Solo im Olympiastadion

„Hertha muss Fans ernster nehmen“

| Lesedauer: 4 Minuten
Sebastian Stier
Hertha-Fan Moritz Becker

Hertha-Fan Moritz Becker

Foto: BM/Privat

Moritz Becker durchbrach gegen Leipzig kurzzeitig den Stimmungsboykott der Hertha-Fans. Was hatte es damit auf sich?

Berlin.  Irgendwann Mitte der zweiten Halbzeit wurde es für einen kurzen Moment doch laut im Berliner Olympiastadion. „Ha Ho He, Hertha BSC“, schallte es lautstark von den Rängen. Ein junger Mann hatte sich auf die Balustrade begeben, um die schweigende Masse aus ihrer selbst verordneten Lethargie zu holen. Im Morgenpost-Interview erklärt der 19-Jährige, warum er das tat.

Moritz Becker, wie lebt es sich als neuer Chefanimateur der Ostkurve?

Moritz Becker: Das war komisch, aber ich habe viel positive Resonanz bekommen. Viele Fans sind danach auf mich zugekommen, haben mit mir abgeklatscht und mir zu der Aktion gratuliert. Darüber habe ich mich gefreut.

Selbst im „Aktuellen Sportstudio“ des ZDF waren Sie zu sehen.

Wirklich? Das habe ich nicht mitbekommen. Ich wohne in Potsdam, ehe ich zu Hause war, war es Mitternacht. Ich hatte mich nur gewundert, dass ich auf einmal so viele Freundschaftsanfragen in den sozialen Netzwerken erhalten habe.

Wie kam es dazu, dass Sie auf die Balustrade gesprungen sind und die Ostkurve zu Sprechchören animierten?

Ich habe eine Dauerkarte und stehe bei jedem Spiel in der Ostkurve. An diesem Tag war ich aber mit meiner Schwester im Stadion, die hat gerade gesundheitliche Probleme. Deshalb hatten wir in der Nähe der Kurve Sitzplätze. Schon während der ersten Halbzeit beschlich mich ein ungutes Gefühl. Im Stadion waren nur die Leipziger zu hören, von uns kam nichts. Es war klar zu sehen, dass der Mannschaft die Unterstützung fehlt.

Da dachten Sie, so kann das nicht weitergehen und sind drauflos gesprungen?

Ja, so ungefähr. Irgendwann hat es mir gereicht. Diese Stille, das sind doch nicht wir. Gegen Bayern war es so laut, da hat sich die Energie von den Rängen aufs Spielfeld übertragen, und gegen Leipzig war nichts mehr davon übrig. Das war unerträglich.

Kurzzeitig brach die Kurve ihr Schweigen. Haben Sie mit so viel Jubel gerechnet?

Das war der Wahnsinn, für einen kurzen Moment haben die Ultras richtig Lärm gemacht, und wir haben gezeigt, dass wir noch da sind. Leider hielt das nicht ­lange an.

Konnten Sie die Haltung der Ostkurve, das Spiel akustisch zu boykottieren, verstehen?

Das hatte sich ja schon unter der Woche abgezeichnet. Was in Dortmund passiert ist, ist nicht schön, aber dass dann Kollektivstrafen ausgesprochen werden, kann ich nicht nachvollziehen. Es war klar, dass die Ultras da auf die ­Barrikaden gehen. Ich kann das verstehen. Leider waren die Spieler die Leidtragenden. Ich bin mir sicher, dass das Spiel mit einer lauten Kurve anders gelaufen wäre.

Wie haben Sie die Nachricht aufgenommen, dass Hertha das Mitbringen von ­Fahnen und Banner untersagte?

Das fand ich nicht gut. Weil damit klar war, dass es eine Gegenreaktion geben wird und wir RB dadurch nur stark machen. Ich hätte mir das anders ­gewünscht. Kollektivstrafen sind immer der einfachste Weg, aber damit stößt man einfach zu vielen Menschen vor den Kopf.

Seit Monaten schwelt ein Streit zwischen der Vereinsführung und den Anhängern. Wie denken Sie darüber?

Die Kommunikation zwischen den Fans und der Geschäftsführung ist total gestört, das schadet allen Seiten. Der Verein muss stärker auf die eigenen Fans zugehen und sie ernster nehmen. Das ist mir insgesamt zu wenig. Ohne die Anhänger geht es auf Dauer nicht, aber das ist der ­Geschäftsführung anscheinend nicht klar. Verstehen kann ich diese Haltung nicht. Das Resultat hat man jetzt ja sehen können. Geht es so weiter, kommen irgendwann immer weniger Menschen zu den Spielen, und schon jetzt ist das Olympiastadion manchmal recht leer. Man sollte sich eher bemühen, mehr Fans für Hertha zu begeistern statt die, die schon da sind, zu ­verärgern. Am Ende muss es darum ­gehen, Hertha BSC zu unterstützen.