Fans und Klub im Clinch

Herthas Ultras: „Meinung der Fans spielt keine Rolle mehr“

Herthas aktive Fans hadern mit Entwicklung ihres Klubs. In einem seltenen Interview erklären zwei Ultras, was sie stört.

Wissen, wie man Flagge zeigt: Die Ultra-Gruppierung Harlekins Berlin ‘98 wirkt in der Ostkurve des Olympiastadions als Stimmungsmotor

Wissen, wie man Flagge zeigt: Die Ultra-Gruppierung Harlekins Berlin ‘98 wirkt in der Ostkurve des Olympiastadions als Stimmungsmotor

Foto: imago sport / imago/Sebastian Wells

Berlin.  Normalerweise meiden Ultras den Kontakt mit Journalisten. Zwei wichtige Mitglieder der „Harlekins Berlin ‘98“ machen eine Ausnahme. Vorsänger Heidi und Ben möchten in der Morgenpost zwar nicht mit echtem Namen genannt werden, stellen sich aber unbequemen Themen. Ein Gespräch über den seit Jahren schwelenden Konflikt mit Herthas Klubführung, bedenkliche Veränderungen im modernen Fußball und neidvolle Blicke gen Köpenick.

Heidi und Ben, was bedeutet es für Sie, Ultra zu sein?

Heidi : Für mich bedeutet es, dass ich mein Leben komplett dem Verein verschrieben habe, inzwischen seit 16 Jahren. Ich richte alles danach aus, Hertha und Fußball beschäftigen mich rund um die Uhr. Und meinen Urlaub plane ich natürlich so, dass ich kein Spiel verpasse.

Ben: Im Grunde ist das ein unbezahlter Fulltime-Job mit schlechter Work-Life-Balance (Lacht). Viele andere Bereiche des Lebens leiden, aber dafür bekommt man unfassbar intensive Emotionen zurück.

Von außen nimmt man Fankurven nur als große Masse wahr. Klären Sie uns auf: Was für Menschen stehen bei Hertha in der Ostkurve?

Heidi: Man kann vom berühmten Querschnitt der Gesellschaft sprechen, da findet sich fast alles wieder. Vom Jugendlichen, der noch an seinem Abschluss ackert, bis zum pensionierten Polizisten, vom Akademiker bis zum Arbeitslosen.

Die Harlekins bestehen seit 1998 und bilden den Kern der Kurve. Was unterscheidet Sie von anderen Gruppen?

Heidi: In der Kurve sind wir gewissermaßen der Motor. Wir organisieren und koordinieren Gesänge und große Choreografien. Dabei stehen wir auch für Kritik, zum Beispiel an der Entwicklung des Profi-Fußballs.

Ben: Wir betrachten uns aber nicht per se als Mittelpunkt der Fanszene. Wir positionieren uns in der Mitte der Kurve, weil man von dort am besten agieren kann.

Heidi, Sie sind Vorsänger. Wir schafft man es, als Sprachrohr akzeptiert zu werden?

Heidi: Das ist ein Prozess. Als Kind geht man das erste Mal ins Stadion, spürt die Begeisterung und weiß, für wen sein Herz schlägt. In der Kurve merkt man dann schnell, dass es mehr gibt als das Spiel an sich, dass es eine Szene gibt, die sich abhebt, ein Gemeinschaftsgefühl, eine Dynamik. Wenn man sich engagiert, steigt man in der internen Hierarchie nach und nach auf. Als bei einem Pokalspiel in Trier der Vorsänger ausfiel, hieß es: „Mach du das mal.“ Das ist knapp zehn Jahre her.

Mit etablierten Medien kommunizieren Ultras äußerst selten. Wieso so verschlossen?

Heidi: Das resultiert bei uns aus schlechten Erfahrungen in der Vergangenheit. In den Anfangstagen der Harlekins waren wir jung und ein bisschen naiv. Damals haben wir jede Aufmerksamkeit mitgenommen, die wir bekommen konnten und dabei den falschen Medien vertraut.

Ben: Man muss aber auch sagen, dass viele Medien nicht wirklich an differenzierter Berichterstattung interessiert sind, wenn es um das Thema Ultras geht. Da zählen reißerische Schlagzeilen scheinbar mehr.

In der Regel erzeugen Sie Aufmerksamkeit mit aufwendigen Choreografien. Im Olympiastadion war länger keine mehr zu sehen. Woran liegt das?

Ben: An einem Konflikt mit Herthas Geschäftsführung. Anfang Februar, vor dem Heimspiel gegen Hoffenheim, haben wir von den Klub-Verantwortlichen eine E-Mail bekommen. Es sollte eine verschärfte Vorab-Kontrolle der Choreo geben, alles sollte bis ins kleinste Detail angemeldet werden. Auch wurde uns verboten, bestimmte Personen zu zeigen. Eine ganz klare Zensur.

Heidi: Man muss dazu sagen: Die besagte E-Mail war das Resultat aus einem Zwist ist, der inzwischen seit anderthalb Jahren existiert. Trotzdem hat uns die Schärfe überrascht. Diese Zensur kannten wir bislang nicht.

Ist es nicht ein Stück weit verständlich, dass Hertha Spruchbänder verhindern will, die unter die Gürtellinie gehen? Wenn sich einzelne Fans im Ton vergreifen, hat das schließlich Auswirkungen auf Herthas Image …

Heidi: Natürlich gibt es mal Ausreißer bei den Spruchbändern. Nehmen Sie das Burnout-Banner zu Ralf Rangnick – darüber wurde auch in der Fan-Szene viel diskutiert. Wir behaupten nicht, dass alles richtig ist, was wir machen. Aber man sollte trotzdem vernünftig miteinander umgehen.

Ben: Hertha nimmt an einem Spruchband keinen Schaden. Klar, manche Aussagen schießen über das Ziel hinaus, aber der Klub kann sich davon distanzieren, und damit ist es gut.

Heidi: Jan Böhmermann und Co. dürfen unter die Gürtellinie gehen, das ist legitim. Wenn wir ein mit Satire unterlegtes Plakat gegen Köln zeigen, wird ein gefühlter Staatsakt daraus.

An der Kurve hängt nun mal nicht das Schild „Satire“.

Heidi: Mag sein. Aber man kann auch zwischen den Zeilen lesen. Dazu sind die Leute in der Lage.

Sie sprechen von einem dauerhaften Zwist mit der Klubführung. Was war der Auslöser?

Heidi: Da gab es eine Reihe von Punkten, in denen der Verein und die Fans sehr weit auseinander lagen.

Das müssen Sie erklären.

Heidi: Vielen aktiven Fans sind bestimmte Grundwerte sehr wichtig, etwa die Vereinsfarben oder das Vereinswappen. Bei Hertha hat man sich zum wiederholten Mal dafür entschieden, sich von traditionellen Varianten zu verabschieden. Im Fan-Shop sah man mitunter mehr Orange und Pink als Blau-Weiß. Die Geschäftsführung, mit der wir lange Zeit einen vertrauensvollen Austausch gepflegt haben, hat dieses sensible Thema nicht nur ignoriert, sondern die Verbreitung neuer Farben gezielt forciert.

Das erste Saisonspiel 2016/17 wurde in Pink bestritten, Maskottchen Herthinho trat im pinken Trikot im ZDF-Fernsehgarten auf ...

Heidi: Das war für uns das Zeichen: Okay, die Meinung der Fans spielt keine Rolle mehr. Genauso haben wir uns über das 125-jährige Vereinsjubiläum geärgert. Schon zwei Jahre zuvor haben wir gemeinsam überlegt, wie wir dieses besondere Ereignis mitgestalten könnten. Ende 2016 hieß es plötzlich, dass die Planungen mehr oder weniger abgeschossen sind. Das hat uns vor den Kopf gestoßen. Das Ende vom Lied: Es gab keine Beteiligung der aktiven Fanszene.

Aber immerhin ein Freundschaftsspiel gegen den FC Liverpool.

Heidi: Bei dem wir gern unvergessliche Bilder erschaffen hätten. Wir haben davon geträumt, das ganze Olympiastadion „anzuzünden“, hätte eine Riesenshow gemacht, mit blauem Rauch und allem Drum und Dran. Stattdessen herrschte in der Ostkurve Flaute.

Ben: Wir haben unsere eigene Jubiläumsfeier veranstaltet. Nachts im Olympiastadion, mit rund 1000 Leuten. Da herrschte in fünf Minuten mehr Stimmung als während des gesamten Liverpool-Spiels.

Die Kommunikation mit der Klubführung haben Sie inzwischen komplett eingestellt. Kann es eine Lösung sein, nicht mehr miteinander zu sprechen?

Ben: Früher saßen wir mit der Geschäftsführung regelmäßig an einem Tisch. Selbst bei Meinungsverschiedenheiten gab es einen guten Austausch. Heute fehlen dafür die Grundvoraussetzungen, weil zu oft über den Haufen geworfen wurde, was vorher besprochen war. Wir werden nicht als Gesprächspartner auf Augenhöhe wahrgenommen. Für den Verein ist der Dialog nur ein Feigenblatt.

Heidi: Uns wurde beispielsweise zugesagt, dass uns die Lautsprecher über der Ostkurve nicht permanent beschallen. Da die Boxen im Olympiastadion separat steuerbar sind, sollte das kein Problem sein, aber es wird nicht umgesetzt. Genauso wurde uns einst zugesichert, dass Hertha keine Testspiele gegen RB Leipzig austrägt, ehe zwei Jahre später das nächste angesetzt wurde. So etwas brennt sich ein.

Am vergangenen Sonntag haben Sie ein Fantreffen mit „interessierten Herthanern“ organisiert. Was haben Sie mitgenommen?

Heidi: Es gab einen regen Austausch mit rund 400 Teilnehmern. Damit haben wir eine Kommunikationsplattform geschaffen, auf der sich alle Herthaner sachlich und konstruktiv austauschen können. Nach der Sommerpause ist eine Fortsetzung geplant.

Zu ihren größten Kritikpunkten zählt, dass Hertha sich zu viel im Internet inszeniert, aber kaum noch anfassbar ist.

Ben: Früher wurden Partnerstädte aus Brandenburg gepflegt, außerdem gab es Kiez-Touren, bei denen Spieler in die Berliner Stadtteile gegangen sind. Zwei simple Maßnahmen, mit denen man verhältnismäßig viel bewirken kann, die aber eingestellt wurden. Auch Sommerfeste oder eine Saisoneröffnung finden nicht statt. Es gibt keinen echten Kontakt zwischen Fans und Verein.

Heidi: Dass Hertha nicht mehr als graue Maus wahrgenommen werden will und mehr Zuschauer ins Stadion locken will, kann ich verstehen. Das soll der Verein gern versuchen, von mir aus auch mit neuen Wegen. Aus meiner Sicht macht man aber den größten Fehler, wenn man die Basis dabei verliert. Der starke Fokus auf Social Media kann auch vergraulen. Der Zuschauerschnitt geht trotz der sportlich soliden Saison nach unten.

Ein Phänomen, das man allerdings im ganzen Land beobachten kann.

Heidi: Das stimmt, aber nirgendwo ist der Rückgang so stark wie bei Hertha. Der Punkt ist, dass der Verein offenbar keinen großen Wert auf den Austausch mit den Fans legt. Spieler oder Offizielle lassen sich nicht blicken. Andere Vereine schaffen diesen Spagat zwischen Vermarktung und der Bewahrung von Idealen sehr viel besser. Ein aufrichtiger Dialog, wie er beispielsweise in Dresden oder auch bei Union geführt wird, ist hier Vorbild.

Wofür steht Hertha BSC Ihrer Meinung nach?

Heidi: Das kann man aktuell kaum beantworten, weil Hertha kaum Ecken und Kanten hat, Hertha probiert immer nur zu gefallen. Seit Jahren reiht man blind einen Slogan an den nächsten. Das ist nicht identitätsstiftend. Man sollte versuchen, etwas Eigenes zu finden. Stattdessen setzt man auf Social Media und gründet eine E-Sport-Abteilung.

Manager Michael Preetz ist Herthas Rekordtorschütze, Chef-Coach Pal Dardai Rekordspieler, zudem setzen beide bewusst auf den eigenen Nachwuchs. Mehr Vereinsidentität geht doch kaum.

Ben: Das wissen viele Fans zu schätzen – vor allem die Tatsache, dass Pal Dardai den Verein im Herzen trägt. Aber das ist eben nicht alles. Wenn Hertha den Slogan „Die Zukunft gehört Berlin“ ausgibt und zeitgleich überlegt, ein Stadion in Brandenburg zu bauen, stimmt etwas nicht.

Welche Ausrichtung wünschen Sie sich stattdessen?

Heidi: Das ist schwierig zu beantworten. Uns ist klar, dass Hertha auch ein Wirtschaftsunternehmen ist, und in diesem Bereich sind wir keine Experten. Ich würde das Blau-Weiß mehr hervorheben, den Bezug zum Gründungsdampfer, ganz besonders aber die „Fahne pur“, ein Logo, das kein anderer Verein hat.

Ben: Darüber hinaus sollte Hertha BSC dauerhaft in der ganzen Stadt präsent sein, um dem Anspruch, der Verein Berlins zu sein, gerecht zu werden. Denn das sind wir seit über 125 Jahren, wie viele Vereine haben eine derart lange Geschichte? Auch ein grundlegendes Interesse für Fanthemen, beziehungsweise überhaupt eine ehrlich gesuchte Fannähe wären wünschenswert.

Wo soll Hertha in Zukunft spielen?

Heidi: Wir alle sind im Olympiastadion groß geworden, wissen aber auch, dass engere Stadien eine bessere Atmosphäre erzeugen. Als Grabstätte für die Stimmung sehe ich das Olympiastadion allerdings nicht. Ob Olympiastadion oder ein Neubau nebenan – in dieser Frage sind die Meinungen bei uns geteilt.

Die Konflikte der aktiven Fan-Szene gehen weit über Berlin hinaus, derzeit wird vehement über den Einfluss von Investoren diskutiert. Vorige Woche hat sich die DFL überraschend für den Erhalt von „50+1“ ausgesprochen. Erleichtert?

Ben: Das hört sich nach außen erstmal gut an, aber es haben nur 18 von 36 Vereinen für den Erhalt von „50+1“ gestimmt. Wie sich das weiterentwickelt, bleibt abzuwarten. Die Gegner dieser Regel werden sich jetzt neu aufstellen. Für die Fanszene ist es trotzdem erstmal ein positives Signal. Sie hat mit ihrem Protest gegen die Abschaffung von „50+1“ ein starkes Zeichen gesetzt.

Heidi: Ich glaube, dass Hannovers Präsident Martin Kind klagen wird und „50+1“ dann fällt.

Bieten Investoren nicht auch Chancen, gerade für Hertha als Hauptstadtklub? Berlin dürfte für Geldgeber attraktiver sein als Augsburg oder Mainz.

Heidi: Wenn es so läuft wie momentan bei Hertha mit KKR, dann schon. Ins Tagesgeschäft greift dieser Investor ja nicht ein, zumindest nicht sichtbar. Wenn es aber läuft wie beim Hamburger SV mit Klaus-Michael Kühne, ist das absolut unangemessen. Herr Kühne mag sich mit Logistik oder Hotels auskennen, hat aber keine Ahnung, wie ein Fußballverein zu führen ist.

Ben: Ich sehe selbst KKR sehr kritisch. Das ist ein Unternehmen, das bei seinen Investments bislang kein Interesse an nachhaltiger Entwicklung hatte.

Heidi: Man sollte die Gefahren jedenfalls nicht unterschätzen. Schauen Sie nach Italien. Dort sind beide Mailänder Klubs in chinesischer Hand. Das Derby zwischen dem AC und Inter, das sonst immer als Topspiel am Sonntag um 20.15 Uhr angepfiffen wurde, findet jetzt sonnabends um 12.30 Uhr statt, damit man den chinesischen Markt bedienen kann. Von England, wo die Eintrittspreise in die Höhe geschnellt sind, braucht man gar nicht erst anzufangen. Für Stadiongänger bringen Investoren mehr Fluch als Segen.

In Deutschland gab es eine groß angelegte „Fick Dich DFB“-Kampagne in den Fankurven. Was hat Sie so dermaßen gegen den Deutschen Fußball-Bund aufgebracht?

Ben: Die Probleme schwelen ja schon lange, aber im vergangenen Sommer ist das Fass nun mal übergelaufen. Nach dem Spiel von Dynamo Dresden in Karlsruhe, bei dem die Gäste-Fans unter dem Motto „Krieg dem DFB“ in Militär-Look aufgelaufen sind, um damit unter anderem gegen einen Zuschauerteilausschluss zu protestieren, mit dem die Karlsruher Fans belegt worden waren, gab es eine absolut überzogene Reaktion des Verbands. Danach kam das denkwürdige DFB-Pokal-Endspiel mit dem Halbzeitauftritt von Helene Fischer. Spätestens da war klar: Wenn das die Richtung ist, in die es geht, müssen sich die Ultras zusammenschließen und gemeinsame Aktionen koordinieren.

Heidi: Die Formulierung „Fick Dich DFB“ war bewusst drastisch gewählt, weil man provozieren muss, um überhaupt ins Gespräch zu kommen. Durch das große Medienecho hat sich die DFB genötigt gesehen, darauf zu reagieren. Mittlerweile hat der Verband Kollektivstrafen gegen Fans ausgesetzt und eine Pilotphase zur Freigabe sämtlicher Fan-Utensilien gestartet.

Ben: Wobei man anmerken muss, dass Kollektivstrafen juristisch ohnehin nicht zu halten sind. Insofern bewegt sich der DFB nur endlich mal auf den Boden des Grundgesetzes. Von großen Zugeständnissen kann deshalb keine Rede sein.

Zumindest beim Pokalfinale hat der DFB seinen Kurs korrigiert. Das Showprogramm wurde ad acta gelegt.

Heidi: Als Marke „DFB“ und Marke „Pokalfinale“ kann man es sich nicht leisten, wenn das ganze Stadion in der Halbzeit 15 Minuten lang durchgängig pfeift. Verstehen Sie uns nicht falsch. Wir akzeptieren, dass Fußball auch Business ist. Aber die Verantwortlichen sollten Fingerspitzengefühl dafür zeigen, dass es noch Menschen im Stadion gibt.

Vergessen die Ultras das nicht selbst manchmal, wenn sie ein Stadion einnebeln oder Raketen abfeuern?

Heidi: Es wird immer Ausreißer geben. Aber in der Realität ist es doch so: Keiner rennt hustend aus dem Block, wenn etwas gezündet wird. Im Gegenteil: Alle, die in der Nähe sind, ergötzen sich daran und zücken das Handy, um ein Video zu machen. Ja, ein Bengalo ist heiß. Aber wie viele Menschen haben deshalb bislang Schaden genommen?

Ben: Jedenfalls deutlich weniger als durch Pfefferspray-Einsätze der Polizei.

Dennoch: Pyrotechnik bleibt eine Gefahrenquelle.

Heidi: Nicht, wenn man verantwortungsbewusst damit umgeht. Für uns gehört Pyrotechnik als elementares Stilmittel dazu.

Ben: Deshalb machen wir uns für die Legalisierung stark, denn je mehr man sich verstecken muss, desto gefährlicher wird’s. Wenn ich auf dem Zaun sitzen kann und meinen Bengalo in die Luft halte, besteht keine Gefahr, weder für mich noch für andere.

Das mag sein. In der Vergangenheit kam es allerdings mehrfach zu Fehlverhalten, etwa beim Pokalspiel in Rostock. Das Image der Ultras ist nicht gerade blütenweiß.

Heidi: Dieses „gute Fans, schlechte Fans“ kennen wir zur Genüge – von den Medien und auch von Herthas Verantwortlichen. An einem Tag feiert man die „einzigartigen Choreos“, eine Woche später werden Bengalos gezündet und wir sind „keine Herthaner“ oder „keine Fans“ mehr. Dass beide Aktionen von denselben Menschen durchgeführt werden, darüber redet kein Mensch.

Genauso wie über Ihr soziales Engagement.

Heidi: Das ist ein Teil von uns. Mit dem Einfluss, den wir in unserem Mikrokosmos haben, wollen wir etwas Gutes tun – zum Beispiel mit der Aktion „Spendet Becher, rettet Leben“. Einmal im Jahr rufen wir alle Stadionbesucher auf, ihre Becher zu spenden. Den Erlös spenden wir an wohltätige Initiativen, genauso wie Tonnen von Kleidung.

Heidi und Ben, neben Ihnen, den Fans, stellen auch Medien, Sponsoren und viele weitere Akteure Ansprüche an den Fußball. Braucht es mehr Zugeständnisse?

Ben: Klar, es braucht Kompromisse. Aber diese wurden notgedrungen bisher nur von den Fans gemacht. Die Frage ist doch, ob wir eine vernünftige Balance haben. Es geht uns nicht darum, dass alle nach unserer Pfeife tanzen. Aber die Verhältnisse müssen gesund sein, und das sind sie nicht.

Heidi: Von mir aus soll es ruhig VIP-Logen geben. Oder Spieler, die 20 Millionen pro Jahr verdienen. Das kann ich eh nicht ändern. Aber eines darf bitte nicht passieren: Dass dieser kleine Freiraum Fankurve noch weiter eingeschränkt wird. Wir sehen doch, dass die Selbstregulierung der Kurve funktioniert. Wenn sie das nicht täte, hätten wir ganz andere Themen – Gewaltexzesse oder Rassismus. Diese Entwicklung wird aber nicht wahrgenommen. Man sieht nur, dass mal wieder Bengalos gezündet werden.

Was muss passieren, damit es wieder zu einer Annäherung zwischen der aktiven Fanszene und Herthas Klubführung kommt?

Heidi: Die handelnden Personen müssten ausgetauscht werden, aber das ist unrealistisch. Das Vertrauen ist erstmal weg. Wir saßen acht, neun Jahre gemeinsam am Tisch, ehe in nur einem Jahr alles zunichte gemacht wurde. Das ist bedenklich.

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