Champions League und Hertha BSC, das hört sich noch recht futuristisch an. Oder doch eher nach Vergangenheit? Nach Dieter-Hoeneß-Ära, nach Protz und Prunk und Porzellan. Benjamin Weber ist es jedenfalls ganz recht, dass dieser Wettbewerb Uefa Youth League heißt und nicht Champions League, obwohl er ja genau das ist. Ein illustres Teilnehmerfeld streitet sportlich darum, wer die beste U19 Europas stellt.

Hertha ist zum ersten Mal dabei, und Weber, dem Leiter des Nachwuchsleistungszentrums, ist die Vorfreude anzumerken. „Für uns ist das eine Riesenchance und ein Gradmesser um zu schauen, wo wir uns mit unserer Ausbildung bewegen“, sagt er. National gesehen bewegt sich Hertha auf dem höchsten Niveau. Die U19 wurde im Mai zum ersten Mal deutscher A-Jugend-Meister, deshalb dürfen sich die Berliner nun mit Europas Besten messen. Am Mittwoch (19 Uhr, Amateurstadion) empfängt die Mannschaft von Trainer Michael Hartmann den polnischen Meister Lech Posen, ehe es drei Wochen später zum Rückspiel in Posen kommt. „Von den möglichen Gegnern haben wir den vermeintlich stärksten gezogen. Posen hat eine gute Nachwuchsarbeit und wird uns ordentlich fordern“, sagt Hartmann. Sollte sich seine Mannschaft durchsetzen, stehen zwei weitere Runden mit jeweils ­Hin- und Rückspiel an. Erst dann hätte ­Hertha die K.o.-Runde erreicht.

Auf den Spuren von Maier und Torunarigha

Der Wettbewerb kommt für die Berliner gerade zur rechten Zeit. Die Nachwuchsarbeit des Klubs ist derzeit in aller Munde, was vor allem damit zu tun hat, dass Herthas Bundesligamannschaft immer stärker von Spielern geprägt wird, die der eigenen Akademie entstammen. Arne Maier etwa, Maximilian Mittelstädt oder der gerade verletzte Jordan Torunarigha. Aus der zweiten Reihe drängen Palko Dardai, Dennis Jastrzembski oder Dennis Smarsch nach.

Sie alle standen jüngst noch auf dem Platz, als Hertha im A-Jugend-Finale den FC Schalke bezwang (3:1). Dass keiner von ihnen in der Youth League spielen wird, ist einerseits schade, laut Weber aber auch zu ­verschmerzen. „Diese Jungs sind in ihrer Entwicklung schon einen Schritt weiter, nun soll sich die nächste ­Generation versuchen.“

Die U23 spielt im Baltic Sea Cup

Herthas erstmalige Teilnahme an der Youth League kommt passend zur Internationalisierungsstrategie, die Hertha aktuell begeht. So nimmt die U23 gerade am Baltic Sea Cup teil. Darüber hinaus ist Herthas U23 beim Premier League International Cup vertreten und trifft von Mitte Oktober bis Mitte Dezember auf die Gruppengegner Swansea City, Villarreal und FC Liverpool. Jüngst weilte die U19 in Kalifornien, wo man im Rahmen eines Turniers gegen Mannschaften vom amerikanischen Kontinent und aus Deutschland testete. Herthas Verantwortliche versprechen sich von diesen Auftritten wichtige Erkenntnisse.

„Für uns ist es wichtig zu sehen, ob die Jungs unter Reisestress Leistung bringen können. Ob sie sich schnell an eine neue Umgebung gewöhnen und wie sie mit Unwägbarkeiten umgehen“, sagt Weber.

Turniersieg in Kalifornien

Bei der Reise zum Silverlake Cup nach Kalifornien hatte der Flieger Verspätung, Zeit zum Schlafen und zum Akklimatisieren blieb vor dem ersten Spiel gegen eine mexikanische Mannschaft kaum. Und dann war da ja noch die Zeitverschiebung von nicht weniger als neun ­Stunden. Alles Dinge, die für Profis zum Alltag gehören. Herthas Nachwuchs zeigte sich stabil, gewann trotz 40 Grad Hitze das Turnierfinale gegen Borussia Dortmund mit 3:1.

Auslandsreisen sind Dinge, mit denen Herthas Jugendabteilung punkten möchte. Der Kampf um die Talente beginnt nicht nur früher, er wird auch härter geführt. RB Leipzig tritt relativ aggressiv auf, wenn es darum geht, Nachwuchsspieler von anderen Vereinen abzuwerben. Das gleiche gilt für den FC Bayern. Vor einem Jahr holten die Münchner zwei 14-Jährige und einen 13-Jährigen aus Berlin in ihr neu gebautes Leistungszentrum. Stille ­Abkommen, Spieler erst ab einer ­bestimmten Altersklasse wie der A-Jugend zu kontaktieren, gibt es im deutschen Profifußball schon lange nicht mehr.

Es wird schwer, Herthas Jugendspieler abzuwerben

Hertha sieht sich aber bestens gerüstet für den Wettbewerb mit anderen Bundesligisten. Die hohe Durchlässigkeit zur Profimannschaft spielt dabei die entscheidende Rolle. „Pal Dardai kennt unsere Philosophie seit seiner Zeit als Jugendtrainer, er lebt sie voll mit und traut sich, die Jungs mit einzubauen. Und natürlich registrieren die Spieler das auch“, sagt Weber. In den Länderspielpausen holt Herthas Cheftrainer immer wieder verschiedene Spieler zu den Profis, sogar aus der ­B-Jugend (U17) dürfen dann einige mitmachen.

Ein Scout, der lange für den VfL Wolfsburg arbeitete, sagt: „Hertha ist in dieser Beziehung absolut vorbildlich. Viele Scouts schauen sich lieber woanders um. Jugendspieler von Hertha loszueisen, ist nur noch selten möglich.“

Worte, die Benjamin Weber gern hört. Schließlich tummeln sich auch über den viel gelobten Jahrgang von 1999 hinaus hoffnungsvolle Talente in der Akademie. In der Youth League wollen die nun auf sich aufmerksam machen.