Verschenkte Punkte

Herthas doppelte Einladung an Mario Gomez

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Sebastian Stier
Nach 682 torlosen Minuten gelingt Stuttgarts Mario Gomez (M.) wieder ein Treffer. Herthas Fabian Lustenberger (l.) kommt gegen den Stürmer zu spät.

Nach 682 torlosen Minuten gelingt Stuttgarts Mario Gomez (M.) wieder ein Treffer. Herthas Fabian Lustenberger (l.) kommt gegen den Stürmer zu spät.

Foto: Ottmar Winter

Hertha bringt sich beim 1:2 in Stuttgart nach eigener Führung selbst um den Sieg und verpasst den Sprung in die Spitzengruppe.

Stuttgart.  Um 17.32 Uhr verließ Rune Jarstein im Stechschritt und ungeduscht die Stuttgarter Arena und setzte sich in den Bus. Das Spiel zwischen dem VfB Stuttgart und Hertha BSC war da seit exakt neun Minuten vorbei, aber Herthas Torwart wollte niemanden mehr hören und niemanden mehr sehen. Nicht nach diesem 1:2 (1:0), das aus Berliner Sicht so unfassbar war. So unfassbar unnötig.

Das fand auch Fabian Lustenberger, Herthas dienstältester Profi. „Diese Niederlage gehört sicher zu den unnötigsten, seit ich da bin“, sagte der Schweizer. Lustenberger, das nur am Rande, spielt seit 2007 für Hertha.

Mittelstädt gelingt sein erstes Bundesliga-Tor

Eine Stunde lang hatten die Gäste das Spiel dominiert und nach dem ersten Bundesliga-Tor von Maximilian Mittelstädt (38.) völlig verdient 1:0 geführt. Dem Premierentor war die bis dahin schönste Kombination des Spiels vorausgegangen. Davie Selke und Vedad Ibisevic spielten Doppelpass im Strafraum, am Ende musste Mittelstädt nur noch einschieben. Von Stuttgart kam bis dahin nichts. Keinen Torschuss brachten die Gastgeber zustande.

Hertha dominierte vor allem dort, wo es die meisten Umstellungen gegeben hatte. Im Zentrum. Für den verletzten Marko Grujic (Sprunggelenk) und Arne Maier (Infekt) waren Vladimir Darida und Per Skjelbred ins Spiel gekommen. Beides erfahrene Kräfte, die in dieser Saison aber kaum Berücksichtigung fanden. Für Darida war es gar der erste Startelfeinsatz 2018/19.

Darida und Skjelbred machten ihre Sache zunächst sehr gut, verengten geschickt die Spielfeldmitte und schalteten sich vor allem in Person von Darida auch immer wieder ins Offensivspiel ein. Hertha hatte die Kontrolle und nichts deutete darauf hin, dass man gegen die ungefährlichen Gastgeber, die daheim bis dahin nur drei Tore geschossen hatten, noch als Verlierer vom Platz gehen könnte.

Darida und Skjelbred nach der Pause überfordert

Was dann ab der 60. Minute passierte, verdarb nicht nur Torwart Rune Jarstein den Abend. Einen langen Diagonalball des eingewechselten Anastasios Donis legte Nicolas Gonzalez per Kopf in die Mitte, wo Mario Gomez schon wartete. Sieben Partien hatte der Stürmer zuvor nicht getroffen, aber das spielte in diesem Moment keine Rolle mehr. Gomez erzielte den Ausgleich (64.) und setzte bei seinem Team kaum für möglich gehaltene Energien frei. Plötzlich rollte Angriff um Angriff auf Jarsteins Tor.

„Wir haben im Mittelfeld und vorne im Angriff den Zugriff verloren und hinten auch nicht mehr gut verteidigt“, sagte Lustenberger. Das zuvor so sichere Zentrum um Darida und Skjelbred konnte nun kaum noch die Stuttgarter Angriffswellen brechen. „Wir hatten in der Mitte keine Spieler mehr, die die Kontrolle besaßen“, sagte Trainer Pal Dardai. Als Konsequenz nahm er Ibisevic vom Feld und brachte Ondrej Duda: „Wir haben gewechselt, weil wir mehr Passsicherheit haben wollten.“

Aber Besserung stellte sich nicht ein. Im Gegenteil. Zuerst konnte Jarstein noch im letzten Moment einen Kopfball von Chadrac Akolo parieren, gegen den Versuch von Gomez (76.) war er dann aber machtlos. Auf einmal stand es 2:1 für den VfB, innerhalb einer Viertelstunde hatte Stuttgart das Spiel gedreht. „Wir haben den Moment nicht ausgenutzt, in dem wir Punkte hätten mitnehmen können. Ich hatte der Mannschaft noch gesagt, dass Stuttgart mutiger aus der Kabinen kommen würde und wir Konter besser ausspielen müssen“, sagte Dardai.

Torunarigha nach Spielende in Tumulte verwickelt

Nach zuletzt drei Spielen ohne Niederlage mit sieben Punkten setzte es wieder eine Pleite für Hertha, was auch daran lag, dass Selke bei zwei Versuchen in der Schlussphase kein Glück beschieden war. Nach dem Abpfiff kam es kurzzeitig zu Tumulten, Herthas Jordan Torunarigha musste von Co-Trainer Rainer Widmayer von Handgreiflichkeiten abgehalten werden. „Übel beleidigt“ sei Torunarigha durch den Stuttgarter Marc Oliver Kempf worden, sagte Widmayer später. „Vielleicht war das zu viel für uns. Vielleicht waren wir einen Tick zu zufrieden“, sagte Dardai.

Viel Zeit, sich mit der Niederlage zu beschäftigen, bleibt nicht. Schon am Dienstag geht es im Olympiastadion gegen Augsburg (20.30 Uhr), ehe am kommenden Sonnabend die Hinrunde mit dem Auswärtsspiel in Leverkusen endet. „Wir haben jetzt noch zwei Spiele, in denen es an uns ist, einen vernünftigen Abschluss zu schaffen“, sagte Lustenberger. Dann zog er sich die Wollmütze tief ins Gesicht und machte sich auf in den Bus. Dorthin, wo Rune Jarstein schon lange wartete.