Als Salomon Kalou (32) ein kleiner Junge war, versammelten sich er und seine Geschwister abends oft im Wohnzimmer, um dem Vater zuzuhören. Der Mann, von Beruf Lehrer, war ein begnadeter Vorleser und die Kinder liebten es, seiner Stimme zu lauschen. Weil er viel für Geschichte übrig hatte, trug er oft aus historischen Büchern vor. Berlin, so lehrte Vater Kalou seinen Nachwuchs, sei nicht nur die Hauptstadt Deutschlands, sondern auch die der Weltgeschichte. Salomon stellte sich in Gedanken oft die Straßen und Häuser dieser fernen Metropole vor, er fragte sich, wie die Menschen dort wohl leben, wie sie arbeiten und was sie glücklich macht.

Gegen Mainz könnte er sein zehntes Saisontor erzielen

Durch die Straßen, deren Bild er damals in seinem Kopf hatte, streift Salomon Kalou heute gern in seiner Freizeit. Ironie des Schicksals, dass er Jahre später nun selbst mithilft, die Laune vieler Bewohner dieser Stadt zu heben. Mit seinen Toren trägt er dazu bei, dass der größte und ranghöchste Fußballklub Berlins auch in dieser Saison wieder von der Qualifikation für einen internationalen Wettbewerb träumen darf. Neun Treffer hat er schon erzielt und nach Möglichkeit soll am Freitag, im Spiel von Hertha gegen Mainz im Olympiastadion (20.30 Uhr/Eurosportplayer), ein zehnter hinzukommen. Trainer Pal Dardai ist davon überzeugt, dass dieses Tor früher oder später ohnehin fällt, ob nun gegen Mainz oder gegen einen anderen Gegner. „Zehn Tore in der Bundesliga zu schießen ist immer eine große Sache. Wir sind sehr zufrieden mit ihm“, sagt Dardai. Ein Satz, den Herthas Trainer vor vier Monaten vermutlich so nicht gesagt hätte.

Ende November stand es nicht gut um den Angreifer von der Elfenbeinküste. Das Wetter war mies und Kalous Form war es auch. Vier Pflichtspiele in Folge kam er nicht zum Einsatz, das hatte es seit seiner Ankunft in Berlin vor dreieinhalb Jahren noch nie gegeben. Kalou ist fertig, seine Zeit neige sich dem Ende, war in diesen Tagen oft zu hören. In einem Sport, der keine Pausen mehr kennt, ist es leicht, einen alternden Torjäger abzuschreiben. Erst recht einen, der früher mal von seinem wahnwitzigen Tempo lebte, der heute aber bei jedem Antritt mit dem Gegner kämpfen muss. Dem Stürmer blieb nur eine Antwortmöglichkeit: Tore. In Augsburg rettete er Hertha in letzter Sekunde. Danach sprach er trotzig in die Mikrofone: „Comeback? Das ist kein Comeback. Ich war nie weg.“

Als Kind war der Stürmer zu klein und zu schmächtig für den Fußball

Nun damit konfrontiert, muss Kalou lachen. „Ach, ich war nicht sauer. Fußball ist Emotion, erst recht wenn man so spät ein Tor schießt.“ Draußen zu sitzen sei nicht schön gewesen, gewiss nicht. Aber schwer? „Schwer sind ganz andere Dinge im Leben“, sagt er.

Einem wie ihm ist solch ein Satz getrost abzunehmen. Kalou wuchs in der Elfenbeinküste auf. Seine Familie war nicht arm, aber ganz sicher auch nicht reich. Sein Leben als Kind spielte sich auf der Straße ab, den Ball hatte er stets bei sich. „Wir haben von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang Fußball gespielt. Manchmal haben wir sogar vergessen zu essen“, erzählt er.

Seine Ausbildung in der Akademie von Abidjan begann erst verhältnismäßig spät, lange wollte ihn niemand, weil er als Kind sehr klein und sehr schmächtig war. Vieles von dem, was Kalou heute auf dem Fußballfeld macht, macht er aus Instinkt. So wie früher auf der Straße. Sein Instinkt hilft ihm, auch im hohen Stürmeralter im Hochgeschwindigkeitstrakt Bundesliga zu überleben. Trainer Dardai erzählte jüngst, dass sein prominenter Angreifer natürlich etwas vom früheren Tempo eingebüßt habe, er inzwischen aber viel intelligenter spiele. Was Dardai meint, sind vor allem die Überzahlsituationen, die Kalou ausspielt wie kein Zweiter.

Stets trifft er die richtigen Entscheidungen, spielt die richtigen Bälle zur richtigen Zeit und schafft durch Lauf- und Passwege Räume, wo vorher keine waren. Räume, die nur er sieht. Auf diese Qualitäten wird es gegen Mainz 05 besonders ankommen. Der Gegner steckt mitten im Abstiegskampf und wird den Berlinern sehr wahrscheinlich nicht viel Platz anbieten. Gegen tief stehende Mannschaften ist Kalou mit seinen fußballerischen Fähigkeiten immer eine Bereicherung, genau wie Vedad Ibisevic. Am Freitag könnten beide seit einiger Zeit wieder gemeinsam von Beginn an auflaufen. Davie Selke ist nach überstandener Erkältung zwar genau wie Jordan Torunarigha (Hüftprellung) wieder fit, Trainer Dardai sagt aber: „Beide können spielen. Ob sie denn auch spielen, ist eine andere Sache.“ Nach der Trainingswoche hat Ibisevic einige Argumente auf seiner Seite.

In seiner Freizeit geht der Ivorer lieber ins Museum

Salomon Kalou kennt solche Situationen. Mit dem Alter hat er gelernt, die Dinge gelassener zu betrachten. Davon abgesehen, dass er auch in jungen Jahren nicht unbedingt zu den aufgeregten Vertretern seiner Zunft gehörte. „Im Fußball geht es bergauf und bergab, wie im Leben. Wenn du etwas erwartest, passiert genau das Gegenteil“, sagt er. Weil der Sport verlässlich diesem Algorithmus folgt, hat er sich abgewöhnt, sich in seiner Freizeit allzu viele Gedanken zu machen. „Ich schaue mir lieber einen Film an, statt einem Fußballspiel im Fernsehen“, sagt er. Am liebsten geht er in seiner Freizeit jedoch ins Museum. Die Liebe zur Geschichte hat er von seinem Vater übernommen. Danach schlendert er dann durch die Straßen Berlins, die voll sind mit Menschen und irgendwie genau so aussehen, wie er sie sich als Kind vorgestellt hat.