Nein, es ist keine beliebige Dienstreise, der Ausflug am Sonnabend. Zum einen, weil der Autor dieser Zeilen in den 1980ern sechs Jahre in Hamburg gelebt hat, ehe es nach Berlin ging. Zum anderen, weil nicht abzusehen ist, wann sich der Hamburger SV und Hertha BSC ein nächstes Mal gegenüberstehen ­werden. Zu aussichtslos ist die Lage, selbst die Optimisten unter den HSV-Fans glauben nach 55 Jahren Bundes­liga-Zugehörigkeit in dieser Saison nicht mehr an den Klassenerhalt.

Meine erste Erinnerung an das Volksparkstadion geht in den Juni 1988 zurück. Da sind mir holländische Gassenhauer im Ohr. Hatte bei der Bestellung der Tickets zum Europameisterschafts-Halbfinale übersehen, dass die Plätze direkt neben der gegnerischen Fan-Kurve lagen. Und wessen Anhänger feierten lautstark bei der 1:2-Niederlage der deutschen Nationalmannschaft gegen die Niederlande mit dem damals überragenden Marco van Basten …

Von 100 auf 0 in 30 Minuten

Zehn Jahre später hatten sich die Fußballzeiten geändert. Als einer der ersten Klubs baute der HSV eine moderne Fußball-Arena. Im Dezember 1998 saß ich mit 45 Medien-Kollegen auf der neuen, aber völlig leeren Haupttribüne, die noch nicht fürs Publikum freigegeben war. Und bestaunte den, wie sich herausstellen sollte, einzigen starken Auftritt von Piotr Reiss. Der Pole brachte Hertha in Führung, am Ende fuhren die Berliner mit einem 4:0-Auswärtssieg heim. Doch der Morgenpost-Berichterstatter war zerknirscht. So stolz er auf sein neues Ericsson-Handy war, wusste er nicht, dass bei Minus 12 Grad - die es in jener Nacht hatte - 100 Prozent Akku-Kapazität innerhalb von 30 ­Minuten bei null angelangt war …

Es war immer eine Menge los im Volkspark - das letzte 0:0 in Hamburg datiert von 1970. Damals standen Uwe Seeler und Gert Dörfel auf dem Platz sowie Volkmar Groß und Zoltan Varga. In den vergangenen Jahren war es oft hektisch. Im August 2004 kassierte Hertha binnen zehn Minuten zwei ­Rote Karten: Erst flog Abwehrchef Dick van Burik, weil er Bernd Hollerbach mit der flachen Hand geschubst hatte, der Hamburger sank daraufhin theatralisch zu Boden. Wenig später warf sich Bernado Romeo, der langsamste Stürmer, der je das HSV-Trikot getragen hat, im Laufduell mit Arne Friedrich zu Boden – der Schiedsrichter entschied auf Notbremse, Hertha verlor 0:2. Im August 2006 teilten sich die ­Rivalen die Feldverweise: Auf Hamburger Seite traf es Collin Benjamin, auf Berliner Seite Sofian Chahed.

Flaschenwurf auf Hertha-Bus

Im Februar 2014 war das gesamte Umfeld aufgeheizt. Schon vor der Partie hatte es bei der Anfahrt einen Flaschenwurf auf die Frontscheibe des Hertha-Busses gegeben. Die Gäste sorgten mit einem 3:0 im Volkspark für die sechste Hamburger Niederlage in Folge und Platz 17. Nach dem Spiel machten frustrierte HSV-Fans Jagd auf die eigenen ­Profis. Die stämmigsten Ordner, über die der Verein verfügte, eskortierten die verunsicherten Profis zu eilig heranrollenden Wagen, die dann mit hoher Geschwindigkeit vom Parkplatz preschten – gespenstische Szenen.

Und heute? Gefühlt wünschen sich die meisten Fußball-Fans des Landes, endlich erlöst zu werden vom Dauerkrisen-Klub HSV und dem Dino-Gerede. Schluss mit 1983, dem Magath-Tor gegen Juventus Turin ... das ist 35 Jahre her. Einmal absteigen, sich neu aufstellen – und dann wieder angreifen.

Kronzeuge Michael Preetz

Ein Konkurrenzverhältnis zwischen Hertha und dem HSV gibt es schon ­länger nicht mehr. In Berlin wird eine eigene Strategie verfolgt ... Hertha als Ausbildungsverein für die Großklubs. Beim HSV ist von einer Strategie oder Philosophie schon länger nicht mehr die Rede.

Stattdessen rufen die Abendblatt-Kollegen aus Hamburg an: Ob es im Archiv noch Interviews von Michael Preetz gibt: Wie der Hertha-Manager es 2013 ­geschafft hat, den Abstieg in die Zweite Liga für einen Neustart zu nutzen. Und Michael Färber, der Morgenpost-Reporter von Zweitligist 1. FC Union, hat sich schon erkundigt: nach der besten Reiseroute zum Volkspark.