Kolumne Immer Hertha

Zeit für ein Zeichen in der Bundesliga

Die Bundesliga begeistert momentan mit sportlichen Überraschungen. Nun dürften gern auch politische folgen, meint Kolumnist Jörn Lange.

Noch etwas ungelenk, aber in der Sache gut: Die Bundesliga-Kampagne „Mein Freund ist Ausländer“ im Dezember 1992, hier im Bremer Weserstadion

Noch etwas ungelenk, aber in der Sache gut: Die Bundesliga-Kampagne „Mein Freund ist Ausländer“ im Dezember 1992, hier im Bremer Weserstadion

Foto: Ingo Wagner / picture alliance / Ingo Wagner

Es gibt sie noch, diese kleinen, schönen Geschichten, bei denen einem warm ums Herz wird. Am vergangenen Bundesliga-Spieltag gelang es einem jungen Mann aus Herne, mit einem läppischen Ein-Euro-Wettschein 250.000 Euro zu gewinnen. Nach eigenen Angaben hatte der 31 Jahre alte Familienvater schon seit Jahren rund 50 Euro pro Woche in Fußballwetten gesteckt, sich dafür meist umfangreich informiert und strategisch getippt. Diesmal aber entschied er sich aus einer Laune heraus, knapp 50 Ein-Euro-Scheine auszufüllen, und das mehr oder weniger im Blitzverfahren. Die richtige Kombination aus Halbzeitstand und Endergebnis traf er für die fünf Nachmittagsspiele am Sonnabend trotzdem. Jackpot, der große Wurf – just in dem Moment, in dem der bislang nicht eben wohlhabende Tipper am wenigsten damit gerechnet hatte.

Verstehen Sie mich nicht falsch. Nur wenig läge mir ferner, als Menschen zum Gang ins Wettbüro zu animieren. Ich persönlich halte das Wachstum der Sportwetten-Branche für äußerst bedenklich (Hilfe oder Informationen unter www.bzga.de), aber fasziniert hat mich die Glückspilz-Geschichte trotzdem, zeigt sie doch, dass das Leben nach wie vor wunderbare Überraschungen bereithält. Geht ja leicht mal unter im allgegenwärtigen „Früher war alles besser“-Getöse...

In der Bundesliga ist das nicht anders. Vielleicht erinnern Sie sich: Vor ein paar Wochen schrieb ich an dieser Stelle über die gedämpfte Vorfreude vor dem Saisonstart. Der Verdruss nach der verkorksten WM, die nicht enden wollende Dominanz des FC Bayern, fehlende Verstärkungen bei Hertha BSC – woher sollte sie auch kommen, die Hoffnung auf eine prickelnde Spielzeit? Zwei Partien später komme ich aus dem Staunen kaum raus. Die Berliner bestreiten am Sonnabend das Topspiel, fordern als Tabellendritter den zweitplatzierten VfL Wolfsburg heraus. Eine fast absurd anmutende Konstellation, die sich bislang auf keinem Tippschein der Welt gefunden hat.

Wer hat denn auch kommen sehen, dass sich der VW-Klub von einem zweimaligen Fast-Absteiger in das aufregendste Team der Stunde verwandelt? Wer hat kommen sehen, dass Hertha erstmals seit 14 Jahren (!) in Gelsenkirchen gewinnt? Und wer hat kommen sehen, dass der erst 18 Jahre alte Schüler Dennis Jastrzembski in seinen ersten drei Profi-Einsätzen für die Berliner gleich zwei Tore vorbereitet? Ich jedenfalls nicht.

Wie nachhaltig Herthas Hoch ist, wird sich natürlich erst zeigen müssen. Mut macht der starke Saisonstart aber allemal, weil er uns daran erinnert, dass trotz aller Hiobsbotschaften – in Herthas Fall etwa die Verletzungen von Rekordeinkauf Davie Selke oder Abwehrchef Karim Rekik – die Hoffnung niemals stirbt. Sport bleibt Sport, alles kann passieren, die Schönheit der Chance bleibt unverwüstlich. Ein Umstand, den sich vielleicht auch der Deutsche Fußball-Bund (DFB) und die Deutsche Fußball Liga (DFL) mal wieder ins Gedächtnis rufen sollten.

Denn auch Liga und Verband hätten ja die Chance, zu überraschen. Was wäre es für ein erfrischendes Signal, wenn sie nach den skandalösen Vorfällen in Chemnitz und Köthen ein Ausrufezeichen gegen Rassismus, Diskriminierung und Fremdenhass setzen würden. Dass DFB-Boss Reinhard Grindel in der unsäglichen Özil-Debatte nicht eben einen Beitrag zur Völkerverständigung geleistet hat, will ich gar nicht weiter ausführen. Der größte Einzelsportverband der Welt sollte ganz generell seine gesellschaftliche Verantwortung wahrnehmen und eine klare Haltung zeigen. Eine größere Bühne als der Fußball findet sich nun mal nicht in diesem Land.

1992 hatte man das begriffen. Nach den beschämenden Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen trugen die Klubs statt ihrer Sponsorenlogos den Slogan „Mein Freund ist Ausländer“ auf den Trikots. Eine Initiative, die man in abgewandelter Form neu aufleben lassen könnte. Bislang hat einzig Borussia Dortmund angekündigt, am Wochenende ein Anti-Rassismus-Trikot zu tragen. Ob die Liga folgt? Es wäre die nächste schöne Geschichte. Nur sehe ich sie nicht kommen. Leider.