Hertha BSC

Gegen Mainz darf Thomas Kraft noch einmal im Tor stehen

Als Hertha zum bislang letzten Mal in Mainz gewann, stand noch Thomas Kraft im Tor. Nun darf die Berliner Nummer zwei erneut ran.

Thomas Kraft stand in 151 Pflichtspielen im Hertha-Tor. Allzu viele dürften nicht mehr hinzukommen

Thomas Kraft stand in 151 Pflichtspielen im Hertha-Tor. Allzu viele dürften nicht mehr hinzukommen

Foto: Thomas Eisenhuth / picture alliance / ZB

Berlin.  Thomas Kraft (30) klebte etwas Dreck im Gesicht, auf der Stirn und an den Mundwinkeln. Schweiß tropfte vom seinem Antlitz, der Wind blies kalt. All die unwirtlichen Bedingungen hielten ihn nicht davon ab, freundlich zu lächeln und nach dem Training für Fotos mit den Fans stehen zu bleiben. Kraft hat derzeit sichtbar Spaß an der Ausübung seines Berufs, was auch damit zu tun hat, dass er in Vollzeit beschäftigt wird. Gegen den FC Bayern (2:0) durfte er für den verletzten Rune Jarstein (34) über 90 Minuten das Hertha-Tor hüten, und weil der Norweger erst diese Woche wieder das Training aufnehmen konnte, wird Kraft sich vermutlich auch am Sonnabend bei Mainz 05 (15.30 Uhr) noch mal beweisen dürfen.

„Stand jetzt spielt Thomas. Wenn Rune sich noch meldet und sagt, er ist topfit, dann reden wir darüber. Die letzte Entscheidung fällt am Freitag“, sagt Pal Dardai, aber vor dem Hintergrund, dass Herthas Trainer schon in Bremen von der Situation um den angeschlagenen Jarstein wenig begeistert war, deutet alles auf Kraft hin. Noch so eine Hängepartie bis kurz vor dem Anpfiff möchte er unbedingt vermeiden.

Ständige Erneuerung, selbst Plattenhardt ist nicht gesetzt

Vielleicht hat Dardai für dieses Spiel mit Kraft auch nur das bessere Gefühl. Vor dreieinhalb Jahren saß der Ungar zum ersten Mal als Verantwortlicher für Herthas Profimannschaft auf der Bank. Es ging zum FSV Mainz, die damals stark abstiegsbedrohten Berliner gewannen 2:0 und Dardai erlebte einen Einstand, wie er kaum hätte besser laufen können. Im Tor an diesem frischen Februartag: Thomas Kraft.

Auch wenn er am Sonnabend kurz noch mal zur Gegenwart werden sollte: Kraft verkörpert die Vergangenheit. Im Sommer läuft sein Vertrag aus, eine Weiterbeschäftigung erscheint aufgrund der vielen Talente, über die Hertha auf der Torwartposition verfügt, unwahrscheinlich. Viele Bundesligaeinsätze als Berliner werden für Kraft wohl nicht mehr hinzukommen, wenn Jarstein wieder fit ist.

Überhaupt hat sich Herthas Erscheinungsbild stark geändert seit jenem schicksalsbehafteten Spiel im Februar 2015. Neben Kraft sind nur noch Per Skjelbred, Fabian Lustenberger, Peter Pekarik und Marvin Plattenhardt aus der damaligen Startelf bei Hertha dabei. Andere wie Jens Hegeler, Peter Niemeyer oder Roy Beerens fielen ganz durch das Flusensieb der Bundesliga, und abgesehen von Plattenhardt sind all jene, die damals erste Wahl waren, inzwischen ins zweite Glied gerückt. Selbst der WM-Teilnehmer, in den vergangenen Jahren Herthas Dauerbrenner, hat heute durch Maximilian Mittelstädt (21) ernsthafte Konkurrenz bekommen. Plattenhardt (26) sucht nach einer kleineren Verletzungspause noch seine Form, Mittelstädt spielte gegen Bayern sehr gut. Gegen Mainz wird der beginnen, „der zum Gegner besser passt“, sagt Dardai.

Dardai: „Die Kunst ist nicht, die Bayern zu schlagen“

Als Trainer hat auch er sich entwickelt in den vergangenen dreieinhalb Jahren. Ging es bei seinem Amtseintritt vor allem darum, der stark verunsicherten Mannschaft Selbstvertrauen zu verleihen, muss sich Dardai in seinem 150. Pflichtspiel als Chefcoach (bislang 142 für Hertha, sieben für Ungarn) neuen Herausforderungen stellen. Sein Team wird nach dem fulminanten Start ganz anders wahrgenommen, als Tabellendritter ist Hertha auf einmal Favorit. „Die Kunst ist nicht, nach zehn Jahren einmal die Bayern zu schlagen. Die Kunst ist, dass mit in den Alltag zu nehmen, nach Mainz zu gehen und dort zu gewinnen“, sagt der Ungar. Unterschätzen wird die Berliner niemand mehr, auch auswärts nicht. Das 2:0 auf Schalke war für die Konkurrenz Warnung genug.

Dardai ist es gelungen, die Mannschaft und ihr Spiel so zu entwickeln, dass Hertha im Herbst 2018 zu den attraktivsten Teams der Bundesliga zählt. Davon waren die Berliner am Anfang der Dardai-Epoche weit entfernt. Zu dieser Zeit mussten sportliche Baustellen von der Größe des BER geschlossen werden. Es galt, die Flut der Gegentore einzudämmen und die Abstände zwischen den einzelnen Mannschaftsteilen zu verringern. Pure Basisarbeit, gepaart mit Psychologie.

Der Trainer sieht sein Team für neue Favoritenrolle gerüstet

Nach dem verhinderten Abstieg wollte Dardai das Spiel über die Flügel forcieren, Hertha sollte mehr Tempo bekommen, aber irgendwo blockierten immer wieder Bremsklötze die Fahrbahn. Erst nach und nach hatte der Trainer das Spielermaterial beisammen, das er für den gewünschten Fußball benötigte.

Mittlerweile sind die Darbietungen der Berliner auch offensiv auf einem sehr ansprechenden Niveau. Die veränderten Kräfteverhältnisse seien daher kein Problem. „Wir haben dieses Jahr immer Lösungen, das Team kommt mit der neuen Rolle gut klar. Von daher ist es egal, falls Mainz tiefer stehen sollte“, sagt Dardai. Sein Vertrauen in die Fähigkeiten der Mannschaft ist in den dreieinhalb Jahren stark gestiegen. Auch das ist neu bei Hertha.