In der Bundesliga gibt es so viele Torhüter auf hohem Niveau, die Unterschiede sind nur marginal.

Wo verorten Sie Jiri Pavlenka, Ihr Gegenüber von Werder Bremen?

Er ist noch jung und gerade dabei, sich einen Namen zu machen. Ein guter Torwart mit viel Potenzial.

Pavlenka ist Tscheche, Sie Norweger. Ist es für Torhüter besonders schwer, sich in der Bundesliga durchzusetzen, wo Deutschland doch als Torwartnation gilt?

Wichtig ist, dass du so schnell wie möglich die Sprache lernst. Als Torwart musst du Kommandos geben, reden, viel reden. Da musst du sicherstellen, dass dich jeder versteht. Gerade in Stresssituationen. In den Stadien ist es sehr laut, mal verstehen dich die Mitspieler, mal nicht. Kommunikation ist für Torhüter enorm wichtig.

Was macht aus Ihrer Sicht einen guten Torwart aus?

Er muss seine Mitspieler gut führen können, sie dirigieren. Strafraumbeherrschung ist auch ganz wichtig. Das haben wir in Norwegen viel geübt. Und mitspielen ist wichtig. Mit zwei linken Füßen geht es heute nicht mehr.

Gibt es für Sie ein typisches Merkmal der deutschen Torwartschule?

Den kraftvollen Absprung. Dieses sich bis nach oben in den Winkel drücken, um den Ball doch noch aus dem Dreiangel zu holen. So wie Oliver Kahn das früher immer gemacht hat.

Noch mal zurück zum Thema Aberglauben. Gegen Werder Bremen hat Hertha noch nie gewonnen, seit Pal Dardai Trainer ist.

Dann wird es jetzt Zeit. In Gladbach hatte Hertha seit 2008 nicht mehr gewonnen, und dann sind wir da einfach rausgegangen und mit einem 3:0 nach Hause gekommen. Ich glaube, wir sind gerade ganz gut darin, irgendwelche Serien zu brechen.