Bundesliga

Davie Selke ist bei Hertha der Druckmacher

Der Rekordeinkauf spielt bei Herthas Höhenflug bisher keine Hauptrolle. Im DFB-Pokal gegen Darmstadt 98 soll sich das nun ändern.

In seinem Berliner Premierenjahr gelangen Davie Selke (23) 14 Pflichtspieltore und vier Vorlagen.

In seinem Berliner Premierenjahr gelangen Davie Selke (23) 14 Pflichtspieltore und vier Vorlagen.

Foto: Jan Huebner/Voigt / Jan Huebner

Berlin.  Dass Davie Selke heran rauscht, kann man nicht nur sehen, am Rande von Herthas Trainingsplatz kann man es auch hören. Wie das klingt? Nun, ungefähr so wie ein Druckluftventil, das von einem Autoreifen abgezogen wird, wie ein druckvolles „Pfffffft“. Ein Laut, den der Stürmer immer dann durch die Zähne presst, wenn er den letzten seiner langen Schritte setzt, mit denen er auf seine Gegenspieler zustürmt, um den Ball zu erobern. Aktuell hört man Selkes „Pfffffft“ quasi permanent, weil er seine Gegner selbst im Training so vehement attackiert, als handele es sich um das Finale der Champions League.

Herausgeholter Elfmeter beim BVB als erstes Erfolgserlebnis

Selke (23) macht vor dem heutigen DFB-Pokalspiel bei Zweitligist Darmstadt Druck (18.30 Uhr, Sky), und das in mehrerlei Hinsicht. Auf sich selbst, weil er schon seit Kinder- und Jugendtagen von ungeheurem Ehrgeiz getrieben ist und den Anspruch hat, eine prägende Figur der Bundesliga zu sein. Auf Sturmkollege Vedad Ibisevic, der in dieser Saison bislang den Vorzug vor ihm erhält. Auf Coach Pal Dardai, bei dem er sich mit seinen Trainingsleistungen so stark aufdrängen will, dass kein Weg mehr an einer Startelf-Nominierung vorbeiführt. Und auf die Gegner ohnehin – so wie am Sonnabend in Dortmund, als er in der Nachspielzeit so entschlossen in den BVB-Strafraum zog, dass Verteidiger Dan-Axel Zagadou sich nur noch mit einem Foul zu helfen wusste. Die Folge: Ein Elfmeter für Hertha und das 2:2, an dem Selke also maßgeblich beteiligt war. Endlich mal, möchte man fast sagen.

Denn zu den Phänomenen dieser Hertha-Saison zählt ja, dass der teuerste Einkauf der Vereinsgeschichte (8,5 Millionen Euro) bislang kaum Anteil am Berliner Höhenflug hat. In der Saisonvorbereitung erlitt Selke eine Lungenverletzung, musste operiert werden und 45 Tage pausieren. Seit dem dritten Spieltag mischt er zwar wieder mit, kommt bislang aber nur auf 174 Einsatzminuten und blieb als Joker meist wirkungslos.

Nach Darmstadt wartet Ex-Klub Leipzig

„Jetzt ist vielleicht der Moment gekommen, ihn von Anfang an zu bringen“, sagt Pal Dardai über seinen Edel-Joker, „Davie ist auf jeden Fall fit für 60 Minuten. Auch seine Trainingsleistungen haben sich verbessert. Er ist nicht mehr so hektisch.“

Selke selbst hatte sich schon nach seiner Rückkehr ins Mannschaftstraining für voll einsatzfähig erklärt, dabei war sein Fitnessrückstand damals unübersehbar. Ein Symptom seines Ehrgeizes – und ein Indiz dafür, wie sehr ihn die Rolle als Reservist quälen muss.

Diese Woche aber soll seine Woche werden. Vedad Ibisevic hat seit drei Spielen nicht getroffen, zudem muss Trainer Dardai die Belastung in einer englischen Woche dosieren, gerade bei einem 34 Jahre alten Profi wie dem Kapitän. Und dann steht am Sonnabend (18.30 Uhr) ja noch das Wiedersehen mit Selkes Ex-Klub RB Leipzig an, der ihn einst für nicht gut genug befunden hatte. Eine Partie, in der der U21-Europameister besonders motiviert sein wird. Welche Kraft diese Zusatz-Emotionen entfalten können, hat sich im Vorjahr gezeigt. Da schoss Selke Hertha in Leipzig mit zwei Toren zu einem begeisternden 3:2.

Parallelen zum Vorjahr

„Das wird eine anspruchsvolle Woche mit zwei ganz unterschiedlichen Aufgaben“, sagt Selke: „In Darmstadt ist es immer schwer, auch wegen der Fans, und die Partie gegen Leipzig wird geil, ein echtes Topspiel.“ Ein Topspiel, in dem er wieder einen Haupt- statt nur eine Nebenrolle übernehmen will.

„Für mich war es in dieser Saison von Anfang an schwer, weil die Mannschaft ohne mich Erfolg hatte und Vedad richtig stark spielt“, sagt Selke, „aber durch Auftritte wie in Dortmund mache ich dem Trainer die Entscheidung schwer. Ich bin definitiv bereit.“

In einer ähnlichen Situation fand sich Selke schon in seinem Berliner Premierenjahr. Die ersten sieben Spiele verpasste er verletzt, ehe er als Bankspieler ein Tor vorbereitete, Fahrt aufnahm und die Saison als Stürmer Nummer eins beendete, mit zehn Treffern und vier Vorlagen. Eine Entwicklung, die Selke nun gern wiederholen möchte, je schneller, desto besser. Die Verteidiger in Darmstadt und Leipzig sollten also gewarnt sein. Spätestens dann, wenn sie ein „Pfffffft“ hören.