Nach 81 Minuten wendete sich Pal Dardai genervt vom Spielfeld ab. Kopf runter, eine abwinkende Geste, ab auf die Bank – nach dem Ehrentreffer von Testspielgegner Hallescher FC musste Herthas Chefcoach erst einmal tief durchatmen. Das Gute daran: Es sollte während der Generalprobe gegen den Drittligisten am Mittwoch so ziemlich die einzige Szene sein, in der der Ungar unzufrieden wirkte. Die letzte Partie vor dem Pflichtspielstart im DFB-Pokal bei Eintracht Braunschweig am Montag gewann seine Elf souverän mit 4:1 (3:0). „Das war eine ordentliche Leistung“, sagte Dardai, „alle haben richtig Gas gegeben.“
Tatsächlich bekam der 42-Jährige fünf Nächte vor dem ersten Ernstfall keinerlei Anlass, bis Montag unruhig zu schlafen. Weil Kapitän Vedad Ibisevic mit zwei Treffern (6. Min/Foulelfmeter, 26.) zeigte, dass er bereit ist für die neue Saison. Weil sich auch Angriffspartner Salomon Kalou schon einmal warm schoss (36./Foulelfmeter). Vor allem aber, weil die junge Garde der Berliner bewies, dass das Toreschießen kein Alleinstellungsmerkmal der Routiniers sein muss. So wie beim absoluten Höhepunkt des Spiels, dem Treffer zum 4:0: Nach einem Ballgewinn trieb Arne Maier (19) den Ball am Fuß bis weit in die gegnerische Hälfte und passte im perfekten Moment raus auf den rechten Flügel. Dort startete der mitgelaufene Trainersohn Palko Dardai (19) durch und fand mit einem scharfen Querpass Valentino Lazaro (22), der am zweiten Pfosten nur noch einzuschieben brauchte. Ein Bilderbuch-Tor, das nicht nur die gut 1000 Zuschauer im Amateurstadion verzückte. „Die Konterausführung war wunderschön“, schwärmte Pal Dardai.
Nun sollten Freundschaftsspiele nicht überbewertet werden
Test ist Test und Ernstfall ist Ernstfall. Diese Erfahrung haben schon ganz andere machen müssen. Erkenntnisse förderte das finale Spiel der Vorbereitung trotzdem zutage, etwa in der Systemfrage. Gegen Halle, das eher mit einer B- als mit einer A-Elf spielte, setzte Dardai erneut auf die neu einstudierte, defensive Dreierkette. Ein Fingerzeig, dass er diese Option auch in Braunschweig praktizieren will. Das späte Gegentor dürfte daran wenig geändert haben, weil es der stabilen, aber wenig geforderten Dreierkette kaum anzulasten war. Der Treffer von Martin Ludwig resultierte aus einem Standard (81.).
Auch auf die Frage, wer das System mit Leben füllen soll, gab es richtungsweisende Antworten. Vor der Dreierkette aus Niklas Stark, Karim Rekik und Jordan Torunarigha agierten auf den Außenbahnen Valentino Lazaro (rechts) und WM-Fahrer Marvin Plattenhardt (links). Im zentralen Mittelfeld bildeten der auffällige Arne Maier und der weniger glücklich agierende Ondrej Duda ein passables Duo. Davor: die Altmeister Kalou (rechts) und Ibisevic (zentral) sowie Eigengewächs Maximilian Mittelstädt. Letzteres überraschte. Nicht wenige Beobachter hatten auf dem linken Flügel auf den erst 18 Jahre alten Dennis Jastrzembski spekuliert, der sich zuletzt mit Unbedarftheit und ungeheuren Tempo aufgedrängt hatte. Doch das Eigengewächs fand sich nicht einmal im Kader wieder. Er verfolgte die Partie gemeinsam mit den verletzten Davie Selke und Vladimir Darida auf der Tribüne, holte sich seine Spielpraxis später in der U19 gegen Carl Zeiss Jena.
Mittelstädt sammelt weiter Argumente für sich
Dass Newcomer Jastrzembski nicht vermisst wurde, lag an Mittelstädt. Der rannte seinem Gegenspieler schon nach sechs Minuten davon und holte so den Elfmeter heraus, den Ibisevic verwandelte. Bei Weitem nicht die einzigen Argumente, die der 21 Jahre alte Linksfuß für sich sammelte. „Maxi hilft uns offensiv auch mit gutem Kopfballspiel“, sagte Dardai, „und mit seiner Schnelligkeit und seinen Flanken kann er dem Gegner sowieso wehtun.“ Kleiner Wermutstropfen: Kurz nach dem Seitenwechsel musste Mittelstädt nach dem x-ten Foul gegen ihn ausgewechselt werden. Eine Vorsichtsmaßnahme.
Halle hatte zu diesem Zeitpunkt schon neun Mal gewechselt. Auch Dardai tauschte in Durchgang zwei durch. Aufdrängen konnte sich dabei kaum noch jemand, am ehesten Sohn Palko. Sein Vater wollte die Selbstinventur nicht zu hoch hängen. „Das war nicht Juventus Turin“, sagte Dardai senior, „sondern Halle“. Als Fortschritt durfte er den Test trotzdem werten



