Die Konstellation ist spannend: Mit jedem Saisontreffer, den Team-Oldie Vedad Ibisevic erzielt, wird es ein kleines bisschen wahrscheinlicher, dass Hertha BSC seinem Torjäger auch für die kommende Saison einen Vertrag anbietet. Zudem hat Ibisevic, der im Sommer 35 Jahre alt wird, mit seinem Faible für wichtige Tore, bisher sind es acht, erheblichen Anteil daran, dass die Berliner als Tabellen-Siebter mit 28 Punkten im direkten Kontakt zu den Europacup-Plätzen stehen. Interessiert wird auch Davie Selke die Entwicklung verfolgen. Der Stürmer, gerade 24 Jahre alt geworden, war im Sommer 2017 als Ibisevic-Nachfolger aus Leipzig verpflichtet worden. Die vergangene Saison hatte gezeigt, wie der Plan war: Mal saß der eine Angreifer draußen, mal der andere. Am Ende hatte Selke zehn Tore auf dem Konto, Ibisevic sechs.

Aktuell haben sich die Gewichte verschoben. Nach einer Lungenverletzung, die sich Selke in der Vorbereitung zugezogen hatte, überzeugte Ibisevic sofort mit wichtigen Toren: Im DFB-Pokal mit dem Siegtreffer in Braunschweig (2:1) und dem Führungstor in Darmstadt (Endstand 2:0). Der Hertha-Kapitän ist auffallend präsent.

Trainer Pal Dardai, eigentlich ein Freund einer Angriffsformation mit einem Stürmer und dahinter offensiven Mittelfeldspielern, versucht seit Monaten, beide Schlüsselspieler unterzubringen. Resultat: Selke muss sich ein wenig umstellen. Das macht er gut. Mit sieben Vorlagen hat er schon jetzt mehr Tore vorbereitet als jemals zuvor in einer Saison. Zuletzt zu betrachten am vergangenen Freitag, als Selke die Flanke zum 2:2 von Ibisevic gegen Schalke schlug. Dahinter steht ein Reifeprozess: „Davie hatte oft schon den übernächsten Schritt im Kopf, jetzt konzentriert er sich viel besser auf den nächsten Pass“, lobt Trainer Dardai. In der Tat ist der stets bis in die Haarspitzen motivierte Selke etwas ruhiger geworden bei seinen Aktionen. Die Kollegen, allen voran Ibisevic, profitieren von Selkes guten Zuspielen.

Die Kehrseite der Medaille: Selke hat in dieser Saison gerade ein Tor geschossen (im vergangenen November beim 1:4 in Düsseldorf). Niemand macht ihm Vorwürfe. Aber natürlich nagt es an dem Angreifer, wenn er eine gute Aktion, wie beim 3:1 in Nürnberg, mit einem Schuss an den Pfosten beendet. „Die Phase ist normal, das macht jeder Stürmer mal durch“, sagt Selke dazu. „Ich bin mir sicher, dass ich bald wieder Tore mache, wo ich nicht mal weiß, wie der Ball reingegangen ist.“

Auch Kalou und Köpke warten auf ihre Chance

Aber es ist durchaus zu sehen, zuletzt gegen Schalke, dass Selke mit aller Macht versucht, zu treffen. „Ich glaube, Davie ist ein bisschen verkrampft“, fand Dardai. Der Trainer erteilte seinem Angreifer einen Freifahrtschein. Selke könne auch mal „Blödsinn versuchen, einen Lupfer oder so“. Dardai versprach, nicht sauer zu sein, wenn die Chance vertan werde. Im Gegenteil: Der Trainer ist froh, dass Hertha endlich wieder mehrere Stürmer habe, die in Eins-gegen-eins-Situationen gegen den letzten Mann des Gegners gehen.

Bei Selke, da sind sich alle einig, ist es nur eine Frage der Zeit, bis er wieder über eigene Tore jubeln wird. Die Stürmer-Konstellation bei Hertha bleibt jedoch auch deshalb spannend, weil mit Salomon Kalou der erfolgreichste Angreifer der Vorsaison aktuell keinen Platz in der Startelf hat.

Trainer Dardai sagt: „Mit den Torvorbereitungen zwischen Davie und Vedad, das läuft gerade. Das ist dann schwierig mit Salomon. Weil, er will auch zeigen, dass er gut ist. Er ist ein großer Star.“ Nach seiner Einwechslung gegen Schalke war jedoch zu spüren, dass Kalou „etwas Besonderes machen wollte. Es ist schön, dass alle willig und bissig sind“, urteilte Dardai.

Auch wenn der Vertrag von Kalou noch bis 2020 läuft – es darf bezweifelt werden, dass Hertha mit dem „Senioren“-Sturm Ibisevic/Kalou in die Spielzeit 2019/20 gehen wird. Zumal Trainer Dardai bei seiner Aufzählung wert darauf legt, einen, der bisher lediglich zu vier Kurzeinsätzen gekommen ist, zu ­erwähnen: „Auch Pascal Köpke macht einen guten Eindruck.“