Bundesliga

Marko Grujic ist einer für Herthas Galerie

Für Trainer Pal Dardai ist Marko Grujic Herthas bester Mittelfeldspieler der letzten 20 Jahre. Hält der Serbe dieser These stand?

Neuer Held in Blau-Weiß: Marko Grujic feiert im siebten Spiel für Hertha sein erstes Tor

Neuer Held in Blau-Weiß: Marko Grujic feiert im siebten Spiel für Hertha sein erstes Tor

Foto: Ottmar Winter

Berlin.  Die Zahlen lesen sich beeindruckend. Mit Marko Grujic auf dem Feld hat Hertha BSC in dieser Saison noch kein einziges Spiel verloren (fünf Siege, zwei Unentschieden), doch sobald die Leihgabe des FC Liverpool fehlte, gerieten die Berliner ins Straucheln. Während Grujics Verletzungspause holte der Hauptstadtklub lediglich vier Punkte aus sieben Spielen, nur um prompt nach dem Comeback des Serben eine kleine Siegesserie zu starten. Auf das 2:0 in Hannover folgte am Sonnabend ein 1:0 gegen Eintracht Frankfurt. Siegtorschütze, na klar, Marko Grujic.

Hertha-Trainer Pal Dardai, in Personalunion auch Rekordspieler des Klubs, geriet nach dem Gala-Auftritt des 22 Jahre alten Mittelfeldspielers regelrecht ins Schwärmen. Grujic sei „der beste Mittelfeldspieler bei Hertha in den letzten 20 Jahren“, meinte Dardai. Eine These, an der er einen Tag später festhielt: „Ich bin 22 Jahre hier“, sagte der Ungar, „und das ist keine Beleidigung gegen andere Hertha-Spieler. Ich selbst habe 17 Bundesliga-Tore geschossen und zwölf Treffer aufgelegt – das ist nicht wenig. Aber was Marko als Sechser/Achter in seinem Alter jetzt schon alles hat – Handlungsschnelligkeit, Spielverständnis, Zweikampfführung – das ist nicht normal.“

Weder Wosz noch Beinlich oder Bastürk waren ähnlich komplett

Ein wenig steil mutet Dardais These trotzdem an, schließlich ist die Herthas Neuzeit-Historie gespickt von außergewöhnlichen Mittelfeldspielern. Erster in dieser Ahnengalerie war gewissermaßen Dariusz Wosz, der die ersten Jahre nach dem Aufstieg 1997 prägte. Dass Hertha zwischen 1998 und 2001 in Europapokal-Sphären schwebte, lag auch am mannschaftsdienlichen, sachlichen Stil des nur 1,69 Meter großen Spielmachers. Unvergessen: Sein Siegtor gegen das Star-Ensemble des AC Mailand in der Champions League, mit der er Hertha sensationell in die Zwischenrunde führte.

Ab 1999 erhielt Wosz Verstärkung vom seinerzeit größten Talent des deutschen Fußballs. Sebastian Deisler galt als noch begabterer Mittelfeldspieler und wurde zeitweise zum Teenie-Star hochgejazzt, aber immer wieder von Verletzungen zurückgeworfen. Immerhin: Deisler bescherte Hertha 2002 die damalige Rekord-Ablöse von neun Millionen Euro, gezahlt vom FC Bayern München.

Auch Stefan Beinlich (2000 bis 2003) und Yildiray Bastürk (2004 bis 2007) sind als Strippenzieher in Blau-Weiß unvergessen. Beide waren mit einer starken Technik und gutem Auge gesegnet, doch als Balleroberer glänzten sie nur höchstselten. Die Steigerung dessen war Marcelinho (2001 bis 2006), der Mann, der Hertha den Glamour-Faktor brachte. Der brasilianische Nationalspieler verzauberte die Fans nicht nur mit seinen extrovertierten Frisuren, sondern auch mit exquisiten Toren und brillanten Pässen.

Parallelen zu Weltmeister Paul Pogba

„Marcelinho war der beste Spieler, mit dem ich je bei Hertha zusammen gespielt habe“, sagt der heutige Manager Michael Preetz. Marcelinhos Bilanz gibt ihm recht. 65 Tore und 49 Vorlagen in nur 155 Spielen suchen ihresgleichen. Den Preis für diese Glanztaten zahlten jedoch seine Teamkollegen. Damit Marcelinho offensiv zaubern konnte, mussten andere ackern – ob sie nun Pal Dardai hießen oder Niko Kovac. Für Dardai fällt Marcelinho ohnehin nicht in die Vergleichskategorie: „Für mich war er kein Mittelfeldspieler, sondern Angreifer.“

Grujic indes taugt zum Anschauungsmodell eines modernen Mittelfeldspielers, erinnert in seiner Anlage an Frankreichs Weltmeister Paul Pogba (25). Mit seinen 1,91 Metern bringt er nicht nur Kopfballstärke und körperliche Präsenz mit, er verfügt auch über eine gute Technik, hervorragendes Stellungsspiel und ausgeprägten Offensivdrang. Fabian Lustenberger (30), Herthas dienstältester Spieler und gelernter Sechser, kann nur staunen. „Marko hat alles“, sagt der Schweizer, „offensive Qualität und defensive Stabilität, Kopfballspiel und die fußballerischen Elemente. Er bringt wirklich sehr viel mit.“

Spieler wie Marcelinho oder Ronny – der schussstarke Aufstiegsheld von 2013 – zwangen ihre Trainer zu taktischen Anpassungen. Weil Abwehrarbeit für Ronny (bei Hertha von 2010 bis 2015) ein Fremdwort blieb, brauchte es ein Duo wie Peter Niemeyer und Peer Kluge zur Absicherung. Grujic hingegen ermöglicht Dardai eine neue Flexibilität, weil er im Grunde zwei Mittelfeldspieler in sich vereint: einen offensiven und einen defensiven. Dass Hertha neuerdings mit der Doppelspitze Vedad Ibisevic und Davie Selke aufläuft, wird nur dadurch möglich, dass Grujic das Spiel zwischen den Strafräumen an sich reißt.

Liverpools Kaderplanung macht den Berlinern Hoffnung

Nun sind Spieler mit Grujics Fähigkeiten ohnehin begehrt, und natürlich werden die Leistungen des Leihspielers auch in England registriert. Ob er im Sommer zum FC Liverpool zurückkehrt oder vielleicht doch noch länger in Berlin bleibt, steht derzeit in den Sternen. „Der Manager macht alles“, sagt Dardai, „aber am Ende ist es nicht unsere Entscheidung.“ Jene liegt bei Liverpool, Trainer Jürgen Klopp und ein Stück weit auch bei Marko Grujic, dem die Berliner Lobpreisungen sicher nicht entgangen sind.

Die Frage, die sich stellt, lautet: Passen Liverpool und Grujic (schon) zusammen? Aktuell sind die „Reds“ im zentralen Mittelfeld herausragend besetzt. Der frühere Leipzig-Profi Naby Keita (23) und der Brasilianer Fabinho (25) haben Verträge bis 2023, Kapitän Jordan Henderson (28) ebenso, und mit dem Niederländer Georginio Wijnaldum (28, Vertrag bis 2021) verfügt Klopp über einen weiteren Hochkaräter. Einzig die Zeit von Routinier James Milner (32, Vertrag bis 2019) könnte sich dem Ende neigen, doch nach seiner bislang starken Saison deuten die Zeichen eher auf eine Verlängerung bis 2020 hin. Kommt es so, könnte Hertha genau davon profitieren. ­„Vielleicht“, sagt Dardai, „gehört Marko irgendwann zu uns.“ Und wenn es nur für ein weiteres Jahr ist.

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