Besuch aus Norwegen kommt selten. Umso mehr freute sich Per Skjelbred (30) über die Schüler, die nach dem Training auf ihn warteten. Foto um Foto machte Herthas Mittelfeldspieler mit den Jugendlichen, auch Autogramme schrieb er fleißig. „Die kommen aus Bergen, wie mein Vater“, sagte Skjelbred und lachte, „das hab’ ich gleich am Dialekt gehört.“

Ein wenig Ablenkung tut auch einem erfahrenen Profi wie ihm mal ganz gut. Wirklich lustig ist seine Situation ja gerade nicht beim Berliner Bundesligisten. In den vergangenen drei Begegnungen kam er keine einzige Minute zum Einsatz. Zum ersten Mal während seiner Zeit bei Hertha BSC ist er, der immer gespielt hat, außen vor.

Die Hanseaten zahlten rund 16 Millionen Euro an Hertha

„Das ist richtig, die Situation ist neu für mich. Wenn ich fit war, stand ich immer auf dem Feld“, sagt Skjelbred. Gesprochen habe der Trainer bisher mit ihm nicht. Wieso, weshalb, Skjelbred kann es nur ahnen. „Wenn ich gespielt habe, haben wir zuletzt nicht so oft gewonnen, da ist es legitim, dass was geändert wird“, sagt er. Fabian Lustenberger erhält aktuell von Trainer Pal Dardai den Vorzug, Arne Maier ist derzeit ohnehin gesetzt. „Lusti war für diesen Moment einen Tick besser – spielerisch und wegen seiner Kopfballstärke“, erklärt Dardai, gibt allerdings zu: „Einem Spieler wie Per zu sagen, dass er nicht spielt, ist nicht einfach.“ Nun spielt Skjelbred schon viel zu lange Fußball, um in Endzeitstimmung zu verfallen. „Ich muss mich im Training weiter zeigen. Jeder weiß, wie schnell es gehen kann. Ich werde meine Chance sicher wieder bekommen. Dann muss ich da sein“, sagt er. Dardai sieht es ähnlich. „Per ist immer noch ein Führungsspieler“, sagt der Ungar, „vielleicht ist er am Sonnabend schon wieder dabei.“ Dann ist Hertha beim Hamburger SV zu Gast (15.30 Uhr), Skjelbreds Ex-Klub, bei dem er vor fünf Jahren regelmäßig auf der Bank saß.

Skjelbred gehört zur stattlichen Zahl an Fußballern, die über die Jahre zwischen Berlin und Hamburg transferiert wurden. Über Jahre wirkten die Klubs wie ziemlich beste Geschäftspartner. Von Berlin nach Hamburg verschlug es seit 2007 Jerome Boateng, Jaroslav Drobny, Gojko Kacar und Pierre-Michel Lasogga. Den umgekehrten Weg nahmen Änis Ben-Hatira und eben Skjelbred, der zuerst in einer Art Tausch gegen Lasogga ausgeliehen wurde. Ein Jahr später wechselten beide fest den Arbeitgeber – allerdings zu höchst unterschiedlichen Konditionen. Hamburg überwies für den Stürmer rund achteinhalb Millionen Euro nach Berlin, Skjelbred kam für zirka anderthalb Millionen in die Hauptstadt. Überhaupt herrscht ein deutliches Ungleichgewicht, was den Geldfluss angeht. Der HSV ließ sich die Berliner Spieler um die 16 Millionen Euro kosten, Hertha die Hamburger nur zwei.

Skjelbred ist ein Musterprofi mit Führungsqualitäten

Aus diesen Zahlen lässt sich das Profil ableiten, das sich beide Klubs in der jüngeren Vergangenheit gegeben haben. Hamburg tritt vornehmlich als Käufer auf, der verheißungsvolle Talente oder fertige Fußballer zu oft überzogenen Preisen holt und mit noch stärker übertriebenen Gehältern ausstattet. Hertha dagegen nahm die Rolle des Schnäppchenjägers ein. Dass sich der HSV als Sprungbrett darstellte, traf nur im Fall von Boateng ein. Für Kacar zahlte sich der Wechsel nicht aus, so gut wie in Berlin sollte er bis zum heutigen Tag nie wieder Fußball spielen. Auch Lasogga ließ nach verheißungsvollem Beginn immer stärker nach und spielt heute in der zweiten englischen Liga bei Leeds United.

Gemessen am Preis-Leistungs-Verhältnis ist Skjelbred der größte Transfercoup der Geschäftigkeiten zwischen Hamburg und Berlin – abgesehen von Boateng, der eine Weltkarriere einschlagen sollte. In der Bundesliga bringt es der Norweger in fast vier Spielzeiten bisher auf 105 Einsätze für Hertha. In ihm gewannen die Berliner einen Musterprofi mit Führungsqualitäten. 13 Mal trug er die Kapitänsbinde, sein Wort hat in der Kabine Gewicht, nur sind die verbleibenden acht Spiele auch für ihn und seine weitere Karriere in Berlin nicht unwichtig. Skjelbred will spielen, Skjelbred muss spielen. Auch aus Zwecken der Eigenwerbung. Nach der kommenden Saison läuft sein Vertrag aus. Außer einem Verbleib in Berlin wäre nur eine Rückkehr nach Norwegen eine Option, das hat er vor einiger Zeit bereits angedeutet. Ein Wechsel zurück nach Hamburg gilt dagegen als ausgeschlossen.