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Hertha-Trainer Dardai: „Mein Topfavorit ist Brasilien“

Herthas Pal Dardai schreibt in seiner WM-Kolumne, wie ein Bundesliga-Trainer so ein großes Turnier verfolgt.

Brasilien hat sich längst von Neymar (r.) emanzipiert, freut sich aber trotzdem, dass der Superstar wieder rechtzeitig fit wurde

Brasilien hat sich längst von Neymar (r.) emanzipiert, freut sich aber trotzdem, dass der Superstar wieder rechtzeitig fit wurde

Foto: LEONHARD FOEGER / REUTERS

Eine der größten Herausforderungen für uns Trainer ist es, die Mannschaft auf den Punkt in Topform zu bringen. Bis jetzt hat Joachim Löw das bei großen Turnieren wunderbar gemeistert, für mich ist er deshalb ein großes Vorbild. Ob es ihm auch diesmal gelingt? Ich hoffe es, aber es wird sicher nicht einfach.

Durch die vielen Klub-Einsätze sind die deutschen Spieler stark belastet. In der Bundesliga hat man zum Saisonende gesehen, dass einige Stars etwas müde sind. Dazu kommt die hohe Erwartungshaltung in der Öffentlichkeit, der Druck. Für Löw ist sein Job auf jeden Fall nicht leichter geworden. Einen Titel zu gewinnen, ist schon schwer genug – ihn zu verteidigen aber noch viel schwieriger.

Zum Kreis der Titelanwärter zählt die deutsche Mannschaft für mich natürlich trotzdem. Wenn ich aber einen Top-Favoriten nennen soll, wären das die Brasilianer. Ihr Freundschaftsspiel gegen Deutschland habe ich mir live im Olympiastadion angeschaut, das hat mich beeindruckt. Individuell hatten sie schon immer Qualität, aber ich habe noch nie eine brasilianische Mannschaft gesehen, die taktisch so diszipliniert agiert. Da hat einfach sehr viel gestimmt: Sie haben die Räume gut zugestellt, im Angriffspressing enormen Druck entwickelt und wahnsinnig schnell umgeschaltet. Selbst ohne ihren großen Star Neymar sah das sehr, sehr gut aus. Die Brasilianer zu schlagen, wird schwer. Dasselbe gilt für die Franzosen, die eine Menge Top-Spieler haben.

Ein kleiner Geheimfavorit ist für mich die Schweiz. Sie haben eine super Qualifikation gespielt, das war richtig stark, man sollte sie auf keinen Fall unterschätzen. Alles andere wird sich in der Gruppenphase zeigen. Ich will ehrlich sein: Ich genieße die Pause von der Bundesliga und die Zeit mit meiner Familie. Es ist nicht so, dass ich alle Mannschaften analysiert hätte, aber mit dem Turnierstart steige ich richtig ein. Das WM-Fieber steigt.

Eine Weltmeisterschaft ist für mich immer etwas Besonderes. An mein erstes Turnier vor dem Fernseher erinnere ich mich noch genau. 1986 war mein Heimatland Ungarn richtig stark, hatte mit Lajos Detari und Marton Esterhazy ein Spitzenteam, das in der Vorbereitung sogar Brasilien geschlagen hatte. Dann aber kam das erste Turnierspiel gegen Russland – 0:6, das war ein Schock. Schon nach der Gruppenphase war Schluss, seitdem hat sich Ungarn nie wieder für eine WM qualifiziert. Stattdessen wurde es 1986 das große Turnier von Diego Maradona.

Jede WM hat ihre Stars, ihre Gesichter. Auch in Russland wird das wieder so sein. Ich erwarte ein gutes Turnier mit guten Spielern, auch wieder ein paar überraschende Talente. Aus meiner Sicht sind diese jungen Spieler auch besonders wichtig, weil sie gut als Vorbild für den Nachwuchs taugen.

Für uns Trainer ist die WM aber auch aus einem anderen Grund interessant: wegen der Taktik, den unterschiedlichen Systemen. Bei jedem Turnier gibt es neue Ideen. Vor vier Jahren hat Louis van Gaal mit den Holländern überrascht. Sie haben mit Fünferkette verteidigt, ihre Gegner lange spielen lassen und erst gegen Ende attackiert. So sieht man immer wieder kleine Dinge, die für die eigene Mannschaft interessant sein können. Mit den Analysen, die wir aus dem Turnier ziehen, können wir danach gut arbeiten.

Es gab mehrere TV-Sender, die mich als Experten mitnehmen wollten, auch ungarische Zeitungen haben angefragt. Außer der Morgenpost habe ich allen abgesagt. Ich habe während der Saison genug Stress und will das Turnier in Ruhe genießen. In Ungarn haben wir auch nicht diese Fanmeilen-Kultur wie in Deutschland. Hier läuft die WM etwas familiärer ab. Wir kochen einen riesigen Topf Gulasch, laden viele Freunde ein, schieben einen großen Fernseher auf die Terrasse und suchen uns ein schönes Spiel aus.

Dass ich mir die Partien unserer Herthaner anschaue, versteht sich von selbst. Mathew Leckie und seine Australier habe ich schon beim letzten Test in Ungarn live im Stadion gesehen. „Lex“ hat sehr gut gespielt, war aggressiv, so will ich ihn auch bei uns wieder sehen. Ich kann mir gut vorstellen, dass er in Russland ein, zwei Tore macht – wenn er einen Lauf hat, sogar mehr. Die Australier setzen auf schnelles Umschaltspiel, auf Konter. Das liegt ihm.

Marvin Plattenhardt drücke ich die Daumen, dass er eine Chance bekommt, mal in der Startelf zu stehen. Wenn er dann ein gutes Spiel macht, kann er seine Position vielleicht sogar verteidigen und ein richtig gutes Turnier spielen. Mich persönlich würde das wahnsinnig freuen – für ihn, aber auch für Hertha und unsere Nachwuchs-Akademie. Alleine dass Marvin dabei ist, ist schon ein großer Erfolg. Der Name Hertha BSC ist dadurch überall sichtbar. Einen Spieler mit unserem Klub-Logo zu sehen, der bei uns zum deutschen A-Nationalspieler geworden ist, macht uns alle stolz.

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