Interview

Herthas Marko Grujic – „Wir müssen jetzt einen Lauf starten“

Liverpool-Leihgabe Marko Grujic über seine ehrgeizigen Ziele mit Hertha, die Reize Berlins und Gespräche mit Jürgen Klopp

Durchsetzungsstark: Marko Grujic (2.v.r.) will sich mittelfristig in Liverpool etablieren, zuvor aber mit Hertha um ein Europapokal-Ticket spielen.

Durchsetzungsstark: Marko Grujic (2.v.r.) will sich mittelfristig in Liverpool etablieren, zuvor aber mit Hertha um ein Europapokal-Ticket spielen.

Foto: Abdulhamid Hosbas / picture alliance / AA

Berlin.  Ein Interview auf Deutsch traut er sich noch nicht zu. „Ich lerne noch“, sagt Herthas Marco Grujic, „aber um den Trainer und das Fußball-Vokabular zu verstehen, reicht es auf jeden Fall.“ Auf dem Platz ist das unübersehbar – dort ist der Serbe, im Sommer als Leihgabe des FC Liverpool gekommen, auf Anhieb zum Leistungsträger geworden. Vor der Partie am Sonnabend bei Hannover 96 (15.30 Uhr, Sky) erklärt Grujic, warum er trotz seiner erst 22 Jahre schon so durchsetzungsstark ist und wieso er sich gut vorstellen kann, ein weiteres Jahr in Berlin zu bleiben.

Herr Grujic, am vergangenen Spieltag haben Sie nach acht Wochen Verletzungspause Ihr Comeback gegeben. Was ist Ihnen am Sonnabend um halb vier durch den Kopf gegangen?

Marko Grujic: Ich war einfach nur glücklich. Bislang hatte ich noch nicht viele Verletzungen, aber diesmal musste ich viele Stunden in der Reha verbringen. Die Rückkehr auf den Platz hat sich großartig angefühlt.

Mit der Euphorie war es schnell vorbei. Eine Minute später haben Sie Herthas erstes Gegentor eingeleitet …

Ich hätte den Ball einfach klären sollen, statt im eigenen Strafraum quer zu spielen. Das war nicht die beste Idee.

Trotz Ihres Lapsus war Ihnen keinerlei Verunsicherung anzumerken, im Gegenteil, Sie haben das Spiel immer stärker an sich gerissen.

Manchmal verursachen solche Fehler einen mentalen Knick, aber ich habe einfach versucht, fokussiert zu bleiben. Das war nicht der erste Fehler in meiner Karriere, ich habe mich trotzdem weiter selbstbewusst gefühlt. Man muss versuchen, so einen Patzer so schnell wie möglich abzuhaken. Fehler sind Fehler, die kannst du nicht mehr ändern.

Wie schaffen Sie es mit erst 22 Jahren so abgeklärt zu sein?

Hertha ist bereits meine fünfte Station, vielleicht liegt es daran. Ich habe in Liverpool und Cardiff schon Auslandserfahrung gesammelt, daran wächst man.

Haben Sie Vorbilder?

Was meine Position betrifft: Dejan Stankovic, der mit Inter Mailand die Champions League gewonnen hat. Was die Professionalität und Einstellung betrifft, hat mich Nemanja Vidic von Manchester United geprägt. Er war Serbiens Kapitän und hat völlig furchtlos gespielt, ein großer Kämpfer. Abgesehen davon komme ich aus einer echten Fußball-Familie. Zu Hause ging es immer nur um Fußball, Fußball, Fußball, meine Mutter konnte einem manchmal wirklich leidtun. (Lacht.)

Das müssen Sie erklären.

Mein Vater hat 25 Jahre als Fußball-Reporter gearbeitet, für eine der besten Zeitungen in Serbien. Er ist ein Fußball-Verrückter, schaut jeden Tag Spiele und liest darüber. Mein älterer Bruder hat die Jugend von Roter Stern Belgrad durchlaufen, den Sprung zu den Profis aber nicht sofort geschafft. So wie ich wurde er verliehen, aber er ist ein anderer Typ als ich. Inzwischen hat er seine Karriere beendet.

Auch Sie sind schon dreimal ausgeliehen worden. Hat Sie das nie an sich zweifeln lassen?

Nein. Wenn ich mit 30 ausgeliehen werden sollte, wäre das etwas anderes, aber ich bin noch jung. In meinem Alter ist das Wichtigste, dass man spielt und Erfahrung sammelt. Training ist Training, Spiele sind Spiele – das ist ein gewaltiger Unterschied.

In Liverpool haben Sie sich noch nicht durchgesetzt. Ist die Konkurrenz einfach zu stark?

Meinen ersten Tag bei den „Reds“ werde ich nie vergessen. Nach der Vertragsunterschrift bin ich in den Essenssaal geführt worden. Ich öffne die Tür und plötzlich starren mich all die Stars an, die ich bis dahin nur aus dem TV kannte. Coutinho, Firmino und Co. – ich habe einen Schweißausbruch bekommen und jedem einzeln die Hand gegeben. (Lacht.)

Wie ging es weiter?

Im ersten Training war ich noch baff, alles lief so wahnsinnig schnell, jeder Einzelne war unheimlich gut. Aber wenn man jeden Tag auf diesem Niveau arbeitet, akklimatisiert man sich langsam.

Derzeit sollen Sie sich bei Hertha weiterentwickeln. Trainer Pal Dardai und Manager Michael Preetz würden Sie gern länger an Berlin binden.

Ich würde auch gern hier bleiben – es sei denn, es gibt bei Liverpool eine richtig gute Perspektive. Liverpool ist einer der größten Klubs der Welt, es ist mein Traum, mit diesem Team in der Champions League zu spielen. Aber wenn es diese Chance nächste Saison noch nicht gibt, ist Berlin der perfekte Ort für mich. Ich fühle mich hier richtig wohl.

Was hat Ihnen Liverpools Coach Jürgen Klopp Ihnen mit auf den Weg gegeben?

Als ich während meiner Verletzung in Liverpool war, hat er mir Löcher in den Bauch gefragt. Was macht der Knöchel? Wie läuft es in Berlin? Er schreibt mir ab und an Nachrichten und hat sich schon bei meiner Verpflichtung stark engagiert, hat mich angerufen und mir seine Pläne erklärt. Die Situation habe ich noch heute vor Augen. Ich war nach einem Training bei Roter Stern grade in der Eistonne, als mir plötzlich jemand mein Handy reicht …

Anders als bei Klopp sind Sie bei Hertha kein Perspektiv-, sondern laut Dardai ein „Ausnahmespieler“.

Dieses Vertrauen hat mich stärker gemacht. Ich habe mir noch nie gesagt: ‚Morgen trainierst du etwas ruhiger – der Trainer mag dich eh.‘ Es tut mir gut, wenn ich den Rückhalt des Trainers spüre, aber dieses Vertrauen will ich auf keinen Fall enttäuschen.

Wie erklären Sie sich die gute Chemie zwischen Ihnen und Ihren Mittelfeldkollegen Arne Maier und Ondrej Duda?

Beide sind einfach richtig gute Fußballer. Sie würden den Ball nie einfach wegbolzen, sind technisch enorm stark. Ich ticke ähnlich, vielleicht verstehen wir uns deshalb so gut.

Mit Karim Rekik und Niklas Stark fällt die Stamm-Besetzung der Innenverteidigung aus. Was heißt das für Sie als zentrale Mittelfeldspieler?

Ohne sie fehlen ein wenig die Routinen. Lusti (Fabian Lustenberger, d. Red.) macht es richtig gut, aber er ist vielleicht mehr Sechser als Innenverteidiger. Die Abwehr braucht unsere Hilfe jetzt vielleicht etwas mehr als sonst.

Bis zur Winterpause sind es noch fünf Spiele. Wie viele Punkte braucht es, um einen glücklichen Marko Grujic vor dem Weihnachtsbaum zu sehen?

Ich will immer das Maximum – also 15. Spaß beiseite, es ist sehr schwer, jedes Spiel zu gewinnen, aber wir haben jetzt eine richtig gute Chance, Punkte zu sammeln. Sonnabend in Hannover wäre ein guter Zeitpunkt, um einen Lauf zu starten.

Was ist ein realistisches Saisonziel für Hertha?

Ich bin der Meinung, dass wir uns durchaus für die Europa League qualifizieren können, wenn alles passt. Ich setzte mir immer hohe Ziele, aber ich wäre sehr stolz, zu einem Bundesliga-Team zu gehören, dass es in den Europacup schafft.

Herr Grujic, Ihre Verletzungspause hatte zumindest ein Gutes: Sie konnten Berlin etwas besser kennenlernen. Was begeistert Sie an der Stadt?

Die Winteratmosphäre mit den Weihnachtsmärkten gefällt mir sehr gut, zum Beispiel am Breitscheidplatz. Mit Bratwurst und Glühwein – nicht das gesündeste, aber nach einem Sieg darf man sich so etwas mal gönnen.

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