Kolumne Immer Hertha

Im Meckern sind die Deutschen schon fast Weltmeister

Der verpatzte WM-Start der Nationalelf wird als mittelschwere Staatskrise zelebriert. Etwas mehr Realismus täte gut – gerade in Berlin

Marvin Plattenhardt (l.) kann weder die Hertha- noch die Nationalmannschaftsfans zufriedenstellen

Marvin Plattenhardt (l.) kann weder die Hertha- noch die Nationalmannschaftsfans zufriedenstellen

Foto: Federico Gambarini / dpa

Ich muss dieser Tage an Otto Rehhagel denken. Nicht an dessen einst missglückten Versuch, Hertha BSC vor dem Abstieg zu retten. Nein, von diesem Philosophen im Fußballtrainer-Gewand sind vor allem seine Aussprüche in Erinnerung geblieben („Jeder kann sagen, was ich will“).

Ein scharfsinniger Beobachter war er, in Bezug auf die Menschen in Griechenland, denen Rehhagel 2004 den Europameister-Titel schenkte, stellte er fest: „Wenn wir gewinnen, fühlen sich alle wie auf dem Olymp. Wenn wir verlieren, wollen sich alle ins Meer stürzen.“ Eine blumige Umschreibung für den Wankelmut und die Zerrissenheit zwischen himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt. Diesen Charakterzug schrieb der Hobbyautokrat („Die Griechen haben die Demokratie erfunden, ich habe die demokratische Diktatur erfunden“) mehr seinem Gastland als seiner eigentlichen Heimat zu.

Nachdem die deutsche Nationalmannschaft ihr Auftaktspiel gegen Mexiko verlor, entdeckte ich auch hier südländische Züge. Plötzlich ist der Himmel dunkel, die Sonne scheint nicht mehr, und gefühlt stehen alle an den Ufern von Spree, Elbe, Ostsee oder Rhein, um sich in die Fluten zu werfen. Was taugt dieses Leben noch, nun, da uns die Mexikaner eine Lektion erteilt haben in unserer Paradedisziplin? Um einen ähnlich großen deutschen Philosophen wie Rehhagel zu bemühen: Es ist alles eitel.

Schwarzmalen als Volkssport

Früher einmal verfiel der nationale Gemütszustand nur alle zwei Jahre, wenn große Fußball-Turniere anstanden, in dieses Extrem. Deutschland dachte dann in den eigenen Trikotfarben. Schwarz und Weiß. Entweder war alles schlecht oder alles ganz großartig. Inzwischen hat diese Denkweise ihren festen Platz in unserem Alltag gefunden. Im Berufsleben läuft es selten nur normal. Die Kollegen sind entweder Freunde oder Vollidioten. Der Chef? Respektsperson oder Witzfigur. Im Privatleben das Gleiche. Die eigene Frau? Elfe oder Amazone. Und beim Fußball? Stars oder Stümper.

Vor diesem Hintergrund lässt es sich mit Hertha BSC kaum aushalten. Zehnter waren die Berliner in der vergangenen Saison. Nach oben ging wenig, nach unten brannte nichts an. Die pure Mittelmäßigkeit. So manchen trieb das in den Wahnsinn. Ich erinnere mich an einen Redner, der bei der Hauptversammlung im Mai anführte, solch ein Verein, in solch einer Stadt, also da müsse mindestens um die Meisterschaft gespielt werden. Als Beispiel, dass auch andere neben dem FC Bayern noch gewinnen können, führte er den 1. FC Kaiserslautern an. Dass die Pfälzer soeben in Liga drei abgestiegen waren, hatte der gute Mann wohl nicht mitbekommen.

Hertha-Fans finden immer was zu meckern

Von der Meisterschaft, da sollten wir uns nichts vormachen, wird Hertha auch in der kommenden Saison weit entfernt sein. So weit etwa, wie Horst Seehofer von einer Liebesheirat mit Angela Merkel. Wenn alles normal läuft, dürfte es eine mittelmäßige Spielzeit werden, die kaum zu extremen Debatten taugt. Herthas Verantwortliche arbeiten solide. Die Großmannssucht der Dieter-Hoeneß-Ära ist überwunden. Überteuerte Stars gibt es woanders – kickende Künstler leider auch.

Wenn man so will, ist Hertha dabei, sich zum Spatz im Vorgarten zu entwickeln. Irgendwie immer da, ohne dass jemand groß Notiz davon nimmt. Aber anstatt den Zustand der Konstanz zu genießen, ja ihn gar zu loben, werden wir lieber wieder meckern. Über die allzu defensive Spielweise, über die Laufbahn im Olympiastadion oder über die fehlende Hose von Herthinho.

Wenn dann im Herbst der Himmel tatsächlich grau und Herthas Fußball grausig sein sollte, dann ist es Zeit, sich an jene zu erinnern, denen es tatsächlich schlecht geht. Den 1. FC Kaiserslautern zum Beispiel. Dessen letzte Meisterschaft liegt exakt 20 Jahre zurück. Trainer damals war Otto Rehhagel. Aber das nur am Rande.