BUNDESLIGA

Nur der HSV ist schlechter

Hertha fehlt es an Durchschlagskraft, Trainer Dardai spricht von neuen Spielern. Manager Preetz über die Proteste der Ostkurve

Viel Einsatz, keine Durchschlagskraft: Herthas Vladimir Darida (Nr. 6) im Duell mit dem Wolfsburger Maximilian Arnold

Viel Einsatz, keine Durchschlagskraft: Herthas Vladimir Darida (Nr. 6) im Duell mit dem Wolfsburger Maximilian Arnold

Foto: Jan Kuppert / picture alliance / Jan Kuppert/d

Berlin.  Die sozialen Netzwerke sind ein oft zuverlässiges Barometer dafür, wie es um die Stimmung einer Mannschaft bestellt ist. Nach Siegen posten dort Spieler viele Schnappschüsse, sei es aus der Kabine oder davon, wie sie den Tag danach verbracht haben. Gibt es nur wenige Nachrichten, hängt der Haussegen schief. Trotz des langen Osterwochenendes war der Ertrag, den die Profis von ­Hertha BSC im Internet beisteuerten, bescheiden. Stürmer Davie Selke schickte via Instagram einen kurzen Clip von der Heimreise nach Stuttgart. Karim ­Rekik hat Besuch von seiner Freundin, Salomon Kalou von seiner Nichte aus der Elfenbeinküste. Ansonsten: Schweigen.

Das hat Gründe. Beim 0:0 gegen Wolfsburg enttäuschte Hertha die Fans einmal mehr. Von denen hatten sich ohnehin nur 34.765 im Olympiastadion eingefunden. Seit einem Vierteljahr ist kein Heimsieg gelungen. Der derzeitige Status des Hauptstadt-Klubs lässt sich am Rückrunden-Torverhältnis ablesen: Das lautet nach elf Partien 6:7. Damit stellt Hertha die beste Defensive der Liga – selbst die Bayern und Schalke haben bereits neun Gegentore kassiert. Andererseits verdrießt Hertha die Anhänger mit anhaltenden Offensivproblemen: Sechs Törchen, nur Schlusslicht Hamburger SV (5) ist noch schlechter.

Pal Dardai kritisiert Darida

Dafür verantwortlich ist Trainer Pal Dardai. Der ist mittlerweile selber frustriert. Am Tag nach der Partie sagte der Ungar: „Ich finde, die Mittelfeldspieler haben richtig abgebaut in der zweiten Halbzeit. Das war nicht dynamisch, das war nicht das, was ich erwarte.“ Der Coach meinte vor allem Fabian Lustenberger, Arne Maier und Vladimir Darida, die keinerlei gefährliche Vorwärts-Aktionen einleiteten.

Dardai nannte einen Spieler sogar namentlich, ein für eher ungewöhnliches Vorgehen: „Ich habe Vladi (Darida) gefragt: Sag mal, macht Dir das Spaß – immer nur Laufen und Kämpfen?“ Er sei als Aktiver auf der Darida-Position „ein viel schlechterer Sechser gewesen“, aber er habe versucht, pro Spiel zwei-, dreimal aufs gegnerische Tor zu schießen. „Der eine ging zum Vogelnest, der zweite zur Eckfahne. Die Zuschauer haben gepfiffen – aber der nächste war drin.“

Hertha noch ohne Weitschuss-Tor

Dardai hadert: „Wir sind die einzige Bundesliga-Mannschaft, die kein Weitschusstor gemacht hat. Nicht mal eines.“ Einem Reporter, der helfen wollte und ­anmerkte, Hertha fehle das nötige Glück, antwortete Dardai: „Wer hat Glück? Nur der, der es versucht, oder?“

Erstmals drohte der Trainer Konsequenzen in der Sommer-Transferperiode an. Das Trainerteam arbeite intensiv an der Durchschlagskraft: „Wir müssen warten. Entweder das kommt. Oder wir ­müssen nachkaufen.“

Hertha-Manager Michael Preetz beschreibt die Lage beim Tabellen-Elften anders: „Wir erleben eine solide Spielzeit, nicht weniger, aber auch nicht mehr.“ Richtig ist: Hertha ist über die gesamte Saison nicht in Schwierigkeiten gekommen. In der Liga hat das Dardai-Team nie zwei Spiele in Folge verloren.

„Uns fehlen die besoderen Momente“

Richtig ist allerdings auch das Gegenteil: Hertha hat nicht einmal zwei Spiele in Folge gewonnen. Nach dem 0:0 in den Heimspielen gegen Freiburg und Wolfsburg sagte Preetz: „Uns fehlt ein Tor als Brustlöser.“ Und er teile die Feststellung, „dass bei aller Stabilität, die wir haben, uns die besonderen ­Momente nach vorne fehlen“.

Mit Unbehagen verfolgt Herthas Geschäftsleitung die Proteste aus der Ostkurve. Dort hatte es zum wiederholten Mal Spruchbänder gegen die Digitalisierungsstrategie und den dafür zuständigen Paul Keuter gegeben. Auf Bannern hieß es etwa: „Keuter mach den Bildschirm aus. Heute wieder mal nicht ausverkauft. Nimm ­endlich deinen Hut. Tust Hertha nicht gut.“ Oder „Keuter, der Ball fliegt immer noch analog ins Tor“.

Preetz wünscht sich Dialog mit den Ultras

Preetz sagte dazu: „Erst einmal handelt es sich um einen Denkfehler, dass eine Person für die Ausrichtung von Hertha zuständig ist.“ Die Geschäftsführung, das Präsidium und alle Gremien – „wir alle haben uns dem Fortschritt verschrieben“. Und bei solcher Kritik von außen „steht die Geschäftsführung zusammen“.

Preetz verwies darauf, dass die Geschäftsleitung „Verantwortung für den gesamten Verein trägt und nicht nur für die Belange der Kurve“. Die Herausforderung sei, „alles zusammenzubringen“, sagte Preetz. „Und das gestaltet sich im Moment schwierig. Um es besser hinzubekommen, würde es helfen, miteinander zu sprechen.“ Das ist derzeit nicht möglich, weil die Ultras den Dialog mit der Hertha-Führung ­abgebrochen haben.